ENERGIE Müllers pikante Rolle
Die Runde von Managern, die Ulrich Hartmann vergangene Woche über den neuesten Stand der Ruhrgas-Übernahme informierte, war schnell beruhigt. Größere Probleme, so der E.on-Chef, werde es auch nach der Ablehnung des Kartellamts vermutlich nicht geben.
Immerhin habe Bundeskanzler Gerhard Schröder schon im Oktober in Aussicht gestellt, dass im Falle einer Ablehnung durch das Kartellamt auch ein Antrag auf eine Ministererlaubnis gestellt werden könne. Auch Wirtschaftsminister Werner Müller habe in Gesprächen signalisiert, dass es eine offene Prüfung der Frage geben werde. Ein erhöhtes Risiko für den Konzern, so Hartmann, bestehe deshalb nicht. Immerhin habe man für die bevorstehende Prüfung überzeugende Argumente.
Wenn sich der E.on-Chef da mal nicht irrt. Denn tatsächlich hat die von Müller bereits vor Wochen in Aussicht gestellte Ministererlaubnis eine Welle der Empörung losgetreten. Politiker fast jeder Couleur warnten davor, die Entscheidung des Kartellamts zu kippen. Kartellexperten wie Wernhard Möschel bezweifelten gar die Notwendigkeit einer Prüfung. Verbraucherschützer meldeten massive Proteste bei der EU-Kommission an.
Zudem arbeiten E.on-Konkurrenten hinter den Kulissen bereits an Klagen und Einsprüchen, die eine Übernahme des größten europäischen Gasimporteurs durch den Düsseldorfer Konzern - trotz Ministererlaubnis - über Jahre hinweg lahm legen könnten. Dietmar Kuhnt, Chef des E.on-Erzkonkurrenten RWE, schreckte nicht einmal davor zurück, persönlich beim Kanzler vorzusprechen und gegen eine Ministererlaubnis zu intervenieren.
Dabei schien alles so einfach und logisch, als Hartmann im Juli vergangenen Jahres ein spektakuläres Tauschgeschäft mit dem britischen Ölmulti BP verkündete. Die E.on-Tochter Veba Oel mitsamt den rund 2600 Aral-Tankstellen sollten die Briten erhalten. Im Gegenzug sollte E.on von dem Ölkonzern ein Paket von mehr als 25 Prozent an der Ruhrgas AG bekommen.
»Ein ausgezeichneter Deal mit Gewinnern auf allen Seiten«, jubelten Analysten. Von einem genialen »strategischen Doppelschlag« schwärmten Wirtschaftszeitungen wie das »Handelsblatt«.
Beflügelt von so viel Lob, machte Hartmann sich an die Arbeit, weitere Anteile zu kaufen. Und bereits im Oktober vergangenen Jahres konnte der umtriebige Manager einen neuen Erfolg verkünden.
Da nämlich erhielt E.on die Zusage von Mannesmann-Eroberer Vodafone, seine indirekt über die Bergmann GmbH gehaltenen Anteile an der Ruhrgas für einen Preis von 850 Millionen Euro erwerben zu können. Eine nie für möglich gehaltene Mehrheit an Deutschlands größtem Gasversorger schien in greifbarer Nähe.
Entsprechend groß war die Freude: Mit dem Ausbau der Ruhrgas-Beteiligung, jubelte Hartmann noch vor einigen Wochen, sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem international führenden Energiekonzern gelungen.
Wäre da nicht das deutsche Kartellamt mit seinem Präsidenten Ulf Böge. Der nämlich stoppte die ehrgeizigen Expansionspläne vergangenen Montag abrupt, indem er den Kauf der Ruhrgas-Anteile durch E.on kurzerhand untersagte. Der geplante Zusammenschluss von Ruhrgas und E.on, heißt es in dem 54-seitigen Schreiben an den Konzern, verstärke die marktbeherrschende Stellung sowohl beim Absatz von Gas als auch beim Strom.
Schon bisher hat die Ruhrgas eine einzigartige Stellung, die in der Vergangenheit allerdings toleriert wurde. Hinzu kämen nun die Gasbeteiligungen von E.on, das Kapital sowie die Durchsetzungskraft eines Großkonzerns.
Ausgerechnet in einer Phase beginnender Liberalisierung auf dem Gasmarkt, so Böge in der Begründung, würden damit die Chancen für »wirksamen Wettbewerb durch andere Ferngasunternehmen von vornherein deutlich verschlechtert«.
Und auch für den Strommarkt befürchtet Böge schlimme Konsequenzen. Denn für die Stromgewinnung werde Gas als Energieträger immer wichtiger. Die heute bereits marktbeherrschende Stellung der beiden Stromgiganten RWE und E.on, so Böge, würde durch den Zusammenschluss mit der Ruhrgas weiter verfestigt.
E.on-Chef Hartmann will solche Argumente nicht gelten lassen (siehe Interview). Das Kartellamt, bemängelt Hartmann, habe bei seinem Verbot lediglich den nationalen Markt im Auge gehabt. In ganz Europa würden jedoch zurzeit die Gas- und Strommärkte geöffnet. International müsse sich E.on mit Konkurrenten wie Shell oder Exxon messen. Vor diesem Hintergrund müsse auch bei der Genehmigung ein deutlich größerer Markt zu Grunde gelegt werden. Konsequent will der E.on-Chef deshalb die umstrittene Ministererlaubnis beantragen.
Tatsächlich gibt es gute Gründe, eine solch seltene Sondererlaubnis zumindest zu prüfen. So operieren die meisten Energieversorger heute bereits weltweit. Und auch die Abhängigkeit Deutschlands von Energieexporten, so der frühere Vorsitzende der Monopolkommission, Carl Christian von Weizsäcker, könnte dafür sprechen, ein deutsches Unternehmen im internationalen Wettbewerb zu stärken.
Der nationale Wettbewerb müsste darunter nicht unbedingt leiden: Denn auch eine Ministererlaubnis könnte mit harten Auflagen verbunden werden.
Was eine Ausnahmegenehmigung durch die Bundesregierung wesentlich pikanter macht, ist die Rolle des zuständigen Wirtschaftsministers Werner Müller. Jahrelang stand er als Manager in Diensten von RWE und der E.on-Vorgängerin Veba. Den Verdacht, die beiden Ex-Monopolisten bei der Gesetzgebung vor allzu hartem Wettbewerb zu schützen, konnte Müller bisher ebenso wenig ausräumen wie allerlei Gerüchte, nach denen er nach seiner politischen Karriere als Manager in eines der beiden Unternehmen zurückkehren will.
Die Opposition, aber auch wohlmeinende Kollegen raten dem Minister deshalb, die Entscheidung über eine Sondererlaubnis wegen Befangenheit lieber einem Ressortkollegen zu überlassen. Doch das lehnt Müller bisher noch ab. FRANK DOHMEN