Neuer Konzernchef Siemens überrascht mit Mr. Nobody
Hamburg - Der Coup ist gelungen. Lange Wochen schien Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme vergeblich nach einem Konzernchef zu suchen, doch nun ist das Überraschungsmoment auf seiner Seite: Peter Löscher heißt der neue Mann, den einfach niemand auf dem Schirm hatte. Selbst Kenner des Siemens-Konzerns fragten sich nach Bekanntgabe der Personalie argwöhnisch: "Peter wer?"
Doch Crommes Schachzug war durchaus geschickt. Zu viele Namen geisterten in den letzten Wochen durch den Raum, alle möglichen Kandidaten wurden für die Nachfolge von Noch-Konzernchef Klaus Kleinfeld genannt - und schnell wieder zerredet. Vom Chef des Energiekonzerns Vattenfall, Lars Josefsson, war die Rede, ebenso wie vom Chef des schweizerischen Siemens-Konkurrenten ABB , Fred Kindle, und noch von zahlreichen anderen. Crommes angeblicher Wunschkandidat, der Vorstandsvorsitzende von Linde , Wolfgang Reitzle, lehnte ab.
Was blieb dem Aufsichtsratschef also anderes übrig, als einen No-Name zu präsentieren? Ohne Murren folgte ihm heute der Aufsichtsrat, geradezu im Eilverfahren stimmten die Oberaufseher für den aus dem Hut gezauberten Kandidaten. Denn der 49-jährige Löscher hat einen großen Vorteil: Er ist nicht vorbelastet. Weil ihn noch niemand richtig einschätzen kann, kann auch niemand etwas gegen ihn sagen.
Für die Mammut-Aufgabe, die Löscher bevorsteht, ist das nur förderlich. Er wird der Chef von 475.000 Menschen sein, die bei Siemens arbeiten, und die erwarten von ihm vor allem eines: Dass er die nervenaufreibende Affäre um Millionen-Bestechungen und schwarze Kassen so schnell wie möglich vergessen macht. Nur ein Außenstehender kam deshalb für den Job in Frage.
Bisher spielte Löscher in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Von seinem Heimatland Österreich wurde er zwar im Jahr 2002 als "Führender Österreichischer Professional im Ausland" geehrt. In Deutschland jedoch, dessen Technologiekonzern Nummer eins er nun führen soll, blieb er so gut wie unbekannt. Zuletzt schaffte er es in der "Financial Times" in eine kurze Meldung, weil er die Marketingstrategie seines bisherigen Arbeitgebers, des US-Pharmakonzerns Merck, ändern wollte: statt Fernsehwerbung sollte es mehr Internetanzeigen geben.
Wer bisher den Namen Peter Löscher hörte, dachte vermutlich - wenn überhaupt - an den gleichnamigen Theaterregisseur. Und wer seinen Namen googelte, fand einen Zahnarzt dieses Namens in der sächsischen Kleinstadt Freital. Doch das dürfte sich nun ändern: Als Vorstandsvorsitzender des nach Börsenwert größten deutschen Konzerns wird Löscher unter den Managern des Landes eine Top-Position einnehmen.
Eine Eigenschaft wird dem neuen Siemens-Chef dabei zugute kommen: Er gilt als solider Arbeiter, der seinen Weg zielstrebig geht. Zumindest legt dies sein Lebenslauf nahe. Studium der Wirtschaftswissenschaften in Wien, Hongkong und an der Harvard Business School in den USA, anschließend Partner bei der Unternehmensberatung Kienbaum, und dann ein steiler Aufstieg in verschiedenen Managementpositionen der Pharmabranche: Hoechst, Aventis, General Electric , und schließlich Merck . Die Nummer eins war er allerdings noch nie in einem Unternehmen. Dafür soll er drei Sprachen fließend sprechen, darunter auch japanisch.
Einer der anpackt und nicht viel quasselt - das ist offenbar das Signal, das Cromme mit dieser Personalentscheidung aussenden wollte. Einer wie Reitzle, dem gelegentlich Star-Allüren nachgesagt werden, hätte von Anfang an im Rampenlicht gestanden. Löscher dagegen wird seine Arbeit aller Voraussicht nach im Stillen verrichten - mit dem Ziel, den Konzern wieder in ruhiges Fahrwasser zu lenken.
Erfahrungen mit skandalgeplagten Unternehmen bringt der neue Siemens-Chef jedenfalls mit. Als er im vergangenen Jahr zu Merck kam, steckte der Pharmakonzern noch mitten in der Affäre um das Schmerzmittel Vioxx. Merck musste das Medikament vom Markt nehmen, weil eine Studie ergab, dass eine langfristige Einnahme der Pille das Risiko eines Herzinfarkts verstärken kann. Mehr als 20.000 Klagen wurden gegen Merck eingereicht. Allein für die Prozesskosten hat der Konzern Rückstellungen von 858 Millionen Dollar gebildet - vom Imageschaden ganz zu schweigen.
Insofern ist Löscher für das Aufarbeiten der Siemens-Affäre gut gerüstet. Welche dunklen Geheimnisse er dabei noch entdecken wird, kann derzeit niemand absehen. Schockieren dürften sie ihn aber wohl kaum. Immerhin kann er als Außenstehender aufräumen - womöglich auch im Zentralvorstand selbst -, ohne auf alte Seilschaften Rücksicht nehmen zu müssen.
Für das eigentliche Geschäft wird der neue Chef wohl erst danach Zeit finden. In welche Richtung es dann geht, dürfte aber schon heute klar sein: Denn durch die Personalie Löscher wird die Gesundheitssparte von Siemens deutlich gestärkt. Dafür ist seine Vorgeschichte in der Pharmabranche mehr als nur ein Indiz. So gesehen ist der neue Chef ein würdiger Erbe seines Vorgängers: Schon Kleinfeld hatte die Gesundheit als "Megatrend" für den Konzern ausgemacht.
In einem Punkt allerdings könnte sich Löscher von Kleinfeld unterscheiden. Denn trotz seiner langen Tätigkeit in den USA soll er einen recht sozialen Führungsstil pflegen. Kleinfeld dagegen galt immer als Prototyp des Managers, der ohne Sentimentalität Arbeitsplätze streicht oder Firmenteile verkauft. Die Vertreter der Arbeitnehmer hat der neue Chef jedenfalls schon auf seiner Seite: "Löscher hat zugesagt, dass es unter seiner Führung keine Kahlschlagpolitik geben wird und er alles tun wird, die Arbeitsplätze bei Siemens zu sichern", sagte Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann.
Helfen dürfte Löscher auch die Art seines Auftretens: Vor seiner Karriere in der Industrie wollte er Diplomat werden. Für eine Tätigkeit bei Siemens ist das nicht die schlechteste Voraussetzung.