Neuer Ford-Chef Ein Flieger wird zum Auto-Mann
Hamburg - Sein ganzes Berufsleben seit 1969 hat Alan Mulally beim US-Flugzeug- und Rüstungskonzern Boeing verbracht. Zweimal war der 61-Jährige aus Kansas sogar im Gespräch, Boeing-Chef zu werden. Beide Male wurden seine Hoffnungen enttäuscht. Als im Juni 2005 bekannt wurde, dass mit James McNerney einer von außen an die Boeing-Spitze wechselt: Da waren sich Branchenkenner sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich Mulally eine neue Aufgabe sucht.
Jetzt hat er sie gefunden: Der Flugzeugingenieur mit Pilotenschein wird der neunte Chef des mittlerweile 103 Jahre alten Autoherstellers Ford. Mulally beerbt damit den 49-jährigen Bill Ford, Urenkel des Firmengründers Henry Ford.
Der scheidende Konzernchef hatte schon im Mai gesagt, er habe "zu viele Hüte auf", und in den vergangenen Tagen ließ er anklingen, dass er einen Nachfolger für seinen Posten sucht. Dafür brachte er zunächst die Chefs von Renault-Nissan und DaimlerChrysler ins Gespräch, Carlos Ghosn und Dieter Zetsche.
Fünf Jahre lang hatte Bill Ford versucht, "seinen Laden" (wie er den Konzern gelegentlich nennt) aus der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu steuern. Unter ihm hat der Laden rund neun Milliarden Dollar Verlust gemacht - allein 1,44 Milliarden im ersten Halbjahr 2006. Der einst größte Autohersteller der Welt ist heute gemessen am Umsatz nur noch die Nummer drei hinter General Motors und Toyota. Tendenz: sinkend.
Selbstkritik am veralteten Geschäftsmodell
Zu Jahresbeginn kündigte Ford deshalb ein radikales Umstrukturierungsprogramm an. In den kommenden sechs Jahren sollen allein in den USA 30.000 Arbeitsplätze abgebaut und 14 Werke geschlossen werden. Weltweit beschäftigt Ford derzeit noch rund 330.000 Mitarbeiter in 105 Werken. In einer am Wochenende bekannt gewordenen E-Mail an die Mitarbeiter kündigte Bill Ford weitere Einschnitte an: "Das Geschäftsmodell, das uns jahrzehntelang getragen hat, ist nicht mehr ausreichend, um die Profitabilität zu gewährleisten." Es müsse also ein neues Geschäftsmodell her.
Das wird nun Mulallys neue Aufgabe. Bill Ford steht ihm als Vorsitzender des Verwaltungsrates zu Seite. Hoffnungen von Mitarbeitern, die Kürzungen könnten vielleicht doch etwas milder ausfallen, machte Mulally gestern nach Bekanntwerden seiner Berufung zunichte: Er habe einen Blick auf die Pläne geworfen und sei davon überzeugt, "dass sie ganz und gar in die richtige Richtung gehen", sagte Mulally, der offiziell zum 1. Oktober seinen neuen Job antritt.
US-Analysten trauen Mulally zu, was seinem Vorgänger nicht gelang: die Automarke wieder rentabel zu machen. Schließlich, habe er es auch geschafft, die Passagierflugzeugsparte bei Boeing nach hohen Verlusten wegen Produktionsproblemen wieder in die Gewinnzone zu bringen. "Alan ist ein Manager, der bei Boeing eine brillante Sanierung in einer sehr schwierigen Zeit verantwortet hat", sagte heute auch Bill Ford.
Mulally soll Boeing-Erfolg bei Ford wiederholen
Mulally strich seit 1998, als er die Leitung der zivilen Sparte übernahm, Tausende von Jobs. Allein nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 baute Boeing 35.000 Stellen in der Flugzeugsparte ab, als die gesamte Branche in die Krise geriet. Er verlagerte Arbeit an Fremdfirmen und verschlankte die Produktion. All das, sagen US-Analysten heute, werde er wohl auch bei Ford machen - "mit der nötigen Härte, aber wann immer möglich im Konsens", sagt ein New Yorker Experte.
Außerdem muss Mulally die Ford-Modellpalette wohl grundlegend überarbeiten. Wegen der hohen Benzinpreise stockt der Absatz spritschluckender Pick-Ups und Geländewagen in den USA. In anderen Märkten spielen solche Fahrzeuge ohnehin eine nur untergeordnete Rolle. Außerdem plant Ford den Verkauf seiner kostenintensiven Luxusmarken Aston Martin und Jaguar. Auch für die von Rover übernommene Geländewagensparte Land Rover sucht Ford angeblich einen Käufer. Die Marke Volvo will Ford dagegen behalten, ist aus dem Konzern zu erfahren.
Dass Mulally neue Ideen gegen internen Druck durchsetzen kann, zeigte er ebenfalls bei Boeing. Der stärker werdenden Konkurrenz durch Airbus stellte er ein eigenes, intern heftig debattiertes Konzept entgegen: kein neues Großflugzeug als Gegenentwurf zum Airbus A380, sondern kleinere, sparsame Langstreckenflugzeuge. Sie können im Zuge der Liberalisierung des Marktes und neuer bilateraler Verkehrsabkommen auch kleinere Flughäfen direkt miteinander verbinden. Ein riskanter Plan mit vielen Unwägbarkeiten, aber am Ende ein Erfolg.
"Ich kann es kaum abwarten, ein Auto-Mann zu werden"
Boeing steigerte mit Mulallys Modellpolitik seine Verkaufszahlen und behauptete sich damit gegen Airbus. Die Entwicklung des von Airbus unterschätzten Mittelstreckenflugzeugs Boeing 787 Dreamliner gilt als sein Verdienst. Die Zeitschrift "Business Week" kürte ihn zu einer der besten Führungskräfte 2005.
Angesichts dieses Erfolgs wollte Boeing-Chef McNerney Mulally nicht gehen lassen. "Ich habe ihm klar gemacht, dass er meiner Meinung nach bei Boeing bleiben soll", zitiert ihn die "Los Angeles Times". "Aber mir war auch klar, dass es ihn nach Höherem drängt." Mulally wird heute in der US-Presse mit den Worten zitiert: "Ich kann es kaum abwarten, ein Auto-Mann zu werden."
Mulally wird in den kommenden Tagen von Seattle im Bundesstaat Washington nach Dearborn in Michigan ziehen, hat er jetzt angekündigt. Und er wird sich wohl auch ein neues Auto kaufen, schreiben die Zeitungen in den USA. Denn bisher fahre Mulally - einen Toyota.