Italien Nahe Null
Italiens große Gründerfamilien, »die Baumeister des italienischen Wirtschaftswunders«, so Roms bürgerliche Zeitung »Il Messaggero«, danken ab.
Im Frühjahr hatten Mailands Innocentis ihr sieches Fahrzeugunternehmen an British Leyland verkauft, im Sommer verlor der Kühlschrank-König Borghi die Kontrolle über den Ire/Ignis Konzern -- nun ist das Elektrogeräte-Imperium der Familie Zanussi in die Krise geraten.
Noch vor wenigen Jahren galt der Elektrokonzern Zanussi SpA mit jährlichen Zuwachsraten von über 30 Prozent als eines der Wahrzeichen des italienischen Wirtschafts-Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg.
Heute befürchtet Zanussi-Präsident Lamberto Mazza für den Konzern »das Schlimmste«. Zum ersten Mal geriet das Riesenunternehmen (30 000 Beschäftigte, 1,5 Milliarden Mark Umsatz), das in seinen 26 Werken Kühlschränke, Elektroherde, Waschmaschinen, Geschirrspüler und Fernsehgeräte produziert, im vergangenen Jahr in die roten Zahlen. Die Bilanz schloß mit einem Verlust von beinahe Ruhrkohle-Größenordnung: 103 Millionen Mark.
Um das Defizit wenigstens einigermaßen zu verkraften, muß die Zanussi-Leitung für die nächsten Jahre auf die sonst üblichen Abschreibungen verzichten. Mazza: »Die Anlagen sind noch alle gut in Schuß und werden schon noch halten.«
Schuld an der Misere ist »ein Übermaß an Problemen in Italien und im Ausland« (so ein Zanussi-Manager). Italiens jahrelang durch hohe einheimische Nachfrage verwöhnte Elektro-Produzenten haben nun immer größere Mühe, ihre Geräte auf dem gesättigten heimischen Markt abzusetzen.
Denn über 70 Prozent der Haushalte verfügen zumindest über die wichtigsten Elektrogeräte wie Kühlschränke. Herde und Waschmaschinen (Fachjargon: weiße Elektrogeräte). Die Annahme der Produzenten. Italiens Elektrokäufer würden schon nach durchschnittlich dreieinhalb Jahren neue Geräte kaufen, erwies sich als falsch. Meist warten die Kunden mit Ersatzkäufen mehrere Jahre länger.
Wie bei den weißen Haushaltsgeräten stagniert der Absatz bei Fernsehern. Weil die römische Regierung zögerte, das Farbfernsehen einzuführen, kauften Italiens TV-Kunden noch nicht einmal Schwarzweiß-Geräte.
Wegen der Absatzflaute sind die Zanussi-Kapazitäten nur zu siebzig Prozent ausgelastet. Einzelne Zanussi-Betriebe, wie das Werk in Vallenoncello, das Schwarzweiß-Empfänger auch für Westdeutschlands Quelle-Versandhaus produziert, arbeiten nur auf halben Touren. In die Produktion von Farbgeräten (mit Pal-Lizenz von AEG-Telefunken) konnte Zanussi bisher nur mit einer unrentablen Stückzahl von 25 000 Empfängern einsteigen.
Die Einbußen auf dem Binnenmarkt konnte Zanussi auch nicht durch gesteigerte Exporte wettmachen. Denn die Italiener -- einst unangefochten Lieferanten der preiswertesten Elektrogeräte -- sind wachsender Konkurrenz vor allem japanischer Produzenten ausgesetzt. Deshalb mußte Zanussi im Ausland die Preise halten. Die früher üblichen hohen Exportgewinne schmolzen fast auf Null zusammen.
Durch die von den Gewerkschaften erzwungenen Lohnerhöhungen stiegen die Arbeitskosten allein im vergangenen Jahr um 30 Prozent über die der internationalen Konkurrenz. Doch allen Versuchen der Unternehmensleitung, den Konzern zu straffen und unrentable Werke stillzulegen, widerstanden die Gewerkschaften bisher erfolgreich.
»Wenn wir weiter gehindert werden«, stellte Lamberto Mazza fest, »zu einem Gleichgewicht von Kosten und Erträgen zu kommen, dann könnte Zanussi in eine Lage geraten, in der ein
* Waschautomaten-Produktion in Pordenone bei Venedig.
Verkauf des Konzerns nicht zu umgehen wäre.«
Daraus schlossen Italiens Gewerkschaften. daß bereits Verhandlungen mit einem künftigen Zanussi-Käufer im Gange seien. Die Arbeiter-Vertreter wußten auch schon, mit wem: Westdeutschlands AEG-Telefunken.
Obwohl die Konzernleitungen in Frankfurt und dem Zanussi-Hauptsitz Pordenone bei Venedig sogleich jegliche Fusionsabsichten dementierten (Mazza: »Eine Übernahme durch AEG-Telefunken kommt noch nicht in Frage"). hält sich in den Zanussi-Werken das Gerücht hartnäckig. Überdies fürchten die Zanussi-Werker, die deutschen Manager planten, bei einer Übernahme zahlreiche unrentable Konzernbetriebe stillzulegen und Tausende von Arbeitern freizusetzen.
Derartige Spekulationen erschienen den Zanussi-Mitarbeitern angesichts der Geschäftsbeziehungen, die AEG-Telefunken schon seit Jahren mit dem italienischen Konzern unterhält, als plausibel. Schon seit 1966 besitzt der westdeutsche Elektrogigant eine Option auf eine Beteiligung in Höhe von 25,01 Prozent an einer Produktionsgesellschaft Zanussi Elettrodomestici SpA, die 1973 -- nach Abschluß der italienischen Steuerreform -- gegründet werden soll.
Außerdem läßt AEG-Telefunken schon seit 1964, ähnlich wie eine Reihe anderer internationaler Unternehmen (General Electric, Hoover und Sears Roebuck), bei Zanussi Fernseher. Kühlschränke. Waschmaschinen und Staubsauger anfertigen. Die Geräte werden in Westdeutschland dann als AEG-Telefunken-Geräte verkauft. Im vergangenen Jahr machten die AEG-Aufträge 17 Prozent der gesamten Zanussi-Produktion aus.
Meinte jedoch ein Zanussi-Manager: »Sehr enge Beziehungen zu den Deutschen bedeuten aber noch lange nicht, daß wir sie auch heiraten werden.«