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BANKEN Münchner Schnäppchen

Die Übernahme der HypoVereinsbank hat die italienische Unicredit so gut wie nichts gekostet. Haben sich die Deutschen über den Tisch ziehen lassen?
• aus DER SPIEGEL 39/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Unicredit-Chef Alessandro Profumo derzeit in Deutschland unterwegs ist, platzt der großgewachsene Italiener schier vor Selbstbewusstsein. »Wir sind ziemlich groß, wir sind ziemlich gut«, lautet seine einfache Botschaft. Es ist die Übernahme der HVB, bis vor kurzem die zweitgrößte deutsche Bank, die Profumo anhaltend gute Laune macht.

Hochrechnungen, für wie viel Geld die bayerische Großbank nach Abzug ihrer Reserven eigentlich verkauft wurde, darf niemand verbreiten. Doch inoffiziell rechnet mancher Italiener in der Mailänder Unternehmenszentrale gern vor, dass die HVB trotz eines Kaufpreises von 15,4 Milliarden Euro de facto keinen Cent gekostet hat.

»Übernahme-Deal des Jahres«, urteilte auch die britische Fachzeitschrift »Euromoney«. Mit einer Investmentrendite von 15 Prozent könnten die Italiener rechnen, heißt es bei den Analysten. Das sei mehr als bei jeder anderen großen Übernahme in der Finanzbranche in den vergangenen Jahren.

Hatte Unicredit-Chef Profumo einfach Glück, weil es seit der Ende 2005 abgeschlossenen Übernahme mit der Konjunktur in Deutschland aufwärtsgeht und selbst die Immobilienkrise überwunden scheint? Oder hat sich der damalige HVB-Chef Dieter Rampl, der mit dem Verwaltungsratsvorsitz bei Unicredit belohnt wurde, schlichtweg über den Tisch ziehen lassen?

Fakt ist: Rampl offerierte den Italienern reiche Reserven im Gegenzug dafür, dass die sich bei dem etwas heruntergewirtschafteten Institut engagierten. Wirtschaftsprüfer ermittelten gerade allein für die HVB-Beteiligung an der österreichischen Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) und an einigen osteuropäischen Banken einen Wert von 13,7 Milliarden Euro.

Hinzu kommen die Milliardenerlöse, die die Italiener mit dem Verkauf anderer HVB-Beteiligungen erzielten. Selbst die Münchener-Rück-Aktien aus dem Portefeuille, die Rampl 2004 in einer dramatischen Aktion wertberichtigt hatte, brachten dank der besseren Börsenstimmung bei dem Teilverkauf der Aktien 800 Millionen Euro Liquidität und einen Buchgewinn von etwa 150 Millionen Euro.

Zudem brummt das Geschäft der HVB wie schon lange nicht mehr. Zusätzliche Milliardenabschreibungen für Kredite, mit denen Rampl den Aktienkurs der HVB regelmäßig absaufen ließ, hielten die Italiener bei ihrer deutschen Tochter nicht mehr für notwendig. Der Nettogewinn des Übernahmeopfers HVB lag in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sogar höher als beim Übernehmer Unicredit.

Obwohl fast die gesamte deutsche Führungsmannschaft vor den manchmal selbstherrlichen Methoden von Profumo (Spitzname: Alexander der Große) Reißaus nahm, stiegen die Gewinne um beinahe 200 Prozent. Insbesondere die Gewinne im Handel mit Wertpapieren aller Art explodierten in den ersten Monaten. Investmentbanking-Vorstand Sergio Ermotti ist denn auch voll des Lobes über die Arbeit seines Vorgängers Stefan Jentzsch, der im Streit mit Profumo ging.

Nun hoffen die Deutschen, dass der immer noch börsennotierten HVB wenigstens die von den Italienern gehobenen Reserven bleiben. Rampl-Nachfolger Wolfgang Sprißler plant bereits milliardenschwere Zukäufe im »Schlüsselmarkt Deutschland« und kann sich sogar eine Expansion nach Skandinavien oder in die Benelux-Länder vorstellen.

Doch die Italiener haben andere Pläne für die 13,7 Milliarden Euro, die der HVB

Ende des Jahres aus dem Verkauf ihrer österreichischen und osteuropäischen Töchter zufließen. Innerhalb eines Jahres soll das Kapital, das den Bedarf der deutschen Tochter übersteigt, aufgebraucht sein.

»Es ist die Konzentration der Investmentbank-Aktivitäten unter dem Dach der HVB geplant«, sagt der zuständige Unicredit-Vorstand Sergio Ermotti. Zwar ist das italienische Investmentbanking mit gerade mal 640 Beschäftigten eher bescheiden. In den ersten sechs Monaten des Jahres mussten die Mailänder trotz boomender Märkte einen Gewinnrückgang von 169 auf 111 Millionen Euro verkraften. Dafür ist das Kapitalmarktgeschäft der BA-CA hochprofitabel.

Nun soll, so der Plan der Unicredit, die HVB mit hohen Milliardenbeträgen die entsprechenden Abteilungen ihrer Ex-Tochter BA-CA und der Unicredit zurückkaufen. Wie viel das kostet, das müssen die Wirtschaftsprüfer ermitteln.

Inhaltlich ist die Integration des Investmentbanking der drei formal immer noch eigenständigen Banken sinnvoll. Zwar gründete Ermotti im Sommer eine übergeordnete Unternehmenseinheit namens Unicredit Markets&Investment Banking. Doch die ist eher virtueller Natur. Die Loyalitäten der Mitarbeiter gehen auch noch zu den Landesgesellschaften, denen sie arbeitsrechtlich zugeordnet sind.

Dass die Investmentbank künftig ihren Sitz in München nimmt, hat vor allem steuerliche Gründe. Die HVB hatte bis Ende 2005 Verlustvorträge und andere steuerlich abzugsfähige Positionen von rund sieben Milliarden Euro aufgetürmt, der deutsche Fiskus wird vermutlich selbst bei hohen Gewinnen der Investmentbanker noch ein paar Jahre leer ausgehen.

Die Entscheidungszentrale aber liegt in Mailand. Ermotti, der 17 Jahre für die US-Bank Merrill Lynch um die Welt jettete, genießt den vergleichsweise kurzen Weg von der Lombardei zu seiner Familie nach Lugano. Große Deals müssen sich die Investmentbanker der HVB jenseits der Alpen absegnen lassen.

Die Vorgaben aus Mailand sind eindeutig: Die Investmentbanker sollen sich auf ihre bisherigen Stärken in Osteuropa, im Derivate-Geschäft und bei strukturierten Finanzierungen konzentrieren. Profumo, von Haus aus eher das stabile Privatkundengeschäft gewohnt, will die Risiken limitieren.

Die momentan reiche Kapitalausstattung der HVB möchte Ermotti nutzen, um noch stärker in das boomende Private-Equity-Geschäft einzusteigen. Schon jetzt ist die HVB der drittgrößte Finanzierer in Europa, wenn es darum geht, die Beteiligungen großer Fonds wie KKR, Blackstone oder Permira zu finanzieren. In Zukunft will die Bank sogar mit eigenem Geld als Co-Investor tätig werden.

In den vergangenen Jahren konnte damit sehr viel Geld verdient werden. Doch die Branche zeichnet sich nicht gerade durch Kapitalmangel aus. »Der Ballon wird irgendwann platzen«, warnen Branchenexperten die HVB.

Ermotti ficht das nicht an. »Unser Risikoausgleich kommt durch die Vielzahl unterschiedlicher Deals«, meint der alerte Schweizer. Sein Vorgänger Jentzsch sollte noch ganz aus dem Private-Equity-Geschäft aussteigen, Ermotti bekam grünes Licht von Profumo für die Ausweitung.

Wenn es um die großen Entscheidungen im Unicredit-Konzern geht, können die alten HVB-Manager kaum mehr mitreden. Gerade mal 3 der 13 Mitglieder des Managementkomitees kommen noch aus Deutschland.

Der HVB-Vorstandsvorsitzende Sprißler führt im neuesten Unicredit-Halbjahresbericht bereits den Titel, der seiner neuen Rolle entspricht. Der HVB-Chef fungiert als »strategischer Berater für die deutsche Region«. CHRISTOPH PAULY

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