Neue Aktien: Blut wird fließen - DER SPIEGEL
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Neue Aktien Blut wird fließen

Viele der grotesk überbewerteten Aktien sind in der vergangenen Zeit auf den Boden der Normalität aufgeschlagen. Doch die Börse produziert schon neuen Irrsinn.
Von Bernd Niquet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt Situationen, da zuckt man regelrecht zusammen und traut seinen eigenen Augen nicht mehr. Doch dann blinzelt man hinüber zum Nebenmann und der verhält sich, als wäre nichts gewesen. Bei manchen verrückten Vorkommnissen muss es einen Gewöhnungseffekt geben, den der eine schon durchlaufen hat, der andere noch nicht.

Wer also gewöhnt ist, täglich rosa Elefanten über die Straße laufen zu sehen, der wird beim Anblick eines rosa Elefanten folglich keinerlei Besonderheit mehr erkennen. Ich hingegen zucke weiterhin zusammen, wenn ich einen rosa Elefanten sehe.

Bisher habe ich mich wenig für Aktien von Finanzdienstleistern interessiert. Der Börsengang von AWD ist mir aber ins Auge gesprungen, denn jeder kennt doch jemanden, der in seiner Studienzeit einmal für den AWD Klinken putzen gegangen ist. Und so habe ich einmal einen Blick auf die Emissionsdaten geworfen:

AWD bringt 9,9 Millionen Aktien an den Markt, welches ein gutes Viertel der Gesamtaktienanzahl von 37.012.590 Stück ausmachen wird. Die Bookbuilding-Range liegt bei 54 bis 62 Euro. So, und jetzt kommt der Auftritt des rosa Elefanten: Nehmen wir nämlich nur einmal den niedrigen Wert der Bookbuilding-Range als Emissionspreis, dann hat die Firma einen Wert von knapp 2 Milliarden Euro oder fast 4 Milliarden Mark. Und da sage noch einmal jemand, der Türverkauf wäre kein einträgliches Geschäft.

Vor kurzen ist in der Presse noch kritisiert worden, dass der Vorstandsvorsitzende von AWD, Carsten Maschmeyer, zusammen mit seinem Finanzchef ein Gehalt von 2,1 Millionen Mark jährlich bezieht. Doch was ist das anlässlich eines Aktienanteils der Familie Maschmeyer, der bei 54 Prozent liegt, und somit mit unwesentlichen 2 Milliarden Mark zu Buche schlägt.

Betrachtet man nun das Umfeld von AWD, dann mutieren selbst rosa Elefanten zu Allerweltsviechern. Denn MLP beispielsweise ist mehr als das Dreifache von AWD wert und weist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 223 für dieses und von 157 für nächstes Jahr aus. AWD hingegen, so Chef Maschmeyer in einem Interview, wäre schon mit einer Bewertung mit dem Achtzigfachen des Gewinns zufrieden. Wie bescheiden man doch ist. Doch 80 ist immerhin noch das Doppelte von dem, was man selbst einem Super-Wachstumsunternehmen überhaupt zubilligen kann. Manche Blasen bilden sich also nicht erst an der Börse, sondern werden bereits als Blase geboren. Doch auch hier wird früher oder später die Normalität einziehen. Und das bedeutet: Es wird noch Blut fließen.