Aufbau Ost Mut und Weitblick
Als Heidi Landmann-Bayer sich kurz nach der Wende als Bauunternehmerin selbständig machte, hatte sie nichts - keine Arbeiter, keine Maschinen, keine Aufträge.
Das Startkapital der zweifachen Mutter aus dem thüringischen Gotha betrug gerade mal 42 000 Ost-Mark. »Ich war halt ein bißchen verrückt«, sagt die Existenzgründerin, die in der DDR als Schneiderin gearbeitet hatte.
Den Entschluß, sich im Frühjahr 1990 ins Abenteuer Marktwirtschaft zu stürzen, verstand sie als späte Rache am Arbeiter-und-Bauern-Staat. In der letzten großen Enteignungswelle 1972 hatten die Kommunisten den Baubetrieb ihres Vaters zerschlagen.
Sechs Jahre nach Gründung der neuen Baufirma sind die Auftragsbücher von Landmann-Bayer, 53, gut gefüllt. Die resolute Firmenchefin kommandiert 26 Angestellte, saniert Gründerzeithäuser, Barockvillen und ehemalige Sowjetkasernen und schreibt schwarze Zahlen, derweil in der Region ein Baubetrieb nach dem anderen Konkurs anmeldet.
Die Unternehmerin aus Gotha steht für eine Generation von Frauen, die aus abgewickelten Kombinaten an die Spitze eigener Firmen wechselten. Rund 150 000 ehemalige DDR-Bürgerinnen haben sich seit 1990 selbständig gemacht. Anders als im Westen, wo nur jedes fünfte Jungunternehmen von einer Frau geführt wird, ist im Osten jede dritte Firma in weiblicher Hand - und fährt damit erfolgreicher als mit einem Mann an der Spitze.
»Frauen sind oft die besseren Unternehmer«, urteilt die Deutsche Ausgleichsbank. Das staatliche Geldinstitut, das ostdeutsche Existenzgründer mit Krediten versorgt, kommt in seinen Studien zu dem schmeichelhaften Befund, daß die Ostunternehmerinnen genauer planen als ihre männlichen Kollegen, seltener in Geldnot geraten und nur halb so oft scheitern. »Wir müssen uns um die Frauen wesentlich weniger Sorgen machen«, sagt Banksprecher Holger Schwabe.
Auch Waltraud Wolf, Geschäftsführerin der Bürgschaftsbank zu Berlin-Brandenburg, bescheinigt ihren weiblichen Geschäftskunden Weitblick und Stehvermögen. »Frauen haben es gelernt, sich durchzubeißen«, sagt die Bankerin.
Daß die Unternehmerinnen oft nur zögernd Kredite aufnehmen, sei kein Zeichen von Schwäche. Wolf meint: »Die Frauen schätzen ihr Unternehmen einfach realistischer ein als Männer, die mit ihrer Firma zu stürmisch wachsen wollen.«
Natürlich möchten auch die Bonner Politiker vom Glanz der Ostgründerinnen etwas abbekommen. Erstmals kürte Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt mit der Erfurter Modehändlerin Cornelia Pfaff eine Frau aus den neuen Ländern zum »Gründer des Jahres 1995«.
Pfaff war im Dezember 1989 in einem alten Renault R 6 zur ersten Einkaufstour gestartet, um Modefabriken, Designer und Messen im Westen abzuklappern. Doch die Metzgerstochter und Einser-Abiturientin erhielt für ihr DDR-Alu-Geld meist nur ein müdes Lächeln.
Ein Fabrikant aus Franken zeigte schließlich Herz. Pfaff durfte Ware für 600 Mark in den Kofferraum stopfen. »Alles auf Pump«, erinnert sie sich, »der Mann hat bestimmt nicht geglaubt, daß er von mir mal richtiges Geld bekommt.«
Ihren ersten, gerade mal 20 Quadratmeter großen Laden eröffnete sie fernab der Erfurter Innenstadt in einer heruntergekommenen Altbaugasse. Wider Erwarten standen die Kunden Schlange und konnten nur in Sechsergruppen hereingelassen werden.
Mittlerweile hat sich aus der Kleinboutique eine florierende Modekette für teure Kleidung entwickelt. Im Frühjahr hat Cornelia Pfaff ihren fünften Laden eröffnet. Die Hälfte der Kunden kommt aus den alten Ländern nach Thüringen, der Umsatz hat sich von 370 000 Mark im ersten Jahr auf über 4 Millionen Mark mehr als verzehnfacht.
Der außergewöhnliche Wagemut vieler Ostunternehmerinnen ist auch eine Reaktion auf die Wende. Die Unternehmensgründung bot häufig den einzigen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, die nach dem Zusammenbruch der DDR zunächst vor allem Frauen betraf.
Während in den alten Bundesländern 38 Prozent der Frauen berufstätig sind, waren es in der DDR knapp 94 Prozent. Das Aus für die Planwirtschaft traf über 750 000 Frauen, die plötzlich ohne Job dastanden.
Mit der Wende kippten nicht nur politische Werte, sondern auch alte Rollenbilder. Im maroden Osten war jeder als Chef hochwillkommen, solange er nur neue Jobs schuf - das Geschlecht spielte dabei kaum eine Rolle.
Das galt auch für die studierte DiplomWissenschaftsorganisatorin Claudia Hermann, 39. Als ihr DDR-Arbeitgeber, das Ministerium für Wissenschaft und Technik, abgewickelt wurde, versuchte sie ihre Kontakte in die Wissenschaftsszene zu nutzen. Sie gründete eine Beratungsfirma für Forscher und Erfinder, die sich selbständig machen wollen.
Die »Forschungsagentur Berlin«, die in einer ehemaligen Stasi-Kaserne im Südosten der Hauptstadt residiert, berät zur Zeit 600 Gründer, begutachtet Firmenkonzepte und vermittelte zudem im Auftrag des Bonner Wirtschaftsministeriums 80 Millionen Mark aus dessen Innovationsförderprogramm.
Die Chefin von 30 Mitarbeiterinnen wünscht sich nun vor allem eines - »im Osten noch mehr Frauen in Führungspositionen«. Allzu optimistisch ist sie nicht: »Das wird sich«, so ihre Erfahrungen mit den Gründungswilligen, »bald auf Westniveau einpendeln.«