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GROSSBRITANNIEN Mut gefaßt

Britische Waren sind daheim und im Ausland wieder gefragt - Margaret Thatcher sieht sich in ihrer harten Wirtschaftspolitik bestätigt. *
• aus DER SPIEGEL 21/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Briten hatten sich längst daran gewöhnt: Wann immer die Rede auf ihre wirtschaftliche Leistung kam, dann wurde ihr Staat in aller Welt nur noch als »der kranke Mann Europas« bemitleidet. Die einst wohlhabende Kolonialmacht wurde zur ärmsten unter den großen westlichen Industrienationen.

Doch nun ist von der englischen Krankheit nicht mehr die Rede. Die Industrie ist so robust wie seit langem nicht mehr, die Briten kaufen wieder mehr heimische Waren, die Ausfuhr läuft prächtig. Großbritannien, fand auch die vorsichtige »Financial Times«, sei derzeit eine »Insel des Erfolges«.

Den Erfolg wollen auch die regierenden Konservativen nutzen. Beflügelt durch gute Umfrageergebnisse und das schöne Bild, das die Wirtschaft bietet, hat Premierministerin Margaret Thatcher die Wahlen für das Unterhaus kurz entschlossen auf den 11. Juni festgelegt.

Frau Thatcher hat seit 1979 mit einer Gewaltkur die Wirtschaft ihres Landes zu sanieren gesucht. Der Preis spielte offenbar keine Rolle - den zahlten ja andere: die Unternehmen, die durch die restriktive Wirtschaftspolitik in die Pleite getrieben wurden, und die zwei Millionen Arbeitslosen, die in ihrer bisherigen Regierungszeit das Heer der Stellungsuchenden auf 3,1 Millionen Menschen verstärkten. Massenproteste ließen die Regierungschefin ungerührt.

Mit ihrer harten Politik konnte die Eiserne Lady nicht verhindern, daß Englands wirtschaftliche Leistungskraft noch hinter das Sozialprodukt der Italiener zurückfiel. Doch nun fühlt sich Margaret Thatcher bestätigt: Die britische Wirtschaft wächst wieder kräftig.

Sie soll in diesem Jahr mindestens drei Prozent zulegen, deutlich mehr als starke Industrienationen wie die Bundesrepublik, Japan und die USA. So etwas war den Briten nach dem Krieg noch nie gelungen.

Chemieproduzenten, Textilhersteller und Autobauer verbuchen den besten Auftragseingang seit zehn Jahren. Als eine Art Wirtschaftswunder feiern die Manager dabei den Umstand, daß Güter »made in Great Britain« im Ausland wieder sehr begehrt sind.

Schon seit einigen Monaten legen die Briten bei den Ausfuhren (ohne Rohöl) aufs Jahr gerechnet rund zehn Prozent zu. Erstmals wachsen damit ihre Verkäufe ins Ausland deutlich stärker als der Welthandel insgesamt - verlorene Marktpositionen werden zurückerobert. Allein die lange Jahre arg gebeutelten Automobilhersteller verschifften im ersten Quartal dieses Jahres 27 Prozent mehr Wagen in andere Länder als in der Vergleichszeit 1986.

Die Erfolge kommen nicht von ungefähr. Britanniens Exporteure zogen Gewinn aus den Wettbewerbsvorteilen, die ihnen aus der Abwertung ihrer Währung zuwuchsen. Im vergangenen Jahr verlor das Pfund gegenüber der Mark rund 20 Prozent seines Wertes, gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner waren es durchschnittlich über 15 Prozent.

Der Kursverfall verbilligte britische Produkte im Ausland. Zugleich reagierte die Industrie, so ihr Dachverband Confederation of British Industry (CBI), »weit offensiver als früher« auf die Pfundabwertung. Dabei kam den Exporteuren zugute, daß die Lohnstückkosten in England langsamer stiegen als bei den Konkurrenten im Ausland.

Mehr als Absatzerfolge jenseits der Grenzen zählt für Britanniens Manager die Tatsache, daß sie auch auf heimischen Märkten wieder besser verkaufen. Zwar führt das Land noch immer weit mehr Güter ein, als es ausführt. Doch die Einfuhren sind gemessen am Volumen stark zurückgegangen.

Die Trendwende zum Besseren, meinen britische Experten, wird besonders im einst maroden Automobilbau deutlich. Seit Mitte vergangenen Jahres geht in Großbritannien erstmals der Marktanteil ausländischer Fabrikate an den Neuzulassungen zurück. Etwas mehr als die Hälfte der Autos kommt wieder aus heimischen Fabriken, vor gut einem Jahr waren es nur 46 Prozent.

Seit ihre Autos wieder mehr geschätzt werden, haben die Manager der Branche auch neuen Mut gefaßt. Die Hersteller, von Ford UK über Vauxhall (General Motors) bis zu Rover und Jaguar, wollen ihre Produktion ausbauen. Anfang der nächsten Dekade sollen jährlich mindestens 1,3 Millionen Autos von den Bändern rollen - das wäre rund ein Drittel mehr als derzeit.

Gute Stimmung herrscht auch in den meisten anderen Branchen. Britanniens

Firmen stehen heute nach Ansicht der Ökonomen besser da als je in den letzten 15 Jahren. Die Kapitalrendite ist höher als in den Boomjahren der frühen sechziger. Die Produktivität je Beschäftigten, wichtiger Gradmesser für die Leistungskraft der Firmen, ist im Schnitt der vergangenen sieben Jahre um 3,5 Prozent gestiegen.

Der Produktivitätszuwachs war allerdings nur gegen einen hohen Preis zu haben. Rigoros durchkämmten die Unternehmensführer ihre Belegschaften, Hunderttausende von Arbeitnehmern wurden gefeuert. Und die Regierung tat ein übriges: Sie brach die Macht der Gewerkschaften .

Viele Unternehmen nutzten die Chance. Der Automobilhersteller Jaguar etwa, der mit zweistelligen Millionen-Verlusten am Rand des Bankrotts stand, macht inzwischen wieder gute Gewinne .

Sir John Egan, seit 1980 Chef des Unternehmens, warf von 10500 Beschäftigten 3500 hinaus. Derzeit produziert jeder Arbeiter jährlich 3,9 Autos 1980 waren es nur 1,3. Jaguar beschäftigt heute wieder 11000 Arbeiter.

Auch die Textilfirma Courtaulds ließ sich mit Erfolg auf Margaret Thatchers Roßkur ein. Der Konzern kappte zunächst seine Belegschaft um die Hälfte auf 50000. Der Umsatz je Beschäftigten stieg um 74 Prozent. Der Gewinn kletterte von 5 Millionen auf 143 Millionen Pfund.

Das Institute of Directors, eine Vereinigung hochrangiger Firmenmanager, sieht eine »dramatische Verbesserung« der Leistungskraft britischer Unternehmen. »Von einem britischen Chefzimmer aus«, gibt Sir John Harvey-Jones, Chairman des Chemiekonzerns ICI, allerdings zu, »sehen die Dinge wahrscheinlich beeindruckender aus als aus der Sicht einer deutschen Vorstandsetage. »

Britanniens Industrie ist gerade dabei, den Kahlschlag zu überwinden, den Margaret Thatcher mit Beginn ihrer ersten Amtsperiode vor acht Jahren angerichtet hat. Mit rabiater Sparpolitik, hohen Zinsen und starrer, auf einen hohen Pfundkurs gerichteter Währungspolitik bekämpfte die Regierungschefin die Inflation. Ein Zehntel der gesamten industriellen Kapazität ging in den ersten Thatcher-Jahren im Pleitenstrudel unter.

Angesichts von Massenarbeitslosigkeit und sozialer Härten will auch heute noch nicht überall die Freude über das Wiedererstarken der britischen Industrie aufkommen. Der Slogan »Ihr habt es noch nie so gut gehabt wie heute« stimme wahrscheinlich, spottet der liberale »Guardian«, »es sei denn, man ist Rentner, arbeitslos, krank, Jugendlicher oder schwarz«.

Neue Probleme kommen hinzu - Probleme, wie sie nur wirtschaftlich erfolgreiche Länder kennen. Weil ausländische Anleger Vertrauen in das wirtschaftliche Wohlergehen des Inselstaates gefaßt haben, steigt der Pfundkurs schon wieder kräftig - die gerade gewonnene Wettbewerbsfähigkeit der Briten könnte so erneut schnell ausgehöhlt werden.

Schatzkanzler Nigel Lawson versuchte mit gleich drei Leitzinssenkungen in kurzem Abstand gegenzusteuern. Auch die Bank von England verkauft hektisch an den Devisenmärkten Pfund, um den Kurs niedrig zu halten. Die Notenbank schwimmt mittlerweile in Devisen.

Trotz der Gefahrensignale setzen die Briten darauf, daß der Boom ihrer Wirtschaft nicht ein jähes Ende findet. Sie haben den Erfolg auch bitter nötig.

Noch 30 Jahre lang, so errechneten englische Ökonomen, müßte die britische Wirtschaft immer einen Prozentpunkt mehr zulegen als die deutsche: Erst dann wäre der Lebensstandard so hoch wie in der Bundesrepublik. _(Demonstrierende Briten bildeten am 3. ) _(Mai eine Menschenkette von London bis ) _(Liverpool. )

Demonstrierende Briten bildeten am 3. Mai eine Menschenkette vonLondon bis Liverpool.

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