Neue EADS-Chefs: Eiserne Hand im Samthandschuh - DER SPIEGEL
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Neue EADS-Chefs Eiserne Hand im Samthandschuh

Louis Gallois und Christian Streiff, zwei französische Top-Manager, sollen die Krise bei EADS beheben. Die deutsch-französische Doppelspitze von Europas größtem Luft- und Raumfahrtkonzern bleibt bestehen. Airbus wird allerdings nicht mehr von einem Deutschen geleitet.
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Hamburg - Louis Gallois ist der Beleg dafür, dass in jeder Krise auch eine Chance liegt. Denn der glatzköpfige Manager, der nun zusammen mit dem deutschen Thomas Enders an der Spitze von EADS steht, gilt in Expertenkreisen fast unisono als Top-Besetzung. Zehn Jahre lang leitete Gallois das französische Bahnunternehmen SNCF. Als er in den neunziger Jahren seinen Dienst antrat, galt die Staatsbahn als vollkommen marode. Schnell jedoch konnte sich Gallois als Modernisierer profilieren.

Jahr für Jahr setzte Gallois bei der SNCF Stellenstreichungen durch, schaffte es aber trotz der traditionell streikfreudigen Eisenbahner, soziale Konflikte durch Bereitschaft zum Dialog und Vermittlergeschick im Zaum zu halten. Die Zahl der Streiktage bei dem Staatskoloss mit heute 170.000 Beschäftigten sank unter Gallois deutlich. Fast "herzlich" sei der SNCF-Chef gegenüber den Arbeitnehmervertretern aufgetreten, sagt Bernard Aubin von der Gewerkschaft CFTC-Cheminots. Dabei habe er seine Entscheidungen aber immer durchsetzen wollen.

Der ihm nachgesagte Pragmatismus ist also keineswegs als Nachgiebigkeit zu verstehen. Bei seinen engsten Mitarbeitern gilt Gallois als knallharter Manager. "Gegenüber den Gewerkschaften zeigt er eine eiserne Hand im Samthandschuh, Gegenüber seinem Führungspersonal ist es die eiserne Hand in einem eisernen Handschuh", sagt Aubin. Eine konsequente Führung à la Gallois ist wohl genau das, was EADS nach den Querelen wegen der Lieferverzögerungen beim Super-Airbus A380 braucht.

Die Anteilseigner werden möglicherweise nicht lange auf Veränderungen warten müssen. Denn eine lange Einarbeitungszeit braucht Gallois nicht: Seit sechs Jahren gehört er dem Verwaltungsrat des Luft- und Raumfahrtkonzerns an und wurde als Kontrolleur in alle wichtigen Entscheidungen und Entwicklungen eingeweiht. Aus seiner früheren Karriere bringt er zudem den notwendigen Sachverstand für das Luftfahrt- und Rüstungsgeschäft mit. Nach Wirtschaftsstudium und der französischen Kaderschmiede ENA arbeitete er in den achtziger Jahren hoher Beamter im Verteidigungsministerium, bevor er in die Industrie ging. Nach dem Chefposten beim Flugzeugmotorenbauer Snecma übernahm Gallois 1992 die Leitung des Aérospatiale-Konzerns, der inzwischen Teil von EADS ist.

Doppelspitze bleibt bestehen

Da die Großaktionäre von EADS entschieden haben, die oft kritisierte deutsch-französische Doppelspitze beizubehalten, ist auch die Zusammenarbeit von französischen und deutschen Führungspersönlichkeiten im Konzern zum Thema geworden. Dafür scheint Gallois allerdings bestens gerüstet: mit dem deutschen Bahnchef Mehdorn hat er nicht nur jahrelang die Zukunft des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs geplant, es ist sogar eine persönliche Freundschaft entstanden. Solch eine deutsch-französische Freundschaft kann man sich in der Führungsetage von EADS derzeit nur wünschen.

Auch bei der Besetzung des Chefpostens der Flugzeugtochter Airbus, die angesichts der Lieferverzögerungen beim A380 Mitauslöser der Krise von EADS war, scheint die deutsch-französische Komponente wichtig gewesen zu sein. Zum neuen Airbus-Chef wurde der Franzose Christian Streiff ernannt, der bis Mitte 2005 Generaldirektor bei der Saint-Gobain-Gruppe war. Streiff ist zwar Franzose, doch bezeichnet er sich selbst als Halbdeutschen. Tatsächlich verbrachte er einen Grossteil seiner Karriere in Deutschland. Ab 1979 leitete er die Glasfabriken des multinationalen Konzern Saint-Gobain, bevor er 2004 Generaldirektor des Unternehmens wurde. Saint-Gobain gehört zu den hundert größten Industriegruppen der Welt und ist weltweit führend in der Herstellung von Glas, Hochleistungswerkstoffen und Bauprodukten.

Streiff spricht perfekt Deutsch und hat im Jahr 2000 sogar ein Buch über die deutsche Wiedervereinigung veröffentlicht. Der in Sarrebourg an der Mosel geborene Ingenieur ist Aufsichtsratsmitglied bei ThyssenKrupp und Continental.

Überwindung nationaler Grenzen

In der aktuellen Krise sehen Enders und Gallois auch eine Bestätigung dafür, dass die EADS nationale Grenzen überwinden müsse, um auch künftig florieren zu können. "Den besten Mann für die Aufgabe - nach diesem Prinzip haben wir Christian Streiff zum neuen Airbus-CEO ernannt", hieß es.

So zeichnen sich die Konturen der Veränderung bei EADS ab. Das deutsch-französische Doppelgespann wird beibehalten, aber die politischen Interessen treten hinter das Leistungsprinzip zurück. Auch strukturell wird umgebaut: mit dem Ziel, Airbus enger in die Organisationsstruktur von EADS einbinden zu wollen, wird der neue Airbus-Chef Streiff in Zukunft direkt dem deutschen EADS-Co-Chef Enders unterstehen.

Die Resonanz auf diese Personalentscheidungen ist durchweg positiv. Beide Manager gelten als äußerst kompetent. Allerdings hatten sich viele Analysten und Börsianer die Abschaffung der Doppelspitze erhofft.

Vor einem Jahr hatte der damalige Airbus-Boss Noël Forgeard noch versucht, sich mit Hilfe von Frankreichs Staatchef Jacques Chirac und auf Kosten der Deutschen zum alleinigen EADS-Chef aufzuschwingen. In Berlin ist man über die erneute Entscheidung der Eigner von EADS, die Doppelspitze zu erhalten, sehr erfreut. Das von der Bundesregierung stets favorisierte deutsch-französische Gleichgewicht bei EADS sei gewahrt, so Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Außerdem zeige die Auswahl der neuen Führungsriege, dass die Anteilseigner DaimlerChrysler, Lagardère und der französische Staat keine politische Entscheidung getroffen hätten, sondern "auf Manager mit Industrieerfahrung gesetzt haben". Zudem sei die Position des deutschen Co-Vorsitzenden Thomas Enders durch die direkte Berichtspflicht des neuen Airbus-Chefs wesentlich gestärkt worden.

lfs/dpa/afp/pin/mt/eha