Nervöse Märkte Analysten sehen Ölpreis vor neuem Allzeithoch
New York/Hamburg - Die Nervosität an den internationalen Ölmärkten ist kaum zu übersehen. Angesichts zahlreicher Risiken und Unwägbarkeiten hätten Beobachter ihre Prognosen für den durchschnittlichen Barrel-Preis im laufenden Jahr angehoben, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.
Demnach rechnen Öl-Analysten jetzt für 2006 mit einem Durchschnittspreis von 63 Dollar pro Barrel (159 Liter). Der Wert liegt 6,30 Dollar oder elf Prozent über dem Vorjahreswert. "Es gibt kaum freie Kapazitäten und zahlreiche Risiken bei der Versorgung. Wir erwarten ein hohes Preisniveau während des ganzen Jahres", sagte Simon Wardell, Energieexperte beim Marktforschungsinstitut Global Insight.
Die Beobachter rechnen damit, dass der Ölpreis bald ein neues Allzeithoch markieren wird. Bislang liegt der Höchststand bei rund 70 Dollar, die während der Hurrikan-Saison im vergangenen Herbst erreicht wurden. Damals hatten die Stürme die Petroindustrie in den Vereinigten Staaten schwer getroffen. Einige Experten rechnen jetzt damit, dass sich der Rekordpreis auch ohne solche Katastrophen einstellen wird. "Wir erwarten ein neues Allzeithoch, bedingt durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage", sagte Kevin Norrish von Barclays Capital.
Derweil bleibt die Lage an den Märkten angespannt. Der US-Ölpreis hat sich heute im frühen Handel deutlich über 67 Dollar gehalten. Ein Barrel der Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete am Morgen im elektronischen Handel 67,48 Dollar. Das waren 41 Cent mehr als gestern beim Handelsschluss. Ein Barrel der Nordseesorte Brent verteuerte sich um 43 Cent auf 67,53 Dollar. Opec-Öl markierte fast unverändert bei 61,08 Dollar, 7 Cent mehr als am Vortag.
Geringe US-Vorräte belasten
Aktuell hält der überraschend kräftige Schwund der Benzinvorräte in den USA die Märkte in Atem. Gestern hatte die US-Regierung einen Rückgang der Vorräte um 4,4 Millionen Barrel auf 211,8 Millionen Barrel bekannt gegeben. Experten hatten hingegen nur mit einem Minus von 1,4 Millionen gerechnet.
Zudem stabilisieren die geopolitischen Spannungen in wichtigen Förderländern den Ölpreis weiter auf einem hohen Niveau, hieß es an den Märkten. In Nigeria, Afrikas größtem Ölförderland, fallen beispielsweise seit zwei Monaten über 20 Prozent der Produktion wegen Angriffen militanter Kräfte aus.
Auch der Atomstreit mit Iran sorgt für Verunsicherung. Sollte der Konflikt eskalieren rechnen Branchenkenner sogar mit einem Barrel-Preis jenseits der 100-Dollar-Marke. Iran als viertgrößter Ölproduzent der Welt hat in der Auseinandersetzung eine Einschränkung seiner Ölexporte nicht ausgeschlossen. Präsident Mahmud Ahmadinedschad rief im Januar die islamischen Staaten dazu auf, ihre wirtschaftliche Stärke als Waffe gegen den Westen einzusetzen.
Dabei ist die Ölnachfrage weltweit ungebrochen. "Die wirtschaftlichen Aussichten sind weiter sehr solide", sagte Francisco Blanch, Ölexperte bei Merrill Lynch. Dadurch bleibe die Nachfrage weiter hoch. Blanch rechnet für 2006 sogar mit einem Durchschnittspreis von 65,5 Dollar je Barrel am Markt in New York.
Furcht vor neuen Stürmen
Letztendlich fürchten die Märkte auch die Folgeschäden einer neuen Hurrikansaison in den USA. Laut einer Studie der Colorado State University drohen dort nach 2005 auch in diesem Jahr wieder zahlreiche schwere Stürme. Traditionell treffen die Hurrikans die Ölanlagen im Golf von Mexiko. Dort liegen zahlreiche Fördereinrichtungen, Raffinerien und Verladestationen. So deckt die Golfregion 30 Prozent der Inlandsförderung in den USA ab. Allerdings sind die Kapazitäten in Folge der vergangenen Sturmsaison nach wie vor eingeschränkt.
Angesichts der zahlreichen Risiken hoffen Analysten jetzt auf das nächste Jahr. Erst dann könnten die Preise wieder fallen. "Insgesamt sollte sich die Lage 2007 entspannen", sagte Antonio Szabo von der Unternehmensberatung Stone Bond Technologies. Dass ein Barrel allerdings wieder weniger als 50 Dollar kosten könnte, glaubt auch er nicht.
suc/Bloomberg/dpa