Computer Mutig genug
Louis V. Gerstner haßt die Routine. Die Vorstellung, als Chef einer gesunden Firma »das Steuer ein paar Grad nach rechts oder links zu drehen«, behagt dem US-Manager nicht.
Gerstner, 51, ist ein typischer Workaholic. Er arbeitet am liebsten sechs Tage in der Woche, und am Sonntag nachmittag erzählt er seiner Frau Robin, wie sehr er sich darauf freut, am Montag wieder ins Büro zu gehen.
Der Mann mit dem pausbäckigen Babyface wird demnächst wohl noch seltener zu Hause auftauchen. Am 1. April übernimmt Gerstner den schwierigsten Job, der derzeit in der amerikanischen Industrie zu vergeben ist: Er wird Chef des Computergiganten IBM.
Die Nominierung Gerstners am Freitag vergangener Woche beendete die immer skurriler werdende Suche nach einem neuen Chef für die krisengeschüttelte Computerfirma. »Niemals«, kommentiert ein US-Manager die Bemühungen der IBM-Findungskommission, »haben so viele prominente Firmenchefs einen Topjob abgelehnt.«
In der letzten Januarwoche begann eine siebenköpfige Kommission mit ihrer Suche. Nach monatelangem Widerstand hatte zuvor der amtierende IBM-Chef John F. Akers, 58, dem Druck der Aktionäre nachgegeben und seinen Rücktritt erklärt - zwei Jahre vor dem eigentlich geplanten Karriereende.
An Kandidaten für die Führung des einst angesehensten Unternehmens der USA war kein Mangel. Doch wo Aufsichtsratschef James E. Burke auch vorsprach, immer handelte er sich nur eine Absage ein.
Burke hat wohl alle gefragt, die in Amerikas High-Tech-Firmen Rang und Namen haben: John Sculley (Apple), Andrew Grove (Intel), Lawrence Bossidy (Allied Signal), George Fisher (Motorola) und Paul Allaire (Xerox). Selbst Pensionäre wie John Young (Hewlett-Packard), Charles Exley (NCR) und Ross Perot standen auf Burkes Liste. Doch die meisten baten nicht einmal um Bedenkzeit.
Schließlich landete Burke bei einem Branchenfremden: Louis Gerstner, Chef des Nahrungsmittelriesen RJR Nabisco, war mutig genug, auf dem Schleudersitz in der IBM-Firmenzentrale in Armonk/ New York Platz zu nehmen.
Der Überraschungssieger gilt zwar als exzellenter Marketingexperte und erfahrener Sanierer, doch mit Computern hat Gerstner bislang nicht viel zu tun gehabt. Seine Erfahrungen mit der elektronischen Datenverarbeitung beschränken sich auf einen privat genutzten PC, aber der ist immerhin von IBM.
Frühere Kollegen bescheinigen dem künftigen IBM-Chef allerdings eine geradezu verblüffende Lernfähigkeit. Nach einem Ingenieurstudium in Dartmouth und betriebswirtschaftlichen Studien in Harvard begann Gerstner seine Karriere 1965 bei der Beratungsfirma McKinsey; mit 31 Jahren wurde er dort der jüngste Senior Partner.
Ende der Siebziger wechselte er zur Kreditkartenfirma American Express. Während seiner Zeit als Chef von 1985 bis 1989 stieg der Umsatz um 66 Prozent. Mit seinem Wechsel zum hochverschuldeten Keks- und Zigarettenkonzern übernahm Gerstner 1989 dann den »härtesten Job in ganz Amerika«.
Nun hat sich Gerstner noch gesteigert. Mit einem Verlust von fast fünf Milliarden Dollar setzte IBM im vergangenen Jahr einen neuen Rekord in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte.
Die Verpflichtung des Außenseiters stößt nicht überall auf Zustimmung. Als sich die spektakuläre Entscheidung am Mittwoch abzeichnete, fiel der Kurs der IBM-Aktien um weitere drei Dollar.
Bei den IBM-Managern hat der Name Gerstner indes einen guten Klang. Richard Gerstner, einer von Louis' Brüdern, war viele Jahre Chef der PC-Abteilung bei IBM, bevor er aus Gesundheitsgründen ausschied. Wenn der seinen Bruder berate, freut sich ein IBM-Manager, »bekommen wir doch zwei Gerstners zum Preis von einem«.