Neue-Markt-Epidemie Massensterben erwartet
Frankfurt am Main - Die Stimmung am Neuen Markt ist alles andere als gut. Ständig werden Börsengänge abgesagt. Allein in dieser Woche verabschiedeten sich der Softwareanbieter Brainlab und der Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen Lignum Technologies bis auf weiteres vom Parkett. Nach Ansicht beider Firmen ist das Marktumfeld derzeit so desolat, dass ein Börsengang mehr schaden als nützen würde.
Die Zahlen geben ihnen Recht: Von knapp 20 Unternehmen, die 2001 den Sprung an die Börse gewagt haben, notierten zur Jahresmitte nur fünf oberhalb des Ausgabepreises. Der Neue Markt ist vom Tanzboden der Börsenstars zur einer gewaltigen Kapitalvernichtungsmaschine geworden. Von seinem Höchststand bei über 8559 Punkten im März 2000 ist der Nemax-All-Share bis auf 1414 Punkte in die Tiefe gerauscht. Unzählige Hiobsbotschaften wie Insidergeschäfte, Insolvenzverfahren, Untreue, geschönte Bilanzen und immer neue Gewinnwarnungen haben die einstigen Börsenlieblinge jegliches Vertrauen gekostet.
Nach Ansicht von Markbeobachtern wird am Neuen Markt nur noch in wenige Aktien wirklich investiert. "Von den rund 350 Unternehmen am Neuen Markt konzentrieren sich die ausländischen Anleger mehrheitlich auf die Nemax-50-Titel", sagt Dresdner-Bank-Stratege Rainer Gerdau. Nur rund 20 bis 30 Unternehmen des schrumpfenden "Wachstumssegments" sind nach Ansicht von Thomas Effler, Aktienstratege der Commerzbank, noch für die Profis interessant.
"Am Neuen Markt herrscht die absolute Verzweiflung - sowohl seitens der Anleger als auch der Marktteilnehmer", sagte Jörg Pluta, einer der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Von den in den kommenden Wochen anstehenden Quartalszahlen erwarten die Börsianer keine Besserung - im Gegenteil. "Bleibt nur noch die Frage, ob es schon alle Konkurskandidaten aus dem Index geschüttelt hat", so ein Marktbeobachter.
Gerdau fordert deshalb, den Druck auf die Neue-Markt-Unternehmen zu erhöhen und Aktien schneller vom Markt zu nehmen, deren Wert unter einen Euro fällt (so genannte Penny-Stocks). Für den Experten steht zudem außer Frage, dass es in den kommenden drei bis fünf Jahren viele Unternehmen am Neuen Markt so nicht mehr geben wird. "50 bis 100 Unternehmen werden durch Übernahmen und Insolvenz nicht mehr am Markt notiert sein." Commerzbank-Analyst Effler erwartet, dass in den kommenden zwölf Monaten weitere zehn Prozent der börsennotierten Gesellschaften wegen Insolvenz vom Kurszettel des Neuen Marktes verschwinden.