Moderner Mönch - DER SPIEGEL
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USA Moderner Mönch

Verbraucheranwalt Ralph Nader, in den USA als Tugendbold der Nation bewundert, wird von einem früheren Sympathisanten beschuldigt, ein übler Karrierist zu sein.
• aus DER SPIEGEL 32/1976
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Der Mann ist machtbesessen und rachsüchtig, dazu scheinheilig und arrogant. Er leidet unter Verfolgungswahn. reagiert allergisch auf jede Kritik, und fast krankhaft ist auch seine Geheimniskrämerei. Er schlampt und schludert, manipuliert und diffamiert: Ralph Nader, der erfolgreichste Verbraucher-Anwalt der Weh, ist für den Journalisten David Sanford ein Finsterling von Nixon-Format.

In einem jüngst erschienenen Buch behauptet Sanford etwa. Nader verdrehe Fakten, um sich gegen berechtigte Kritik zu wehren Er bausche die Untersuchungen seiner Helfer zu Sensationsberichten auf, verheimliche seine Geldgeber und vertusche seinen finanziellen Status. Er führe Journalisten irre und beute zudem auch noch seine Mitarbeiter aus.

Die bei den meisten Amerikanern verbreitete Ansicht, Nader kämpfe ehrlich. bescheiden und selbstlos mit vollem persönlichem Einsatz gegen Profitsucht, Ineffizienz und Korruption in Konzernen. Parlamentsausschüssen und Behörden, ist nach Sanford nur eine groteske Fehleinschätzung.

* David Sanford: »Me & Ralph Is Nader Unsafe for America?« The New Republic Book Co.: Washington D.C.; 135 Seiten; 7,95 Dollar.

So hart urteilten bislang kaum die üblichen Nader-Gegner: Seit der in Harvard geschulte Jurist 1965 durch eine Studie über das General-Motors-Automodell Corvair mit dem vernichtenden Urteil »Unsicher bei jeder Geschwindigkeit« (Unsafe at Any Speed) zum Idol der Verbraucherbewegung aufgestiegen war, hatten Unternehmer und Konservative ihn stets als Feind der freien Wirtschaft und verkappten Kommunisten abzutun versucht.

Sanford hingegen, Chefredakteur der liberalen Zeitschrift »The New Republic«. hatte einst den Privatdetektiv entlarvt, den General Motors nach dem Corvair-Bericht auf Nader angesetzt hatte. Später arbeitete er verschiedentlich mit dem Unternehmer-Schreck zusammen.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Scharf und meist überaus polemisch greift Sanford den »Mythos« an. Nader sei ein unbestechlicher, asketischer Mann, der Eigentum, Sex, gutes Essen und Coca-Cola verschmäht, 18 Stunden am Tag arbeitet, nie Urlaub nimmt und von seinen auf 250 000 Dollar geschätzten Jahreseinkünften angeblich nur 5000 Dollar für persönliche Zwecke abzweigt.

Diesem von der Presse liebevoll polierten Heiligenschein verdanke der »Mönch des 20. Jahrhunderts« (Sanford) sein öffentliches Ansehen, das ihn vor einigen Jahren bei einer Gallup-Umfrage nach dem am meisten bewunderten Mann der Welt auf den sechsten Platz geschoben hatte -hinter den damaligen Vizepräsidenten Spiro Agnew. aber noch vor Papst Paul.

Immerhin: 1972 ließ der demokratische Präsidentschaftskandidat George McGovern bei Nader anfragen, ob der Verbraucher-Papst im Falle seiner Wahl Vizepräsident werden wolle. Nader lehnte ab: Er sei nicht daran interessiert, ein öffentliches Amt zu übernehmen. »Als ein Störenfried hat er mehr Macht und mehr Manövrierfähigkeit«, so Sanford, »als er es als Senator oder Präsident hätte.«

Diesen Einfluß verdankt Nader laut Sanford neben seiner Imagepflege auch der Neigung, kritische Berichte seiner Helfer stärker anzuschärfen, als es die Fakten eigentlich erlauben. So hatte Nader das Fazit der Volkswagen-Studie eines Mitarbeiters, der Käfer sei nicht sicher genug, zu dem vernichtenden Urteil hochgetrimmt, der Volkswagen sei das gefährlichste Auto, das in Amerika angeboten werde.

Zu wenig Sorgfalt bei manchen Reports -- etwa bei dem groß angelegten »Congress Project« oder der Studie »Constitutionalizing the Corporation« -- werfen auch Kritiker, die Naders Kreuzzug ansonsten positiv gegenüberstehen, dem Verbraucheranwalt und seinen zahlreichen Helfern vor.

Denn Naders Forschungs- und Lobby-Betrieb ist längst zu einem kaum noch überschaubaren Konglomerat mit über 20 Organisationen und Projektgruppen ausgeufert, in denen mindestens 75 festangestellte Akademiker und Scharen freier Mitarbeiter für die Ziele des Großmeisters der Verbraucherbewegung tätig sind.

Selbst Nader-Bewunderer fürchten, ihr Vorbild verzettele und verschleiße sich, weil einfach zu viele Projekte angefaßt würden. Nader laufe Gefahr, durch zu verbissene Suche nach immer neuen Übeln seine Anhänger und sich selbst zu frustrieren.

»Es ist Zeit für einen Urlaub, Ralph«, riet daher Nader-Sympathisant Gen Joseph in einem »Washington Post«-Kommentar dem anscheinend nimmermüden Weltverbesserer, »du wirst es nicht glauben, aber es gibt mehr auf der Welt als Probleme.«

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