Gold-Hausse Nackte Angst
Der Währungs-Experte hielt sich für unzuständig. Um einen Kommentar zur jüngsten Entwicklung auf den internationalen Gold- und Devisenmärkten gebeten, reagierte ein Beamter des Londoner Schatzamts gelassen: »Warum fragen Sie nicht den Britischen Zahnarzt-Verband?«
Noch vor wenigen Monaten hätte diese Entwicklung die Finanzminister und Notenbankpräsidenten der westlichen Industriestaaten von Geheimkonferenz zu Geheimkonferenz gescheucht: Am Montag vergangener Woche durchbrach der Preis für eine Unze Feingold (31,1035 Gramm) die magische 100-Dollar-Marke.
Einen Tag später schnellte der Goldpreis am Londoner Markt, der sieben Börsentage zuvor noch bei etwa 90 Dollar notiert hatte, um 7,75 Dollar auf 110,50 Dollar empor. In Paris, durch Kapitalverkehrs-Kontrollen von den Goldhandelszentren Zürich und London isoliert, rauschte der Preis des Edelmetalls am Dienstag sogar auf den Rekordstand von 124,13 Dollar hoch.
Mit dem wildesten Gold-Run, den Spekulanten seit Spaltung des Goldmarktes im März 1968* je ausgelöst hatten, setzte zugleich an den internationalen Devisenmärkten eine Flucht aus dem Dollar in -- tatsächlich oder vermeintlich -- stabilere Währungen ein. Was während der letzten Währungskrise im Februar Westeuropas und Japans Notenbankiers jedoch noch zum inflationsanheizenden Ankauf von Dollar-Milliarden gezwungen hatte, schlug sieh wegen des Abbaus fester Wech-
* Auf dem Höhepunkt der ersten großen Dollarkrise waren die führenden Notenbanken Westeuropas und der USA am 18. März 1968 übereingekommen. den Goldmarkt zu spalten. Seither gibt es sogenanntes Zentralbankgold, das zum offiziellen Preis des US-Schatzamtes zum Ausgleich der Zahlungsbilanzen verrechnet wird, und Warengold, dessen Preis sich nach Angebot und Nachfrage reguliert.
selkurse zum Dollar nun nur an den Kurstafeln der Devisenhändler nieder.
So sackte der Kurs der US-Valuta an der Frankfurter Devisenbörse in der vergangenen Woche zeitweise auf unter 2,77 Mark -- den niedrigsten Pegel, auf den der Dollar jemals gesunken war.
Auch gegenüber der Schwedenkrone, dem Gulden und dem französischen Franc, die mit der Mark durch ein festes Wechselkurs-Band verbunden sind, verlor der Dollar innerhalb weniger Tage zwei bis drei Prozent an Wert.
Ganz so unbekümmert, wie Notenbankiers und Währungspolitiker sich zu geben versuchten, waren die Herren beim neuesten Schwächeanfall des Dollar allerdings nicht. Denn die Zentralbanken sind zwar nicht länger verpflichtet, überschüssige Dollar zu einem bestimmten Kurs vom Devisenmarkt abzusaugen und ihre Devisenreserven damit weiterhin aufzublähen. Aber »die große Frage ist«, rätselte ein US-Bankier in Paris. »bei welchem Kursniveau die Europäer reagieren und beginnen. die De-facto-Abwertung des Dollar zum Schutz der eigenen Exportindustrie zu begrenzen«.
Wäre der Dollar nämlich in der vergangenen Woche so stark gesackt, daß die Wettbewerbskraft der Europäer gegenüber den Amerikanern zu sehr geschwächt worden wäre, hätten die Währungsgewaltigen in der EG den Dollarkurs durch Interventionen auf den Devisenmärkten wie auch in früheren Krisen stützen müssen.
Wie das Licht die Motten, hätten die Notenbankkäufe weitere Dollar angelockt. Das kunstvolle System des gemeinsamen EG-Floatens gegenüber dem Dollar wäre beim ersten Ansturm der Spekulanten zusammengebrochen.
Doch die Nerven der Zentralbank-Beamten hielten. Da sie trotz der hektischen Dollar- Baisse zu Beginn der Woche nicht intervenierten, widerstand das flexible Abwehr-System der EG-Währungen vorerst der Dollarflut. Die Flucht aus dem Dollar und den Run auf das Gold hatte eine buntgewürfelte Mischung aus Spekulanten, Sparern und anderen Anlegern angetreten. So schichteten Ölscheichs, durch militärische Unruhen im Libanon geschockt und durch zwei Dollar-Abwertungen gewitzt, Dollar-Reserven in Goldbarren um. Watergate-Skandal, ungünstige Zahlungsbilanz-Zahlen und ein sich beschleunigender Preisanstieg in den USA ließen Banken. Konzerne und private Investoren auf eine erneute Dollar-Abwertung spekulieren.
Erstmals plünderten auch inflationsmüde westdeutsche Sparer ihre Konten und Wertpapier-Depots, um sieh durch den Kauf von Gold vor immer rascherem Geldwertschwund zu schützen. Und als sich die Kursnotizen für Börsengold am Montag und Dienstag vergangener Woche fast überschlugen, wurden selbst Kleinanleger vom Spekulations-Fieber gepackt.
Vor allem im Süden der Republik, wo Bayern und Schwaben schon traditionell einen größeren Teil ihres Ersparten in Gold anlegen als etwa kommerziell bewandertere Hanseaten. meldeten die Banken Rekordumsätze an Goldbarren. -münzen und -zertifikaten -- »mehr als im Weihnachtsgeschäft«, wie der Goldfachmann einer Großbank den Boom beschrieb.
Besonders gefragt waren ausländische Goldmünzen, die noch als Zahlungsmittel benutzt werden können und deren Erwerb daher nicht mehrwertsteuerpflichtig ist. Der Preis der beliebtesten Münze, des südafrikanischen Krüger-Rand-Goldstücks, kletterte denn auch in einer Woche von 293 auf 325 Mark.
Selbst Goldbarren, bei deren Kauf Mehrwertsteuer bezahlt werden muß und für die daher die Banken eine hohe Spanne zwischen Verkaufs- und Ankaufspreis festsetzen (Verkaufspreis für Ein-.Kilo-Barren am Freitag: 10 656 Mark; Ankaufspreis: 9100 Mark), fanden reißenden Absatz. Einige Banken wie etwa die Deutsche Bank mußten sogar Lieferfristen für die Goldklumpen einführen.
Denn vor allem ältere Kunden, von der »nackten Angst vor der Inflation« getrieben (so der Goldhändler einer Frankfurter Bank), wollten sich nicht mit dem Kauf umsatzsteuerfreier Gold-Zertifikate begnügen. Sie trugen lieber die teuren, aber greifbaren 10-, 100- oder 1000-Gramm-Barren nach Hause.
In Hamburg, wo die Kunden nach Beobachtungen der Bankangestellten mehr aus Spekulationsgründen als aus Inflationsangst kauften, warnte ein Bankier vor der »etwas ungesunden« Entwicklung: »Über kurz oder lang gibt es ein böses Erwachen.«
Wer etwa am Donnerstag einen Kilo-Barren Gold kaufte, um am Freitag wieder zu verkaufen, ist bereits wach: Weil der Goldsturm gegen Ende der Woche abflaute, erhielt der Kunde für seinen Barren, der am Donnerstag noch 11 433 Mark kostete, einen Tag später nur 9100 Mark.