Neuer Boom: Indien lacht die Krise weg - DER SPIEGEL
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Neuer Boom Indien lacht die Krise weg

Ökonomischer Erfolg ist auch eine Frage der Psyche - und um die ist es in Indien neuerdings wieder bestens bestellt: Krise und Crash sind vergessen, der Aktienmarkt boomt, Investoren investieren wieder Milliarden. Mit der richtigen Einstellung will sich das Land an die Weltspitze wirtschaften.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Männer in den weißen und beigen Hemden schauen auf die Kurstafel am Eingang der Börse von Mumbai. Ein Lächeln huscht über ihre Gesichter, sie gucken sich an, als könnten sie ihr Glück nicht fassen, blicken wieder auf die Tafel. Manche holen ihre Mobiltelefone aus den ledernen Gürteltaschen und verschicken ihre gute Nachricht: Die Kurve zeigt wieder nach oben, die Verluste des Katastrophenjahrs 2008 sind wettgemacht. Größtenteils jedenfalls.

Und deshalb ist die Laune ist bestens in der Dalal Street.

Bei rund 14.000 Punkten notiert der indische Leitindex Sensex in diesen Tagen, unvorstellbar weit weg von jenen 7697 Zählern Ende Oktober, als die Finanzkrise Indien erfasste, als ein Crash dem nächsten folgte und alle fürchteten, es sei nun vorbei mit dem rasanten Aufstieg zum Wirtschaftswunder. Damals meldeten die Zeitungen täglich Selbstmorde von Investmentbankern, die riesige Summen verloren hatten, von Aktionären, deren Altersvorsorge auf ein Nichts zusammengeschrumpft war, und von Studenten, die keine Berufsperspektive mehr sahen.

Vorbei und vergessen: Der Sensex, Stimmungsbarometer der indischen Wirtschaft mit seinen 30 börsennotierten Unternehmen, verheißt wieder Gutes. "Es ist ein Déjà-vu", sagt ein Makler: "Nach oben scheint wieder alles möglich. Wir müssen nur an uns glauben."

Aktienkurse schießen in die Höhe

Die Menschen schöpfen wieder Vertrauen in ihr Land, ihre Ökonomie und in die eigenen Fähigkeiten. Es gibt wieder einen Glauben an eine bessere Zukunft. "Wir sind kein exportorientiertes Land, sondern leben von einer riesigen Inlandsnachfrage", sagt etwa Deepak Parekh, Chef des indischen Immobilienfinanzierers HDFC. Auf diesen Vorteil würden sich die Inder wieder besinnen.

Außerdem tragen Konjunkturprogramme, Liquiditätshilfen für die Banken und nicht zuletzt die Wiederwahl von Manmohan Singh als Premierminister zur guten Stimmung bei. Ihm trauen die Menschen zu, das Land sicher durch die Weltwirtschaftskrise zu steuern. Am ersten Handelstag nach Veröffentlichung des Wahlergebnisses schoss der Sensex um rund 20 Prozent in die Höhe. Nach Ansicht von Paray Vakil, Chef der Immobilienfirma Knight Frank India, war der Wahlsieg der bisher regierenden Koalition unter Führung der Kongresspartei das Signal, das die Kehrtwende gebracht hat - der Wunsch der Bevölkerung nach Stabilität wurde erfüllt. "Die Reaktion der Börse zeigt, dass unsere Wirtschaft geimpft ist gegen Angst und Sorge."

Und nirgends zeigt sich die gute Stimmung so deutlich wie am Immobilienmarkt: "Zwei Jahre lang wollte kein Mensch mehr Land kaufen", sagt Vakil. "Heute bekomme ich jeden Tag E-Mails mit Anfragen, ob ich nicht wüsste, wo es derzeit Grundstücke zu kaufen gibt." Doch trotz der steigenden Nachfrage sinken die Hauspreise nach Jahren der Teuerung - die Immobilienanbieter reagieren damit auf die Tatsache, dass Verbraucher insgesamt vorsichtiger geworden sind und nicht mehr so einfach an Kredite kommen. "Leistbarer Wohnraum wird nach wie vor stark nachgefragt, aber auch im Segment von Luxushäusern und -wohnungen, wo die Nachfrage zuletzt eingebrochen war, nehmen die Verkäufe wieder zu."

Deutsche Investoren bewerten Indien gut

Vakil zufolge kommen vor allem bei Büroimmobilien Schwierigkeiten auf die Branche zu. In den kommen zwei Jahren würden rund 150 Millionen Quadratmeter Bürofläche in Indien fertiggestellt, benötigt würden aber nur etwa 110 Millionen Quadratmeter. "Es wird also ein Überangebot geben, das die Preise für gewerbliche Immobilien weiter sinken lässt." Diese Entwicklung lasse sich auf das verlangsamte Wachstum der einst boomenden indischen IT-Industrie zurückführen. "Etwa 80 Prozent aller gewerblichen Immobilien werden heutzutage von IT-Firmen nachgefragt", sagt Vakil. "Da die IT-Branche relativ stark von Exporten und dem Wohlergehen ausländischer Firmen abhängig ist, leidet sie besonders stark unter der Krise." Die Abhängigkeit vom Dollar und der Wertverfall der indischen Rupie mache ihr zusätzlich zu schaffen. "Aber wir sind zuversichtlich, dass auch das vorbei geht", sagt Vakil.

Das sehen auch die deutschen Investoren so, die auf den indischen Markt setzen: Die Mehrheit will auch trotz der globalen Wirtschaftskrise ihr Geschäft in Indien ausbauen - das zeigt eine Umfrage der Deutsch-Indischen Handelskammer (AHK Indien). Von den 100 befragten Managern deutscher Firmen in Indien wollen 61 Prozent ihr Engagement bis 2011 verstärken, 29 Prozent planen ähnlich hohe Investitionen wie in den Jahren 2006 bis 2008. Nur zehn Prozent wollen weniger Geld in Indien investieren.

"Unsere Umfrage belegt, dass Indien der globalen Krise vergleichsweise gut widersteht", sagt auch AHK-Indien-Hauptgeschäftsführer Bernhard Steinrücke. Die meisten deutschen Firmen sähen in Indien ein "gutes oder exzellentes Marktpotential" für ihre Produkte.

Das ist kein Wunder - denn Ökonomen zufolge ist der Nachholbedarf in der indischen Bevölkerung beim Konsum nach wie vor nicht gestillt: Jahrzehntelang war Indien ein geschlossener Markt, erst Anfang der neunziger Jahre öffnete sich das Land für die Weltwirtschaft. Die Nachfrage nach ausländischen Produkten und nach Luxusartikeln steigt seither - ungeachtet der Tatsache, dass das verlangsamte Wirtschaftswachstum die Konsumfreude insgesamt gebremst hat.

Schrumpfende Importe, weniger Gehalt, Entlassungen

Doch bei allem Optimismus ist die Krise auch in Indien noch nicht vorbei: Die Importe schrumpften im Januar um 0,5 Prozent - das erste Minus überhaupt. Die Exporte stagnieren, der Index der industriellen Produktion erreichte kürzlich ein Allzeittief. Viele Unternehmen entlassen immer noch Personal oder kürzen die Gehälter, seit Jahresbeginn ist der indische Arbeitsmarkt um eine halbe Million Stellen geschrumpft. Die indische Notenbank hat ihre Wachstumsprognose für 2009/2001 um 0,3 Punkte auf 5,7 Prozent nach unten korrigiert, im ersten Quartal nahm das Bruttoinlandsprodukt um 5,8 Prozent zu - ein zwar immer noch beachtliches Wachstum, aber nach Meinung von Ökonomen zu gering, um eine so stark wachsende Bevölkerung mit ausreichend Arbeit zu versorgen. Bislang erreichte das Wachstum Raten von zeitweise mehr als neun Prozent. Experten befürchten wegen der Konjunkturhilfen zudem einen neuerlichen Anstieg der Inflation, die in der Vergangenheit bei über zehn Prozent lag.

Trotzdem lassen sich die Menschen nicht aus der Ruhe bringen - weil sie es nicht wollen: Schließlich berichten die indischen Zeitungen täglich vom neuerlichen Aufschwung, davon, dass die Zahl der verkauften Autos gegen den weltweiten Trend in Indien steigt, dass ausländische Firmen in Stahlwerke investieren und Luxusmarken neue Boutiquen eröffnen.

Von diesem unverwüstlichen Optimismus wollen auch die deutschen Firmen profitieren. Auch wenn es für einen wirklichen Aufstieg Indiens zur Wirtschaftsmacht der Umfrage zufolge noch einigen Verbesserungsbedarf gibt: Beim Abbau von Bürokratie, Korruption und Zollschranken sowie beim Ausbau der Infrastruktur, heißt es, müsse die Regierung in Neu-Delhi noch größere Anstrengungen unternehmen.

Es wird sich zeigen, ob man auch diese Probleme weglächeln kann.