LÖHNE Neue Dimension
Werner Köster, Betriebsratsvorsitzender der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie, ist dem traditionsreichen Unternehmen aufs engste verbunden. Seit über 30 Jahren vertritt der Gewerkschafter die Belegschaft im Aufsichtsrat. Köster kennt die 112 Jahre alte Gummifabrik wie kaum ein zweiter.
Doch seit einiger Zeit hat Köster an seinem Job keine rechte Freude mehr. Das Unternehmen steckt in einer Krise. Kautschuk, den Kösters Firma verarbeitet, S.106 ist nicht mehr so gefragt wie einst. Gummi-Dichtungen für die Bauwirtschaft, Pfeifenmundstücke, gesägte Kämme aus Hartgummi (Marke Hercules) oder Zelluloid (Marke Sägemann) finden nicht mehr genügend Abnehmer. Das vergangene Jahr schloß mit 1,5 Millionen Mark Verlust.
Friedrich Trokowski, der Chef der ehrwürdigen Aktiengesellschaft, will das Produktionsprogramm ändern und in neue Maschinen investieren. Doch es fehlt an Geld, denn die Hauptaktionäre, die Hamburger Vereins- und Westbank sowie die Homberger Industrie-Holding Elektrische Licht- und Kraftanlagen AG, ziehen nicht mit.
Das erforderliche Kapital soll von der Belegschaft kommen - und Betriebsratsvorsitzender Köster wurde vom Chef gebeten, dieses neuartige Sanierungsverfahren bei den Kollegen durchzuboxen.
Die 625 Beschäftigten, so wurde Köster höheren Orts bedeutet, könnten den gänzlichen Niedergang des Unternehmens nur aufhalten, wenn sie freiwillig auf 4,5 Prozent ihres Lohns verzichteten. Jährlich spare die Firma dann etwa 1,5 Millionen Mark. Damit könnten die Arbeitsplätze gesichert, die Gummi-Compagnie gerettet werden.
Köster nahm den Auftrag an. Die Kollegen, so rechtfertigt er sich, hätten Angst vor der Arbeitslosigkeit; also müsse er als Betriebsrat alles tun, um die Jobs zu sichern.
Ähnlich wie Köster ergeht es gegenwärtig etlichen Betriebsräten. Statt forsch Arbeitnehmer-Interesse zu vertreten, müssen sie mitwirken, vertraglich Vereinbartes zurückzudrehen.
Stehen die Arbeitsplätze auf dem Spiel, verzichten heute ganze Belegschaften auf den Tariflohn und auf andere soziale Errungenschaften, wie Weihnachtsgratifikationen, Urlaubsgelder oder Betriebsrenten.
Lohnverzicht, Abbau übertariflicher und tariflicher Zulagen, Abstufung von Akkorden und Streichung von Sonderzahlungen sind keine Seltenheit mehr. Die rituellen Lohnrunden wirken darum in diesem Frühjahr noch mehr als sonst wie eine Farce.
»Einen Skandal« nennt es Bruno Köbele, stellvertretender Bundesvorsitzender der IG Bau-Steine-Erden, wie in der Bauwirtschaft die Tarifverträge unterlaufen würden. Maurer und Fliesenleger müßten dafür büßen, daß viele Baubetriebe zuwenig Eigenkapital hätten.
Ein »trauriger Höhepunkt«, findet der IG-Metall-Vorsitzende Eugen Loderer, sei erreicht worden, als Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff den 20 000 Beschäftigten von Arbed Saarstahl die Hälfte ihres Weihnachtsgelds abgepreßt habe. Lambsdorffs Parteifreund Edwin Hügel, der liberale Wirtschaftsminister des Saarlands, möchte diese Methode nun sogar auf das ganze Bundesland übertragen.
Um fünf Prozent, so regte der FDP-Politiker an, sollten die Löhne im Saarland unter den Bundesdurchschnitt gesenkt werden. Dann könnte sich das Grenzland schon bald »vor lauter Ansiedlungen nicht mehr schützen«.
Für die Gewerkschaften ist diese Art der Wirtschaftsförderung schlicht Lohndrückerei. Die Angriffe auf den sozialen Besitzstand der Arbeitnehmer hätten eine »neue Dimension« erreicht, beschwert sich Metaller-Boß Eugen Loderer. Wenn in Lohnvereinbarungen wahllos eingegriffen werde, ließe sich die »große Stabilität unserer sozialen Ordnung nicht mehr aufrechterhalten«. Bei S.109 der Sanierung ihrer eigenen Neuen Heimat orientieren sich die Gewerkschaften allerdings ganz ungeniert an solchen Praktiken. Insgesamt 30 Millionen Mark sollen den Beschäftigten im Jahr gestrichen werden, damit der Wohnungsbau-Konzern saniert werden kann.
Ob in privatkapitalistischen oder in gewerkschaftlichen Unternehmen: Von Arbeitnehmer-Einkommen, die sie auch mal kürzen können, träumen die Verfechter der reinen Marktlehre schon lange. Daß die Arbeitskosten sich stets nur nach oben bewegten, daß auch bei überhöhtem Angebot der Preis für die Arbeitskraft nicht sank - dies erschien den Nachfahren von Adam Smith stets der gravierendste Fehler entwickelter Industrie-Wirtschaften. Zu hohe Lohnkosten, so das Argument, verteuerten die Produkte und führten schließlich, über schlechteren Absatz, zu Arbeitslosigkeit.
Doch für solche Überlegungen war bisher kein Raum in einer Wirtschaftsgesellschaft, die zum einen auf stetes Wachstum auch der Einkommen programmiert war und in der zum anderen kollektive Organisationen die Entgelte für ganze Wirtschaftszweige in Verträgen festschrieben.
Die Widerstände gegen vereinzelte Lohnanpassungen nach unten sind gewaltig, nicht nur auf der Arbeitnehmer-Seite: Beide Verbände, Gewerkschaften wie Arbeitgeber-Lobby, müssen um ihre Existenzberechtigung fürchten. Wenn Tarifverträge nichts mehr gelten, verlieren die Kollektiv-Organisationen ihren Leistungsnachweis.
Die Arbeitgeber-Lobby sorgt noch etwas anderes. Verzichten einzelne Belegschaften auf die vereinbarten Löhne, dann verzerrt das den Wettbewerb. Der Kostenvorteil, den sich ein Unternehmen durch Lohnkürzung verschafft, benachteiligt die Konkurrenten.
Tarifverträge zu unterlaufen ist juristisch gar nicht einfach. Grundsätzlich können die Vereinbarungen nur von Gewerkschaften und Arbeitgeber-Verbänden gemeinsam geändert werden.
Kein Tarifvertrag verbietet allerdings den Beschäftigten, ihre Löhne zu stunden. Niemand kann eine Belegschaft hindern, ihrem Chef ein Darlehen zur Sanierung des Betriebs zu gewähren.
Zweifelhaft ist aber, ob sich mit solchen Tricks ein hinfälliges Unternehmen noch retten läßt und die Arbeitsplätze wirklich auf Dauer zu sichern sind. Oft wird das Ende nur hinausgezögert, die Arbeitnehmer sind doppelt getroffen: Sie verlieren einmal den Job; zudem kassieren sie noch weniger Konkursausfallgeld und Arbeitslosenunterstützung, als sie ohne Lohnzugeständnisse erhalten hätten. Beides bemißt sich am letzten Verdienst.
Reingefallen sind so zum Beispiel die 120 Mitarbeiter der Möbelfirma Rönn in Lemgo. Trotz Lohnkürzung um zehn Prozent ging der Betrieb pleite. Auch bei der Caravans International Wilk GmbH in Zweibrücken hat sich das Entgegenkommen des Betriebsrats nicht ausgezahlt. Das englische Mutterunternehmen hat mittlerweile Vergleich angemeldet. In diesen Tagen macht das Zweibrückener Wohnwagen-Werk dicht.
Selbst wenn die Firma mit Hilfe der Arbeitnehmer überlebt, ist keineswegs sicher, daß alle ihren Job behalten. Wird das Geld nämlich in neue Maschinen gesteckt, dann werden mit Sicherheit Arbeitsplätze wegrationalisiert.
Deshalb hat es auch der Belegschaft von Ideal-Standard in Neuss nicht viel gebracht, daß sie letztes Jahr fünf Monate auf die fällige Lohnerhöhung verzichtete. Die halbe Million, die das Unternehmen damit gespart hat, steckte die Klosettfabrik in neue Anlagen.
Insgesamt, so ermittelte die Neusser IG Metall, investierte Ideal-Standard sechs Millionen Mark. Mehr als die Hälfte der Belegschaft wird nun überflüssig, 350 Beschäftigte verlieren ihre Jobs.