KONKURSE Möglichst unauffällig
Der Scheck war auf 36 027 155,25 Mark ausgestellt und kam aus Saudi-Arabien - die November-Rate für den Bau eines Schwimmstadions in Riad. Ordnungsgemäß wurde der Eingang der Millionen beim Empfänger, der Westdeutschen Landesbank (WestLB), verbucht.
Doch die Gutschrift vom 30. Dezember 1977 hat ein böses Nachspiel. Das Geld, so meinte vergangene Woche der Bundesgerichtshof (BGH), habe die Bank möglicherweise unberechtigt empfangen.
Das Stadion in Riad war von der Beton- und Monierbau (BuM) gebaut worden, die inzwischen in Konkurs ging. Die Landesbank hatte die Aufgabe übernommen, alle Geldeingänge aus Riad auf ein Sonderkonto zu leiten. Davon sollten Forderungen von Zulieferanten und Subunternehmern des BuM-Konzerns beglichen werden.
Als im Frühjahr 1979 Deutschlands sechstgrößter Baukonzern in Konkurs ging, war von dem Konsortialkonto nicht mehr viel zu holen. Die WestLB, so behauptet der Düsseldorfer Konkursverwalter Friedrich Wilhelm Metzeler schon seit Jahren, hatte in Kenntnis der prekären Finanzlage des Bauunternehmens mit den Geldern, zusammen 70 Millionen Mark, ihre eigenen Kreditrisiken abgedeckt.
Beim Düsseldorfer Oberlandesgericht war Metzeler mit einer Klage jedoch zunächst abgeblitzt. Nach dem Spruch des BGH müssen die verantwortlichen Bankiers jetzt aber damit rechnen, daß der gesamte BuM-Fall vor dem Oberlandesgericht mit neuen Beweisunterlagen
und Belastungszeugen noch einmal aufgerollt wird.
Zu klären sei dann, so der BGH-Vizepräsident Walter Stimpel, ob die rheinische Staatsbank nicht auch noch wegen »vorsätzlicher Konkursverschleppung haften« müsse. Die Bank habe sich dadurch, meint Konkursverwalter Metzeler, noch »weitere Zahlungen und sonstige Vorteile« verschaffen wollen. Die Landesbank, die zwei Jahre vor dem Kollaps des Baukonzerns noch 20,5 Prozent des BuM-Aktienkapitals besaß, hat nach Metzelers Ansicht das Ausmaß der BuM-Lage lange Zeit verheimlicht.
In den Jahren 1974 bis 1977 hatte BuM Betriebsverluste von insgesamt 247,6 Millionen Mark angehäuft - mehr als das Zehnfache des BuM-Aktienkapitals. Damit wäre eigentlich schon der Gang zum Konkursrichter fällig geworden.
Die Betriebsverluste, so Metzeler, seien jedoch durch vorgezogene Abrechnungen für mehrjährige Aufträge und andere Bilanztricks verdeckt worden. Die Bankiers hätten davon gewußt.
Die Manöver der WestLB hat Metzeler bis ins Jahr 1972 zurückverfolgt. Damals hatte der Landesbank-Vize Johannes Völling der Chemiegruppe Rütgers ein achtprozentiges BuM-Paket abgekauft und dann in Raten ihren Besitz auf über 20 Prozent aufgestockt.
Doch schon bald setzte sich die Landesbank wieder vom kränkelnden Baukonzern ab. Auch Rütgers wollte seinen BuM-Anteil loswerden. Die Firma verkaufte ein Aktienpaket von 37 Prozent an den holländischen Mischkonzern Ogem. Von der WestLB erwarben die Niederländer sieben Prozent hinzu.
Als die Ogem-Bosse Mitte August 1977 die ernste Lage bei Beton- und Monierbau erkannten, erhoben sie schwere Vorwürfe gegen die beiden Verkäufer. Sie drohten mit dem Staatsanwalt. Das half. WestLB und Rütgers gewährten einen Nachlaß von zehn Millionen Mark. Für den Fall eines Konkurses noch im Verkaufsjahr 1977 sollte Ogem weitere 22 Millionen Mark zurückbekommen. Bei einer Pleite im zweiten Jahr wären 16,8 Millionen, im dritten Jahr zehn Millionen Mark zusätzlich fällig gewesen.
Fortan mußten die WestLB und Rütgers ihre Bemühungen darauf konzentrieren, einen Konkurs so weit wie möglich hinauszuzögern. Gleichzeitig baute das bei der WestLB zuständige Vorstandsmitglied Vinzenz Grothgar den Bestand an BuM-Aktien bis auf 3,6 Prozent ab. Nun mußten die WestLB-Manager nur noch ihre staatlichen Beton-und-Monier-Kredite rasch und möglichst unauffällig wieder hereinholen.
Im Herbst 1977 waren die Bankiers nur noch unter bestimmten Auflagen bereit, weiter Geld in die Baufirma zu stecken. Sie verlangten - so heißt es in einer Notiz der WestLB - »eine ins einzelne gehende Berichterstattung über den Kreditbedarf von BuM und seine Abdeckung«. Doch drei Tage vor Weihnachten 1977 begann bei BuM der Countdown. Genau 213 Millionen hatte BuM in Anspruch genommen.
Ultimativ forderte die Landesbank den BuM-Vorstand auf, Kredite in Höhe von 107 Millionen Mark sofort zurückzuzahlen. BuM zahlte notgedrungen und lieferte sogar den 36-Millionen-Mark-Scheck der Saudis mit ab.
Von diesem Schlag, so der Konkursverwalter, habe sich der Baukonzern nicht mehr erholt: Selbst Staatsbürgschaften über 150 Millionen Mark konnten die Pleite nicht mehr verhindern.