Börsenkampf Nein, Danke
Bier und Bibel sind rot, und Mao ist eine Imitation. »Lang lebe Watneys rote Revolution«, wünscht ein Chinese mit einem Bierglas in der Hand, »Sie müssen es nur mal probieren.
Mit dem falschen Mao wirbt die britische Brauerei Watney Mann (2,5 Milliarden Mark Jahresumsatz) auf Plakaten für ihr neues Produkt, Watneys Red. Nun droht ihr das Schicksal, von einem Kapitalisten geschluckt zu werden.
Am Donnerstag vorletzter Woche kündigte Sir John Davis, Chef des britischen Rank-Konzerns (Filmverleih. Xerox-Kopiergeräte, drei Milliarden Mark Jahresumsatz) an, er wolle den Bierkonzern samt seinen 11 200 Kneipen kaufen -- zum gigantischen Preis von 430 Millionen Pfund (rund 3,6 Milliarden Mark).
Das ist »der größte Übernahme-Versuch, den Britannien je gesehen hat«, meldete die »Financial Times«. Doch vorerst blieb es beim Versuch. Denn ein Vorstoß des Rank-Chefs Davis, bereits in der vorletzten Woche mit den Watney-Männern handelseinig zu werden, scheiterte an der ablehnenden Haltung der Bierbrauer. »Die haben nicht einmal gefragt, wieviel«, zürnte Sir John, mit 420 000 Mark Jahresgehalt einer der höchstdotierten Manager Englands, nach der Abfuhr, »die haben gesagt, nein danke, und das war's.«
»Nein danke« und »unakzeptabel« hatte Britanniens drittgrößter Brauer bereits dem »Grand Metropolitan«-Hotel-Konzern gesagt, der im März zunächst 353 Millionen Pfund, im Mai aber bereits 413 Millionen Pfund für das Getränke-Reich geboten hatte.
Noch ist ungewiß, wie sich Watneys 44 000 Aktionäre nun entscheiden werden. Doch am Dienstag letzter Woche versprach Watney-Chef Michael Webster den Aktionären per Zeitungsinserat, das Angebot »sorgfältig zu prüfen«.
Und Maxwell Joseph, Vorstandsvorsitzender des Grand Metropolitan-Konzerns, so spekuliert Londons Börse, wird möglicherweise sein Angebot ein zweites Mal erhöhen und mehr bieten als Rank. obgleich er im Mai behauptet hatte: »Dies ist mein letztes Angebot, mehr zahle ich nicht.«
Obleich die Watney-Direktoren, die im kommenden Jahr auf einen Gewinnzuwachs von 6,5 Millionen Pfund (auf 35 Millionen Pfund) hoffen, zweifellos eine Übernahme scheuen, sind sie gezwungen, jedes Kauf-Angebot ihren Aktionären detailliert zu unterbreiten.
Denn im Gegensatz zur Bundesrepublik, in der, wie ein Londoner Börsenmakler erklärte, »die kleinen Aktionäre auf gut deutsch beschissen werden« und Transaktionen oftmals »nach Wildwest-Methoden« durchgeführt werden, überwacht ein »Panel on Takeovers and Mergers«, eine Art Börsenaufsicht, den ordnungsgemäßen Ablauf von Fusionen und Übernahmen. Aber anders als etwa die amerikanische »Securities and Exchange Commission« besitzt der City-Kontroll-Rat keine hoheitlichen Untersuchungs- und Eingriffsmöglichkeiten.
Börsen-Gesetz ist ein 47 Seiten umfassender »City Code on Takeovers and Mergers«. Elf Mitglieder der Londoner Finanz-Aristokratie, darunter der ehemalige britische Chefankläger während der Nürnberger Prozesse, Lord Shawcross, wachen über die Einhaltung der 39 Regeln sowie zwölf Grundsatz-Erklärungen der Fusionsfibel.
So müssen die Aktionäre etwa nach einem Kauf-Angebot umgehend durch Zeitungsinserate unterrichtet werden. gleichgültig, ob der Vorstand die Offerte ablehnen oder annehmen möchte. Auch die Identität des Käufers sowie seine bereits erworbenen Anteile am Unternehmen bleiben nicht geheim. Der Grand-Metropolitan-Konzern etwa, der jetzt mit Rank um Watney kämpft, besitzt neben mehr als 60 Hotels, 560 Wettbüros, 240 Steak-Restaurants, 800 Cafeterias, einer Brauerei und 1100 Kneipen auch etwa neun Prozent der Watney-Aktien.
Auch bleibt den Watney-Aktionären nicht verborgen, daß Ranks Börsenwert zwar auf rund 700 Millionen Pfund geschätzt wird, daß das 1934 als Filmverleih- und -produktionsfirma (Markenzeichen: ein Mann mit Gong) gegründete Unternehmen jedoch 79 Prozent des Profits aus dem letzten Geschäftsjahr allein aus einem Produkt schöpft -- den Xerox-Kopiergeräten, die das Unternehmen in Lizenz der amerikanischen Xerox-Corporation herstellt und verkauft.
Die Rank-Hotel-Gruppe, zu der das Royal Lancaster in London zählt, erarbeitete aus seinem Sechs-Millionen-Umsatz nur 29 000 Pfund Profit. Von 20 Millionen Pfund Einnahmen aus Tanzsälen, »Bingo«-Glücksspielhallen, Rasthäusern und Restaurants sowie 250 Kinos blieben lediglich 1,5 Millionen Pfund Gewinn. »Allein der Profit der Rank-Xerox«, so die »limes«, »konnte oft enttäuschende Resultate aus anderen Investitionen verdecken.«
Zwar sieht der Rank-Vorstand für die kommenden fünf Jahre weiteren Gewinn-Zuwachs durch die Xerox-Dependance voraus. Aber gleichwohl muß das Unternehmen ein Ausbleiben der Wachstumsimpulse einkalkulieren und nach stabilen Gewinnen suchen.
Als Gewinn-Garant erscheint Sir John die Watney-Brauerei geradezu ideal: Watney kontrolliert Brauereien in Belgien, Weinhandlungen in Frankreich, Selbstbedienungsläden in Deutschland, produziert Gilbeys J & B-Whisky und Smirnoffs Wodka. 6100 Kneipiers in England und 5100 auf dem Kontinent schenken Watneys aus. Auch in Westdeutschland, etwa in Düsseldorfs »Victorian« und Münchens »Citta 2000« fließt der Watney-Saft. Außerdem sind 40 Steak-Häuser, 18 Restaurants, 31 Hotels sowie mehr als ein Dutzend Diskotheken im Besitz der britischen Brauer.
Watney und Rank zusammen, so träumt der Rank-Vorstand, »könnten in der EWG, in Europa und darüber hinaus eine beispiellose Freizeit-Organisation aufbauen«.
In den Pubs der britischen Hauptstadt aber protestierten in der letzten Woche die ersten Watney-Kunden gegen die drohende Übernahme. Sie überklebten die Mao-Kopien und die rote Bibel mit dem Spruch: »Let's keep Watneys Watneys.«