KONZERNE Montis heißester Fall
So viel Hilfe vom Staat hatte noch kein Industrieunternehmen in der Europäischen Union bekommen: Im September vergangenen Jahres rettete Paris seinen traditionsreichen Energieanlagen- und Verkehrstechnikkonzern Alstom mit einem Hilfspaket von über acht Milliarden Euro vor dem Konkurs.
Er sei überzeugt, rechtfertigte der Pariser Finanzminister Francis Mer den neuen Beihilferekord bei EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti damals, dass das Geld gut angelegt sei. Mit Hilfe der Steuermilliarden werde Alstom, Erbauer des Hochgeschwindigkeitszuges TGV, genesen und danach »dauerhaft ohne weitere Hilfe überleben«.
Der staatliche Geldsegen hat gerade mal sechs Monate gereicht. Vorige Woche musste Alstom-Chef Patrick Kron eingestehen, dass sein Konzern schon wieder klamm ist und dass Milliardenkredite aus dem Vorjahr eventuell bald nicht mehr vertragsgemäß bedient werden können. Der Alstom-Kurs an der Pariser Börse stürzte zeitweise um 25 Prozent ab.
Für EU-Wettbewerbskommissar Monti könnte der Schwächeanfall bei Alstom eine willkommene Entscheidungshilfe bieten. Nächsten Monat will er darüber entscheiden, ob die Staatshilfe aus Paris mit dem EU-Wettbewerbsrecht zu vereinbaren ist - für den Kommissar, so ein Mitarbeiter, sein bisher »heißester Fall«.
Da das Geld bereits geflossen ist, kann es sich der Wettbewerbskommissar kaum leisten, die Beihilfe im Nachhinein für rechtswidrig zu erklären und das Geld zurückzufordern. Eine Genehmigung in der Größenordnung allerdings ist nur vorstellbar, wenn wie in früheren Vergleichsfällen das begünstigte Unternehmen gezwungen wird, problematische Geschäftsteile abzugeben, um so die Überlebenschance zu erhöhen.
Genau darauf hofft Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Der Münchner Konzern, in Europa einziger ernsthafter Konkurrent Alstoms sowohl in der Verkehrstechnik als auch bei der Energieerzeugung, hatte Alstom bereits im April vorigen Jahres für 1,1 Milliarden Euro das Geschäft mit den kleineren Industrieturbinen abgekauft. Doch Pierer hätte gern mehr.
Mit einem Gutachten des Ökonomen Carl Christian von Weizsäcker versucht Siemens, Monti davon zu überzeugen, dass Alstom nur ohne sein Großturbinengeschäft überleben kann. Und dass es wettbewerbsrechtlich durchaus zu vertreten sei, wenn Siemens als Käufer aufträte. Ob die beiden nun zusammen oder getrennt seien: General Electric beherrsche in jedem Fall den Markt zu 60 Prozent.
Um eine Überlebenschance zu haben, ließ Siemens in Brüssel vortragen, müsse Alstom das hoch defizitäre Energie- und Großturbinengeschäft von den übrigen Bereichen Verkehr und Schiffbau trennen. Den Verkauf des Verkehrsbereichs - und vor allem der TGV-Technik - könne man den Franzosen nicht zumuten. Doch für die Abgabe des Verlustbringers Großturbinen spreche alles - auch für den Verkauf an den Konkurrenten Siemens.
Der Käufer des Gasturbinengeschäfts, ließ Pierer argumentieren, müsse jemand sein, »der selbst die Technologie erfolgreich beherrscht und durch den Betrieb der Alstom-Produktionsanlagen von Synergien profitieren könnte« - eben Siemens.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar versuchte Pierer persönlich den französischen Finanzminister Mer vom Sinn eines europäischen Global Player im Milliardengeschäft mit den Gasturbinen zu überzeugen. Die Stimmung danach beschreibt ein Insider: »Die wollen einfach nicht, dass Siemens was bekommt.«
Das hat sich vorige Woche geändert. Der Einbruch bei Alstom hat den Zweiflern auch in Paris deutlich gemacht, dass der französische Traditionskonzern in seiner jetzigen Aufstellung wohl doch nicht am Markt bestehen kann.
Pierer ist seinem erklärten Ziel, Siemens mit Großeinkäufen zu stärken, ein gutes Stück näher gekommen.
HEIKO MARTENS