Neue Bundesländer Der Norden blutet aus
Leipzig - Allein 37 der 100 bedeutendsten Großbetriebe Ostdeutschlands sind in Sachsen angesiedelt, so eine Rangliste der "Welt". In Sachsen-Anhalt haben 21 dieser Unternehmen ihren Sitz, in Thüringen 16. In Ost-Berlin seien elf der Großunternehmen ansässig, in Brandenburg neun, in Mecklenburg-Vorpommern nur sechs.
Die Wachstumsdynamik der 100 größten Unternehmen ist außerdem fast zum Erliegen gekommen, heißt es in dem Bericht. Im vergangenen Jahr steigerten sie ihre Umsätze nur um 0,7 Prozent auf 82,7 Milliarden Mark. 1998 lag die durchschnittliche Umsatzsteigerung nach Angaben der Zeitung noch bei knapp 13 Prozent. Die 100 größten West-Unternehmen hätten hingegen 1999 ein Umsatz-Plus von 13,8 Prozent erwirtschaftet und damit ein fast 20-mal schnelleres Expansionstempo vorgelegt. Die Firmenelite der neuen Bundesländer verliere danach den Anschluss an die Konkurrenz aus dem Westen.
Der Aufbau Ost ist auch nach Ansicht des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) ins Stocken geraten. Der Aufholprozess in Ostdeutschland befindet "in einer kritischen Phase", schreibt das Institut in einer Studie. Seit 1995 lasse die Dynamik des Aufschwungs in den neuen Ländern "merklich nach". Das reale Wirtschaftswachstum bleibe seit 1997 hinter dem in Westdeutschland zurück, konstatieren die Forscher.
Das Institut weist auf die große Bedeutung des westdeutschen Absatzmarktes für die ostdeutschen Betriebe hin. "Je höher das Wirtschaftswachstum und je ausgeglichener der Arbeitsmarkt Westdeutschlands sind, umso leichter und rascher vollzieht sich die Angleichung Ostdeutschlands".
Nach dem Bericht der "Welt" geht die Wachstumsschwäche Ostdeutschlands vor allem auf die Strom-, Wasser- und Gasversorger zurück, die auf Grund des verschärften Preiswettbewerbs große Einbußen meldeten. Problembranchen seien bei den führenden Ost-Unternehmen überrepräsentiert. So hätten die Versorger an den Gesamtumsätzen einen Anteil von 27 Prozent. Die Automobilbranche, die mit Fabriken von Volkswagen (Zwickau) und Opel (Eisenach) floriere, habe dagegen nur einen Anteil von 13,1 Prozent. Dieser Trend konnte sich im Vergleich zum Vorjahr allerdings schon leicht umkehren. 1998 betrug der Versorgeranteil 29,7 und der der Automobilindustrie 12,6 Prozent.
Angeführt wird die Liste von der Volkswagen Sachsen-Gruppe, gefolgt von der Berliner Vereinigte Energiewerke, VEAG, und dem Leipziger Verbundnetz Gas, VNG. Deutlich gestiegene Umsätze meldeten börsennotierte Unternehmen. Sachsenmilch (Leppersdorf) verzeichne ein Umsatzplus von 112 Prozent, hieß es. Die sechs börsennotierten Unternehmen der Übersicht seien allerdings auch im Süden angesiedelt: vier in Sachsen, die beiden anderen - Jenoptik und der Baustoffhändler Mühl - sind in Thüringen ansässig.