Negative Auslese - DER SPIEGEL
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Versicherungen Negative Auslese

Seit dem 1. Juli ist die Vollkasko-Versicherung für Deutschlands Autofahrer um bis zu 100 Prozent teurer geworden. Folge: eine Kündigungswelle bei den Versicherungen.
• aus DER SPIEGEL 35/1973
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Alfa-Fahrer Dieter Schatte aus Hamburg zog Konsequenzen: »Ich habe die Vollkasko natürlich sofort gekündigt«, teilte er der Zeitschrift »Auto, Motor und Sport« per Leserbrief mit.

So wie Schatte kündigten Tausende von Vollkasko-Versicherten in den vergangenen Wochen ihre Verträge: Da die Prämien um mehr als 20 Prozent kletterten, konnten die Kunden vom außerordentlichen Kündigungsrecht (sechs Wochen) Gebrauch machen.

Ärgerlich reagierte auch Peter Roderer aus Frankfurt. Die Neckura des Großversenders Josef Neckermann verlangt für seinen Peugeot statt 186 Mark seit dem 1. Juli 307,60 Mark -- trotz eines Schadenfreiheitsrabattes von 50 Prozent: Auch Roderer kündigte.

Den hohen Sprung der Vollkasko-Beiträge löste ein neues Prämien-System aus, auf das sich die Gesellschaften zum 1. Juli einigten. Statt wie bislang üblich die Tarifgruppen nach der PS-Zahl zu unterteilen, klassifizierten die Versicherer die einzelnen Fahrzeuge nach ihrem durchschnittlichen Reparaturaufwand im Schadensfall und -nach der Schadenshäufigkeit.

Vor dem 1. Juli berechneten die Versicherer die Beiträge aus 13 nach der Motorleistung unterteilten Tarif gruppen; jetzt wuchs die Liste, in der alle Auto-Typen erfaßt sind, auf 31 Positionen an. So gehört beispielsweise der VW 1200/1300 in die prämiengünstige Klasse 10. Der Schaden-Durchschnitt-Index beträgt 63 (100 entspricht dem Durchschnitt aller Typen), der Index Schadenhäufigkeit 54 und der Index Schadenbedarf 34. Der Aufwand im Schadensfall beträgt bei den Käfern der Klasse 1200/1300 Kubikzentimeter im Schnitt 961 Mark.

Beim Porsche Typ 911 ermittelten die Versicherungs-Computer: Schadendurchschnitt 237, Schadenhäufigkeit 204, Schadenbedarf 483. Der Durchschnittsschaden eines Porsche 911 wurde mit 3611 Mark errechnet.

Für Besitzer PS-starker Wagen bedeutet die neue Regelung ohne Ausnahme höhere Prämien. Billiger dagegen wurde die Vollkasko-Versicherung beispielsweise für den VW-Käfer. Für einen 1300er muß bei einer Selbstbeteiligung von 650 Mark eine Basisprämie von 275 Mark bezahlt werden, gegenüber der alten Prämie von 358 Mark sank der Beitrag um 23 Prozent. Auch die Fahrer eines Ford-Taunus bekommen noch einen Nachlaß: 1,3 Prozent.

Da aber selbst für Fahrzeuge wie den VW Variant oder den Audi 80 jetzt um über 50 Prozent höhere Prämien bezahlt werden müssen, verzichteten viele Autobesitzer auf den vollen Versicherungsschutz und wanderten zur Teilkasko ab.

Einige Vertreter und Makler berichteten, sie hätten bis zu 60 Prozent ihres Vollkasko-Bestandes durch außerordentliche Kündigungen verloren. Dem widersprach Direktor Karl Heinz Münnich von der Colonia in Köln: »Das halte ich für ausgeschlossen.«

Allerdings ist von den neuen Vollkasko-Prämien nur eine Minderheit betroffen: Nur etwa zehn Prozent aller Autobesitzer hatten überhaupt einen Vertrag mit vollem Schutz abgeschlossen -- meist unfreiwillig, weil das Fahrzeug mit Krediten finanziert wurde und der Kreditgeber eine zusätzliche Sicherheit verlangte.

Autoversicherer Münnich: »In der Vollkasko-Versicherung sammelte sich seit Jahr und Tag eine negative Auslese.« Mit dem neuen Prämiensystem soll nicht nur Gerechtigkeit geschaffen, sondern auch die Struktur verbessert werden. Münnich: »Wir verlangen keine Abschreckungsprämien, sondern die, die dem tatsächlichen Risiko des jeweiligen Fahrzeugs entspricht.«

Auch Peter Gauly von der Allianz findet die kräftige Belastung der PS-starken Wagen gerecht: »Bislang wurden die teuren Fahrzeuge durch die billigen subventioniert.« Hätten die Versicherungen auf den tiefen Schnitt verzichtet, wäre die unausbleibliche Folge eine Prämienerhöhung von 20 Prozent für alle Versicherten gewesen.

Sogar der Entschluß mancher Autofahrer, künftig einer anderen Marke den Vorzug zu geben, findet den Beifall der Assekuranz. Münnich: »Das endlich wird die Hersteller zwingen, reparaturfreundlichere Fahrzeuge zu entwickeln.« Die nämlich sind nach dem neuen Tarif sehr günstig eingestuft.

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