Presse Nackte Panik
Die Scharmützel begannen frühmorgens in der Berliner Friedrichstraße. Kurz darauf meldeten Passanten bei der Polizei Rangeleien auf S-Bahnhöfen und an Ampelübergängen.
Mit lautem Gebrüll und dummen Sprüchen versuchten junge Burschen Sonderangebote besonderer Art unters Volk zu bringen: »Bild, jetzt billiger« - »Super!-Zeitung, das neue Blatt für echte Ossis« - »Der Kurier am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen«.
Der Schreikampf vor Ort ist Teil einer bisher beispiellosen Presseschlacht. Im Osten der deutschen Hauptstadt ringen seit einigen Tagen Großverlage und Medienmultis mit ihren Boulevardgazetten und wenig zimperlichen Mitteln um Käufer.
Bereits im November 1989, kaum war die Mauer gefallen, rückte Bild nach Osten vor. Die Leser waren ganz verrückt nach dem Blut-und-Busen-Blatt aus Hamburg, zunächst jedenfalls. Springer fühlte sich in Berlin konkurrenzlos glücklich.
Doch vor vier Wochen schlug die örtliche Konkurrenz zurück: Im Berliner Verlag, einem Gemeinschaftsunternehmen des Hamburger Zeitschriftenhauses Gruner + Jahr (Stern) sowie des Londoner Medientycoons Robert Maxwell, erscheint gleich zweimal täglich der Berliner Kurier. Die Hauptstadtgazette löst das müde sozialistische Boulevardblatt BZ am Abend ab.
Richtig spannend aber wird es erst jetzt, nicht nur in Berlin. Flächendeckend vertreibt der Münchner Großverleger Hubert Burda (Bunte) seit Donnerstag vergangener Woche ein neues Boulevardblatt namens Super!-Zeitung in den fünf neuen Ländern.
An seiner Seite, mit Rat und Geld, hat Burda seinen Freund Rupert Murdoch, den mächtigsten Mann der internationalen Medienszene. In Großbritannien führen Murdoch und sein Intimfeind Maxwell mit Boulevardblättern wie The Sun und Daily Mirror erbitterte Duelle um Auflagen und Anzeigenkunden. Nun treffen die beiden Medienimperialisten in Berlin aufeinander. Maxwell ist derzeit allerdings vorwiegend mit der Sanierung seiner im März erworbenen New Yorker Boulevardzeitung The Daily News befaßt, Murdoch dagegen zeigt in Deutschland auch persönlichen Einsatz.
Vergangenen Donnerstag inspizierte er zusammen mit Burda in Berlin den Verkauf der ersten Super!-Ausgabe. Zwei Tage zuvor hatte der gebürtige Australier in Vogelsdorf östlich der Bundeshauptstadt eine eigens für die Super! errichtete Großdruckerei eingeweiht.
Die Maschinen kommen aus einer Murdoch-Druckerei in England. Noch allerdings funktionieren erst zwei von vier geplanten Offsetrotationen halbwegs. Erst in einigen Wochen soll die volle Kapazität bereitstehen. Dann werden, wenn die Nachfrage den Hoffnungen entspricht, täglich 900 000 und mehr Super!-Exemplare von den Bändern laufen. Eine Sonntags-Ausgabe, als Konkurrenz für die Bild am Sonntag, ist ebenfalls in Planung.
Das neue Blatt ist das gewaltigste, aber auch gewagteste Presseobjekt, das je in Deutschland gestartet wurde. Allein der Bau der Druckerei und die Ausstattung der Redaktion mit einem der modernsten Computersysteme kosten rund 170 Millionen Mark.
Vorerst knapp 500 000, später vielleicht eine Million Exemplare des neuen Blattes sollen täglich von Rügen im Norden bis ins südliche Erzgebirge verkauft werden - in Läden, an Kiosken und von Zeitungsjungen wie in Berlin.
Burda hat in den neuen Bundesländern bereits eine Menge erreicht. Die beiden speziell für den Ost-Markt konzipierten Wochenblätter Super tv und Super Illu gelten als die erfolgreichsten Zeitschriften auf dem Boden der alten DDR.
Die Konkurrenz reagiert auf Burdas jüngstes Projekt entsprechend nervös. Ende April hatte der Münchner Verleger angekündigt, die Super! zum Kampfpreis von nur 30 Pfennig auf den Ost-Markt zu bringen. Noch ehe die erste Super!-Ausgabe in Vogelsdorf vierfarbig über die Rotationen laufen konnte, senkten Springer und Gruner + Jahr eilig die Preise für ihre Blätter.
Bild war in Berlin (Ost) Anfang vergangener Woche für 50 statt bislang 60 Pfennig zu haben. In Dresden kostete das Springer-Blatt gar nur 40 Pfennig, anderswo in der alten DDR mußte wiederum der volle Preis bezahlt werden. »Bei Springer regiert die nackte Panik«, freute sich ein Burda-Manager.
Auch Gruner + Jahr reagierte prompt. In Dresden etwa wurde der Ableger der Hamburger Morgenpost bereits zehn Tage vor Erscheinen der Super!-Konkurrenz zum Sonderpreis von 40 Pfennig angeboten. Der Berliner Kurier kostet, einmal morgens, einmal abends, nur 30 Pfennig.
»Das wird ein mörderischer Preiskrieg, bei dem alle Beteiligten eine Menge Geld verlieren«, klagt Willi Schalk, Chef von DuMont Schauberg. Das Kölner Verlagshaus gab, gemeinsam mit der Hannoveraner Madsack-Gruppe, in Halle, Leipzig, Magdeburg, Gera und Erfurt lokale Ableger des rheinischen Boulevardblattes Express heraus - bis Dienstag vergangener Woche. _(* Am Dienstag vergangener Woche bei der ) _(Einweihung der neuen Super!-Druckerei. )
Wenige Stunden zuvor, am Montag abend, hatten die Express-Herausgeber in einer eilig einberufenen Krisensitzung beschlossen, ihre Ost-Ausgaben mit sofortiger Wirkung einzustellen. Am Tag darauf bekamen rund 100 völlig überraschte Mitarbeiter ihre Kündigung.
Lediglich in Halle will DuMont Schauberg, künftig ohne Partner Madsack, gegen Bild und Super! antreten. Dort nämlich ist der Kölner Verlag neuer Besitzer der Mitteldeutschen Zeitung, Druckerei und Personal sind somit ohnehin vorhanden.
Der teure Preiskrieg allerdings war nur der letzte Anstoß für den schnellen Rückzug. Nach guten Erfolgen nach der Wende war die Auflage des Ost-Express in den vergangenen Monaten immer stärker abgesackt.
»Wir hatten den Markt falsch eingeschätzt«, gesteht Schalk. Anders als von vielen Experten erwartet, griffen die Leser lieber zur gewendeten Abo-Zeitung aus alten SED-Zeiten als zur seichten und verhältnismäßig teuren Kaufgazette.
Auch Springers Bild kommt längst nicht mehr so gut an wie in den ersten Monaten. Die Ost-Auflage sackte inzwischen von über einer Million vor der Währungsunion auf jetzt unter 500 000 Exemplare. Geld ist bei diesen Verkaufszahlen kaum zu verdienen.
Ob Murdoch und Burda die Anlaufphase unbeschadet überstehen können, ist umstritten. Sollten die beiden Partner beim Niedrigpreis bleiben, glauben Branchenexperten, könnten sich schon im ersten Jahr Verluste von 100 Millionen Mark ansammeln - viel Geld für ein ungewisses Abenteuer.
Durchaus möglich, daß Murdoch sich eilig wieder aus dem deutschen Osten verabschiedet, wenn die Verluste zu schnell steigen und Gewinne nicht in Sicht sind. Nach wie vor nämlich ist seine weltweit operierende News Corporation in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Die Schulden werden auf rund acht Milliarden Dollar geschätzt.
Noch kurz vor seinem Berlin-Besuch mußte Murdoch für 600 Millionen Dollar den größten Teil seiner Zeitschriften in den USA verkaufen. Das Geld braucht er dringend für die Tilgung kurzfristiger Kredite.
Einen beträchtlichen Zuschuß für das Super!-Geschäft erhofft sich der Multiverleger von einem alten Partner in Deutschland - dem ehemaligen Bunte-Herausgeber und Burda-Vertrauten Günter Prinz, 61.
Der Top-Journalist hatte die Super!-Zeitung konzipiert und sollte mit zehn Prozent an dem Blatt beteiligt werden, ehe er im Februar überraschend wieder zu seinem früheren Arbeitgeber Springer in die Vorstandsetage wechselte.
Jetzt soll Prinz vorsorglich auf bis zu 170 Millionen Mark Schadensersatz verklagt werden - für den Fall, daß die Super!-Verluste zu hoch werden. Doch Prinz hatte eine solche Attacke befürchtet und sich abgesichert: Mit Springer ist schriftlich ausgemacht, daß der Verlag für mögliche Regreßforderungen aufkommen muß.
* Am Dienstag vergangener Woche bei der Einweihung der neuenSuper!-Druckerei.