NEUE HEIMAT Neue Notopfer
Die Delegierten der IG Druck und Papier hatten den richtigen Riecher. Auf ihrem Gewerkschaftstag in Nürnberg beschlossen sie Ende vorletzter Woche, keine weiteren Hilfszahlungen an den Wohnungsbau-Konzern Neue Heimat (NH) zu leisten und ihre Anteile an dessen Schwesterunternehmen Neue Heimat Städtebau (NHS) zu verkaufen.
Den Mitgliedern sei nicht länger zuzumuten, selber Schulden aufzutürmen, um die durch Mißwirtschaft, Managementfehler und schlampig arbeitende Aufsichtsräte entstandenen Verluste des gewerkschaftseigenen Konzerns auszugleichen. Wie die Drucker möchten auch andere Gewerkschafter die lästig gewordene Neue-Heimat-Gruppe gern loswerden. Ganze Bezirke und Landesverbände der Metaller, Postler oder der gewerkschaftlich organisierten Lehrer würden ihre NH-Anteile am liebsten sofort abstoßen. Aber Käufer sind nicht in Sicht.
Fast anderthalb Jahre nach der NH-Affäre kann Diether Hoffmann, Nachfolger des wegen seiner Strohmann-Geschäfte gestürzten Albert Vietor, kaum Sanierungs-Erfolge melden. Obwohl die Gewerkschaften ihren leckgeschlagenen Konzern seit 1981 mit fast einer Milliarde Mark abzudichten versuchten, hat er immer noch starke Schlagseite. Neue Notopfer, das belegen interne Zahlen, sind wahrscheinlich nötig.
Nach einem »Strukturkonzept II« benannten Vorstandspapier ist es den NH-Managern bislang nicht gelungen, den gewaltigen Vorrat an unbebauten Grundstücken nennenswert zu verkleinern. Obwohl sie in diesem Jahr über eine Million Quadratmeter verkauft haben, liegen immer noch Areale im Wert von über 1,7 Milliarden Mark ungenutzt und drücken 155 Millionen Mark Verluste in die Bilanz. Bis Anfang 1988 wird die Grundstückshalde nach dem Hoffmann-Papier über eine halbe Milliarde Mark Zinsen kosten.
Dabei bleibt es nicht: 3200 Eigentumswohnungen und Eigenheime stehen leer. Auch dieser Bereich, klagt der NH-Chef in seinem Strukturkonzept, sei zum »Träger immenser Verluste« geworden.
Den »Trend ansteigender Mietausfälle« hat Hoffmann bislang nicht bremsen können. »Im Gegenteil«, gibt er in seinem Papier zu. »Leerstände und Mietrückstände steigen deutlich an.« Ergebnis: 268,6 Millionen Mark Minus im Geschäftsjahr 1982 bei der Neuen Heimat Gemeinnützig.
Bis Anfang 1988 schieben sich so nach Hoffmanns Vorausschau allein bei der gemeinnützigen Neuen Heimat Verluste von 962 Millionen Mark auf. Daneben aber benötige die NH-Gruppe auch noch eine »wesentliche Verstärkung der Eigenkapitalbasis«. Denn Zinsen und andere Lasten für die bebauten Grundstücke machen noch einmal rund eine Milliarde Mark aus. Die Kosten für nicht zu verwertende Grundstücke eingeschlossen, müsse die Neue Heimat langfristig stille Reserven in Höhe von mindestens 2,3 Milliarden Mark durch Verkauf von Wohnungen und Wohnanlagen mobilisieren.
Das aber reicht bei weitem nicht aus. Denn nur etwa 60 000 der gut 300 000 NH-Wohnungen sind nach Hoffmanns Einschätzung überhaupt verkäuflich. Bei einer Gewinnmarge von durchschnittlich 20 000 Mark je Wohnung kämen so nur 1,2 Milliarden Mark zusammen. Dadurch werde sich zwar der Kapitalbedarf von 2,3 Milliarden verringern. Aber letzten Endes fehlt immer noch eine halbe Milliarde Mark.
In seiner Geldnot sieht sich NH-Chef Hoffmann nun nach Käufern um, die den Gewerkschaften nicht genehm sein werden. Statt an die Mieter allein sollen die Wohnungen nun »verstärkt« an Versicherungen und vermögende Privatpersonen verkauft werden. Die NH-Wohnblocks dürfen deshalb künftig aufgeteilt als Eigentumswohnungen verkauft werden.
Klar, wen Hoffmann da als neuen Kunden für seine bislang unverkäuflichen Wohnanlagen im Auge hat: Weil Bauherrenmodelle in der heutigen Form bald nicht mehr zulässig seien, rechnet sich der NH-Manager »spätestens ab 1984« bessere Marktchancen für seine eigenen Wohnungen aus. An alle Wohnungsspekulanten richtet Hoffmann somit die herzliche Einladung, sich künftig an die Neue Heimat zu wenden.
Hindernisse bei dieser neuen »Vermarktungskonzeption« will der NH-Chef rechtzeitig ausräumen. Bei jedem Objekt müsse rechtzeitig mit den Bewilligungsstellen und Anerkennungsbehörden, den politischen Gremien, den Gewerkschaften und beteiligten Banken gesprochen werden, um »möglichst vielseitige Unterstützung« zu erhalten.
Doch da wird Hoffmann wohl auf heftigen Widerstand stoßen. Die Gewerkschaftsvorsitzenden in den NH-Aufsichtsräten, die bis Dezember zu Hoffmanns Plänen Stellung beziehen sollen, haben bislang keine Spekulation mit Wohnungen und Grundstücken ihres Konzerns zugelassen. Sollten die Arbeiterführer nun zustimmen, müssen sie Aufstände an der Basis befürchten.
Schlimmer noch als um den gemeinnützigen Teil des NH-Imperiums steht es um die kapitalistisch organisierte Schwester Neue Heimat Städtebau (NHS): Das Geschäftsjahr 1982 schließt mit 438,9 Millionen Mark Verlust. Über Europa, Mittel- und Südamerika verstreut hatte »King Albert« Vietor ein Immobilien-Reich aufgebaut, das nach Art der Branche überwiegend auf Pump finanziert war. Nachfolger Hoffmann gedachte dies Reich schon nach seinem ersten Strukturkonzept »drastisch zu reduzieren«.
Nur, bislang hat Hoffmann nicht viel ausrichten können. In Hamburg brachte der Verkauf der feudalen NH-Zentrale ein wenig Geld in die Kasse. Außerdem gelang es Hoffmann, den Mannheimer Fernsehturm und einen Gebäudekomplex in Frankfurt mit 50 Läden und 150 Wohnungen loszuschlagen.
Auch im Ausland tat sich wenig. Vietor nämlich hatte sich treffsicher vorwiegend
in Ländern eingekauft, wo es derzeit nichts zu verdienen gibt - etwa in Brasilien oder Mexiko, deren Wirtschafts- und Finanzkrisen Immobilien unverkäuflich werden ließen. Und Kredite für ihre Anschaffungskosten muß die NHS nun in harten Dollar mit hohen Zinsen zurückzahlen.
Die ausweglose Lage der NHS hatte das Kartell der Gewerkschaftsvorsitzenden schon im Spätsommer vergangenen Jahres erkannt. Bei einem Treffen am 7. September 1982 entschlossen sich die Fürsten der 17 DGB-Gewerkschaften zu einem radikalen Schnitt. Um noch laufende Bauprojekte und den Verkauf von über 20 Tochterfirmen nicht zu behindern, wollten sie in der Öffentlichkeit stets versichern, daß die NHS nach der Sanierung als Dienstleistungsunternehmen fortbestehen solle.
Wenn alles verkauft sei, so vereinbarten sie allerdings unter sich, solle die NHS endgültig geschlossen werden.