Nervöse Börsen "Reif für Gewinnmitnahmen"
Hamburg - Wann immer dem Börsen-Analysten nichts Besseres einfällt, beruft er sich auf die Geschichte und alte Weisheiten. "Sell in May and go away but remember to come back in September", heißt solch eine Maxime. Es gibt sogar eine Studie der Erasmus-Universität von Rotterdam, die bestätigt, dass der Aktienmarkt oft diesem saisonalen Muster folgt.
In diesem Jahr aber spricht vieles dafür, dass die traditionell fetten Börsenmonate November und Dezember schwächer ausfallen. "Wir halten es für unwahrscheinlich, dass das vierte Quartal das beste sein wird", sagt Dominic Rossi, Aktienchef von Threadneedle. "Wahrscheinlich sinkt das US-Wachstum auf ein bis zwei Prozent im Jahr. Sowohl in den USA als auch in Europa verlangsamt sich das Wachstum der Unternehmensgewinne, und die Zahl der Gewinnwarnungen steigt." Er fügt an: "Einige Märkte sehen reif für Gewinnmitnahmen aus."
Da passt die paradoxe Reaktion auf die US-Zinsentscheidung ins Bild. Die Fed hat am Dienstag wie erwartet die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Normalerweise können Anleger von solchen Interventionen profitieren. "In zwölf der vierzehn Zinssenkungszyklen seit 1974 stieg der S&P 500 um durchschnittlich 18 Prozent in den zwölf Folgemonaten", sagt Ad von Tiggelen, Senior Strategist der ING Investment Management. Doch gestern und heute fielen die Börsenkurse weltweit - trotz der Zinssenkung.
Was den Dax betrifft, gibt es auch einige optimistisch stimmende Vorzeichen. Die Ratingagentur Moody's etwa betonte in einer aktuellen Studie, die Nachfrage nach deutschen High-End-Produkten auf den Weltmärkten bleibe auch dann hoch, wenn sie sich verteuern. Genau das ist wegen des steigenden Euro-Kurses aktuell der Fall.
Auch die deutsche Binnennachfrage wirkt stabil. "Inzwischen gibt es 40 Millionen Beschäftigte, einen so hohen Beschäftigungsstand hatten wir noch nie. Das wird mittelfristig auch den Binnenkonsum anspringen lassen", sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.
Der für Deutschland zuständige Volkswirt von Economy.com, Matthew Cairns, ist ähnlich zuversichtlich: Die Binnennachfrage werde sich "langsam aber stetig verbessern und damit zur Wachstumsstütze werden". Von dieser neuen deutschen Welle dürften in der Vorweihnachtszeit Konsumtitel wie die Metro -Aktie profitieren.
Bankaktien allerdings mag keiner so recht. "Insbesondere die Analystenschätzungen für die Gewinne der Banken leiden unter der Kreditkrise, wir würden hier noch nicht in das fallende Messer greifen", heißt es von der Dekabank.
Die Nervosität bleibt jedenfalls hoch und das gilt für alle Branchen. Entsprechend ist die Furcht vor einer Korrektur berechtigt. "Wir bleiben mit Blick auf die kommenden Wochen trotz positiver Aktiensaisonalität vorsichtig, da die Folgen der Kreditkrise noch nicht völlig überwunden sind", heißt es in einer Analyse der Dekabank.
Optimistischer zeigt sie sich für das kommende Jahr: "Unser positives weltwirtschaftliches Szenario für das Jahr 2008 erlaubt jedoch auf mittlere Sicht deutlich höhere Aktienkurse."