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HANDEL Neuer Kaiser

Die Firma Tengelmann hat die Aktienmajorität bei Kaisers Kaffee erworben. Tengelmann wurde dadurch zum größten Lebensmittel-Filialbetrieb in Westdeutschland.
• aus DER SPIEGEL 22/1971
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In den Vormittagsstunden des 14. Mai gab der Vorstand der Viersener Lebensmittel-Filialkette Kaisers Kaffee-Geschäft AG seinen »lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern« durch Rundschreiben einen »historischen Beschluß« bekannt: »Die Gesellschafter der Firmengruppe Tengelmann haben mittelbar einen Anteil von über 75 Prozent an unserem Unternehmen erworben.«

Hinter dem trockenen Firmenkommuniqué verbirgt sich die größte Handelshochzeit des Jahres. Die neuen Partner gehören schon seit Jahren zur Spitzengruppe der Lebensmitteldetaillisten. Während die Mülheimer Firma Tengelmann 1970 einen Umsatz von 1,3 Milliarden Mark erzielte, klingelten bei den Viersenern 802 Millionen Mark in den Ladenkassen.

Der neue Handeisriese wird mit seinen 960 Supermärkten, 23 000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 2,1 Milliarden Mark als Einzelunternehmen nur noch von den Kaufhaus-Giganten Horten, Kaufhof, Hertie und Karstadt übertroffenDurch. die Liaison mit Tengelmann verliert Deutschlands ältestes Filialunternehmen seine Selbständigkeit. Die 1880 gegründete Firma war vor dem Krieg der größte Lebensmittel-Filialist des Reiches. 1933 umfaßte das Kaiser-Imperium zum Beispiel über ein Dutzend Kaffeeröstereien, Schokoladen-, Back- und Süßwarenfabriken sowie 1600 Läden.

Von der florierenden Großfirma blieben nach Kriegsende nur 716 Filialen übrig. 15 Jahre später hatte das Unternehmen mit der schmunzelnden Kaffeekanne als Firmenemblem bereits wieder 956 Filialen.

Nachdem sich die Kaiser-Familie vom aktiven Geschäft zurückgezogen hatte und die Firma 1962 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, versuchte das neue Management, das ausgewucherte Filialnetz zu straffen. Binnen kurzer Zeit wurden 550 Filialen geschlossen, die restlichen Läden zu Supermärkten mit knapp gehaltenem Sortiment ausgebaut.

Verantwortlich für die Reorganisation der 90 Jahre alten Firma war der ehemalige Waschmittelfabrikant (Rei) Willi Maurer, der über seine Schweizer Firma Isla GmbH 25 Prozent der Kaiser-Aktien erworben hatte. Für seine ehrgeizigen Pläne holte sich Maurer einen erfahrenen Handelsmanager von den Konsumgenossenschaften: Dr. Rüdiger Schoneweg.

Der von Maurer und Schoneweg eingeschlagene neue Kurs strapazierte indes allzusehr die Finanzen des Unternehmens. Die Nachkommen des Firmengründers Josef Kaiser und Großaktionär Helmut Lorenz-Meyer aus Hamburg, der 32,5 Prozent der Kaiser-Aktien im Portefeuille hatte, mochten sich mit den hohen Investitionskosten aber auf die Dauer nicht abfinden. Unter anderem mißfiel ihnen, daß die Manager 1969 für mehrere Millionen Mark Anlagen und Grundstücke verkaufen mußten, um eine Dividende von 12 Prozent ausschütten zu können.

Anfang vorigen Jahres war Lorenz-Meyer so verärgert, daß er sich von seinem Aktien-Paket trennen wollte. Für Maurer bot sich jetzt die günstige Gelegenheit, zum Mehrheitsaktionär zu avancieren. Lorenz-Meyer hatte indes für seine Kaiser-Papiere einen weiteren potenten Interessenten an der Hand: die Hamburger Kaffeerösterei Tchibo (Jahresumsatz: 800 Millionen Mark).

Für die Kaffeeröster wäre das Engagement in Viersen eine willkommene Gelegenheit gewesen, ihr eigenes Ladennetz von 500 Geschäften zu arrondieren. Als die Kaffeeröster für die 100-Mark-Aktie 450 Mark boten, mußte Maurer passen.

Aber auch Tchibo kam nicht zum Zuge. Überraschend machten die Kaiser-Erben, die nur noch rund 40 Prozent der Aktien hielten, von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch. Über ihre Schweizer Holding, die Kaiser-Finanz GmbH, ließen sie das Lorenz-Meyer-Paket aufkaufen. Nach dieser Transaktion verlor auch Maurer die Lust und gab seine Anteile an die Holding ab. Insgesamt mußte der Familienklan über 50 Millionen Mark berappen.

Hausmeier des wiedervereinigten Kaiserreiches wurde der Baseler Industrieberater Dr. Walter H. Vock, Inhaber einer renommierten Schweizer Beratungsfirma. Der Schweizer Wirtschaftsexperte, der seit Jahren die Geschäfte der Kaiser-Holding führte, avancierte in Viersen nun auch zum Aufsichtsratsvorsitzenden.

Doch schnell kam der neue Kaiser-Statthalter zu der Einsicht: »Für eine erfolgreiche, langfristige Geschäftspolitik ist unser Unternehmen zu klein.«

Mit dem Segen der Kaiser-Erben begann er deshalb, die von seinem Vorgänger Maurer schon vor Jahren zu Tengelmann geknüpften Kontakte wieder aufzunehmen. Beim Chef des 1893 gegründeten Familienunternehmens, Erivan Haub, 38, fand Vock für seine Fusionspläne großes Interesse.

Auf einer nichtöffentlichen Hauptversammlung im Februar dieses Jahres, bei der eine 30prozentige Dividende für gute Stimmung sorgte, wurde die Firmenhochzeit vorbereitet. Die Tengelmann-Gesellschafter Erivan Haub und seine Frau Elisabeth erklärten sich bereit, später auch die restlichen 25 Prozent der Kaiser-Aktien zu übernehmen.

Am 13. Mai stellten sich in der alten Kaiser-Villa an der Viersener Brückenstraße die Eheleute Haub geladenen Gästen als neue Besitzer vor. Die 9000 Kaiser-Angestellten erfuhren die Neuigkeit erst am nächsten Tag aus den Morgenzeitungen.

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