Neuer Markt: Hightech-Firmen in der Todeszone - DER SPIEGEL
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Neuer Markt Hightech-Firmen in der Todeszone

Die Frankfurter Wachstumsbörse verkommt zum Tummelplatz für Hochstapler und unseriöse Geschäftemacher. Immer mehr Hightech-Firmen trudeln in der Todeszone. Börsenexperten prophezeien: Nur jedes fünfte Unternehmen am Neuen Markt wird überleben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war 17.35 Uhr, als am Mittwochvergangener Woche die Sonne von "Sunburst" unterging. Ineiner dürren Pflichtmitteilung gestand das Unternehmen ausOsnabrück, das versucht hatte, mit den Rechten für dieBerliner Love Parade Geld zu machen, die "drohendeZahlungsunfähigkeit" ein. Doch die neuerliche Pleite am Neuen Markt scherte in diesemAugenblick offenbar niemanden. Aus New York nämlichvermeldeten die Nachrichtenagenturen, dass kurz zuvor eineweitaus mächtigere Börsensonne aufgegangen war: AlanGreenspan, der amerikanische Notenbankchef, hatteüberraschend die Zinsen gesenkt.Allein dieser Schritt genügte, um auch die deutschenKleinanleger wieder in einen wahren Rausch zu stürzen.Binnen weniger Minuten schoss der Nemax, das Kursbarometerdes Neuen Markts, beinahe lotrecht nach oben. "Greenspan,wir danken Dir", schrieben verzückte Anleger im Chatroomder Comdirect-Bank.Heiß begehrt waren ausgerechnet jene Werte, die dieBörsianer in den Wochen zuvor, nach teils desaströsenGeschäftszahlen, besonders heftig abgestraft hatten. Heyde,der krisengeschüttelte IT-Dienstleister: plus 92 Prozent.Internolix, das marode Software-Haus: plus 76 Prozent.Brokat, der verlustreiche Finanzsoftware-Anbieter: plus 52Prozent. Börse verrückt.Wieder einmal wurde der Wahnsinn sichtbar, der im letztenJahr an den Finanzmärkten regiert hatte. Wieder einmaloffenbarte sich jener Mangel an Vernunft, der dieAktienkurse bis zum Frühjahr 2000 auf schier astronomischeHöhen klettern ließ. Ein kleiner Funke genügte ­ und schonkehrte die Gier zurück.Niemand interessierte sich mehr für all die schlechtenNachrichten der vergangenen Tage. Die Massenentlassungen inden USA? Die Gewinnwarnungen von Intel oder Cisco?Vergessen, verdrängt. Und auch die graue Realität am NeuenMarkt erschien den Spekulanten mit einem Mal wiederrosarot. Adieu, Tristesse!Tatsächlich vergeht kaum eine Woche, in der nicht eines derdeutschen Start-ups in die Todeszone trudelt. Kaum eineWoche, in der nicht gleich mehrere Finanzvorständeeinräumen, dass ihre Unternehmen ­ sorry, sorry ­ die Planzahlen nicht erreichen werden. DieBörseneuphorie der vergangenen Woche täuscht, dieFundamentaldaten der deutschen Hightech-Börse sehenkatastrophal aus.Eine nicht repräsentative SPIEGEL-Umfrage bei rund 150Unternehmen des Neuen Markts zeigt das ganze Ausmaß derMisere: Das beim Börsengang kassierte Geld wird von vielenFirmen regelrecht verbrannt, die Umsätze vieler selbsternannter Marktführer sind minimal.Erstaunlich ist vor allem das Tempo, mit dem daseingesammelte Kapital wieder verbraucht wird. Verfügte etwader Chiphändler CE Consumer zu Hoch-Zeiten noch über 153,9Millionen Mark liquider Mittel, so sind es nach Abschlussdes Geschäftsjahrs 2000 nur 39,3 Millionen Mark. Mit demGeld hat Firmengründer Erich Lejeune vor allem andereFirmen gekauft, deren liquide Mittel wurden in der Bilanzkonsolidiert. Immerhin: CE Consumer erwirtschaftet einenbescheidenen Gewinn.Viele Neue-Markt-Firmen können davon nur träumen. DasInternet-Kunstportal Artnet machte im vergangenen Jahr 7,8Millionen Mark Umsatz ­ und weist einen Jahresfehlbetragvon 38,2 Millionen Mark aus. Auch die Zahlen vonFortuneCity sind beeindruckend: Bei 24,2 Millionen MarkErlösen aus Bannerwerbung und E-Commerce-Geschäftenschreibt die Internet-Firma 87,8 Millionen Mark Verlust.Wie aus diesen Firmen jemals normale Profitbetriebe werdensollen, ist völlig unklar.Da das Internet bisher für nahezu niemanden ausreichendErlöse abwirft ­ nicht für die Inhalteanbieter, auch nichtfür Web-Agenturen, erst recht nicht für die Portale ­ istmit einer schnellen Trendumkehr nicht zu rechnen. Ohneneues Anlegergeld können die meisten Firmen ihrenVerlustbetrieb wohl nicht mehr lange finanzieren.Dem Neuen Markt, sagen seriöse Beobachter, droht einbeispielloser Ausleseprozess. "Viel Schrott" hat derUnternehmensberater Roland Berger ausgemacht und prophezeitangesichts der bisherigen Pleiten: "Das wird mit Sicherheiterst der Auftakt sein." Analysten der Investmentbank J. P.Morgan Fleming befürchten gar, dass auf mittlere Sicht rund80 Prozent aller heutigen Firmen vom Kurszettelverschwunden sind ­ pleite, verkauft oder zwangsfusioniertmit einem Ex-Rivalen.Das deutsche Hightech-Wunder war ein Traum, in der Realitätsteht das bevor, was die Stahlindustrie hinter sich hat:Rationalisierung, Kostensenkung, Entlassungen, Übernahmenund viele, viele Konkurse.Auch nach dem Greenspan-Coup ist das deutsche Segment fürWachstumswerte immer noch Lichtjahre von seinenHöchstständen entfernt. Auf abenteuerliche 8500 Punkte warder Nemax im März 2000 gestiegen, über 6700 Punkte hat erseither verloren. Selbst Fondsmanager wie Kurt Ochner haben70 Prozent des verwalteten Kapitals eingebüßt ­ deswegenwurde er vom Bankhaus Julius Bär inzwischen geschasst.Keine bedeutende Wachstumsbörse der Welt, auch nicht dieNasdaq in New York, ist in so kurzer Zeit derart heftigabgestürzt. Der Neue Markt habe sich, höhnt das"Handelsblatt", "von der Gelddruck- zurGeldschluckmaschine" entwickelt. Der Hype ist der Depression gewichen. So waren die rund 250Unternehmen, die im Mai 2000 am Neuen Markt gelistet waren,zusammengenommen über 250 Milliarden Euro wert, jetzt sindes nicht einmal mehr 90 Milliarden ­ und dies, obwohl 91neue Firmen auf den Kurszettel drängten.Schmerzhaft müssen vor allem die Kleinanleger erfahren,dass selbst jene Firmen, die ihnen als "Blue Chips"verkauft wurden, in Wahrheit oft nichts anderes sind alsganz normale Mittelständler. Pixelpark? Tief in den rotenZahlen. Mobilcom? Bis zum Es-geht-nicht-Mehr verschuldet.Intershop? Rückzug aus Amerika.Denn mittlerweile haben auch in der Neuen Ökonomie dieGesetze der alten Wirtschaft Einzug gehalten. Reichte nochvor wenigen Monaten eine gute "Story", um für die nötigeKursphantasie zu sorgen, rücken jetzt so altmodischeKriterien wie Ertrag und Rendite in den Vordergrund. Wasnützt etwa das prächtigste Wachstum, wenn die Verluste nochschneller wachsen? Und was ist von Gründern zu halten, dieallenfalls etwas von PR, nichts aber von Kostenrechnungverstehen? Gleichzeitig hat sich bei einigen Firmen ein Geschäftsgebareneingebürgert, das im besten Fall als dubios, im schlimmstenFall als kriminell zu bezeichnen ist.Seit fünf Monaten sitzen die Infomatec-Gründer GerhardHarlos und Alexander Häfele in U-Haft, weil sich bei derAugsburger Staatsanwaltschaft der Verdacht derKursmanipulation und des Insiderhandels erhärtet hat.Wie sehr die Sitten verfallen sind, wissen vor allem jeneKanzleien zu berichten, die sich auf das komplizierteBörsenrecht spezialisiert haben. "Am Neuen Markt", urteiltRechtsanwalt Dietmar Kälberer, "werden die Anlegerteilweise richtig betrogen."Über 2000 düpierte Aktionäre haben sich seit Jahresbeginnin Kälberers Kanzlei in Kirchentellinsfurt, einem Nest beiTübingen, gemeldet. Gegen rund 20 Firmen prüft die Sozietätinzwischen rechtliche Schritte. "In einigen Unternehmen",lautet Kälberers ernüchternde Erkenntnis, "herrschenWildwestmethoden."Da werden Bilanzen geschönt und Aufträge erfunden, da wirdin manchen Adhoc-Mitteilungen viel heiße Luft verblasen ­und merkwürdigerweise, so wundern sich Anlegerschützer,kommt die Wahrheit oft erst dann ans Licht, wenn dieGründer längst Kasse gemacht haben.Beispiel Sunburst: Noch im Februar verkündete FirmengründerHero Alting, sein Unternehmen werde selbstverständlich diegesetzten Gewinn- und Umsatzziele einhalten. Das hieltAlting allerdings nicht davon ab, sich aus der Firmazurückzuziehen. Sieben Wochen später stellt sich heraus, dass diePlanzahlen Makulatur sind. Eine Gruppe von Aktionären hatbei der Staatsanwaltschaft in Osnabrück Strafanzeigeeingereicht. Sie werfen den Verantwortlichen Insiderhandelund Betrug vor.Beispiel CAA: Mitte März verkauften zwei Vorstände desFilderstädter Software-Anbieters, der sich auf Computer imAuto spezialisiert hat, insgesamt 15 000 Aktien ­ damaligerKurs: 28 Euro. Im April folgte dann die Gewinnwarnung, dieAktie rauschte auf 3 Euro herunter.Dabei hatten die Macher des Neuen Markts, als sie dasWachstumssegment vor vier Jahren aus der Taufe hoben,eigentlich ein ehrenwertes Anliegen: Sie wollten einenGründerboom entfachen, ganz so wie in den USA.Denn vor allem die Unternehmen aus Technologiebranchenklagten darüber, dass sie nur schwer an Kapital kamen, umihre Geschäftsideen umzusetzen. Der traditionelleBankenkredit blieb ihnen verschlossen, weil sie keineSicherheiten vorweisen konnten: keine Maschinen, keineImmobilien, nur die Köpfe der Mitarbeiter.Die neue Börse erhob den Anspruch, diesen Widerspruchaufzulösen, sie sollte, ähnlich wie ihr großes Vorbild, dieNasdaq in New York, "eine Plattform fürWachstumsunternehmen schaffen", wie es Reto Francionibeschreibt.Francioni, damals Vorstand der Börse, gilt als dereigentliche Vater des Neuen Markts. Rund 20 Unternehmenwollte er im ersten Jahr etablieren, in den Jahren danachjeweils weitere 30. Doch inzwischen sind 341 Unternehmennotiert.Es waren die Signale aus Amerika, die dem Neuen Marktplötzlich solche Anziehungskraft verliehen. Dort erfasstedas ganze Land eine beispiellose Aufbruchstimmung. Rund umdas Internet entstanden zahllose neue Unternehmen, die ander Nasdaq Steigerungsraten hinlegten, wie sie bis dahinundenkbar erschienen. AOL legte in der Spitze um 78 000Prozent zu. Firmen wie EBay oder Yahoo verkauften, was anden Aktienmärkten am höchsten gehandelt wird: die Hoffnungauf eine goldene Zukunft.Schnell sprang diese überbordende Begeisterung aufDeutschland über. Studenten brachen ihre Ausbildung ab, umbloß nicht diese historische Gelegenheit zu verpassen.Wagniskapitalfirmen investierten bereitwillig inGründerteams, deren Geschäftsmodell im Wesentlichen darinbestand, an den Neuen Markt zu gehen.Denn nach dem IPO, dem "Initial Public Offering", wie derBörsengang heißt, verfügten die flotten Newcomer über einscheinbar magisches Instrument ­ Aktien. Mit dieservirtuellen Währung konnten die Möchtegern-MillionariosBerater, Werbeagenturen und Rechtsanwälte bezahlen, mitAktien ließen sich Mitarbeiter ködern, vor allem aber: MitAktien konnten sie im großen Stil Konkurrenten aufkaufen.Und so starteten etliche Firmen eine geradezuabenteuerliche Einkaufstour: Mit jeder Übernahme schraubtensie ihre Geschäftsprognosen nach oben, der Börsenwert stiegweiter, die nächste Übernahme wurde so möglich. Eine schierwundersame Kapitalvermehrung kam in Gang.Allein der Bad Nauheimer IT-Dienstleister Heyde raffte inzwei Jahren fast 20 Firmen zusammen, erst in Deutschland, dann in Polen, Brasilien,Uruguay und den USA ­ finanziert vor allem durch Aktien.Aber ausgerechnet bei der "Integration Company"(Eigenwerbung) klappte es nicht mit der Zusammenführung.Irgendwann verlor Vorstandschef Dieter Heyde den Überblick.Und so musste die Firma einräumen, dass statt des geplantenGewinns ­ ursprünglich ging Heyde für das Jahr 2000 von 43Millionen Mark aus ­ ein Verlust in gleicher Größenordnungdroht. Schamvoll räumte der Firmengründer seinen Posten,aber auch 160 Mitarbeiter müssen gehen.Bei anderen Start-ups scheint ein ähnliches Desaster nurnoch eine Frage der Zeit zu sein. 65 Prozent allerÜbernahmedeals, fand die Beratungsgesellschaft ApconBusiness Consulting in einer Studie heraus, wurden nämlichohne externen Sachverstand durchgezogen: "Es wurde vielgekauft, aber offensichtlich wenig darüber nachgedacht, wasund warum."So lieferten sich etwa die IT-Dienstleister wie Pixelparkoder Kabel New Media eine wahre Schlacht um Größe undMacht. Allein Kabel kaufte seit dem Börsengang ein DutzendUnternehmen, die Zahl der Mitarbeiter stieg in einem Jahrvon 487 auf 1066. Jeder wollte als Erster in die Liga derinternationalen Beratungsriesen wie Boston Consulting oderMcKinsey aufsteigen.Geschafft hat das keiner. Pixelpark muss das Büro in denUSA schließen und konzentriert jetzt sein Geschäft, so derGründer Paulus Neef, auf "Kerneuropa" ­ was wohl wörtlichzu nehmen ist: In der Schweiz erwirtschaftet dasUnternehmen, das einst einen globalen Anspruch verfolgte,ein Viertel des Gruppenumsatzes.Nach und nach entpuppte sich die Vision von globalerMarktführerschaft als Illusion, die Firmen müsseneinräumen, dass sie ein zu großes Rad drehen wollten. Voreinem Jahr zum Beispiel wurden US-Unternehmen wie CMGIbewundert, die ein Netzwerk von Internet-Beteiligungen umsich scharen. Die Firmen glaubten, so am Geschäft maximalzu profitieren, ihr Risiko aber durch die Vielzahl anBeteiligungen zu minimieren. In Deutschland verfolgte RalphDommermuth mit United Internet eine ähnliche Strategie. Innur drei Monaten explodierte der Börsenkurs von 7 auf 50Euro, heute liegt die Aktie wieder bei rund 3 Euro. "Wirhaben die Luken dichtgemacht", sagt Dommermuth.Im Sog der Internet- und Biotech-Revolution drängten zudemetliche Firmen an den Neuen Markt, die an einerWachstumsbörse eigentlich gar nichts zu suchen haben:Klamottenhändler und Altenheimbesitzer etwa. Den Weg ebneteein willfähriges Geflecht aus Beratern und Banken,Emissionshäusern und PR-Agenturen.So organisierte allein Dietrich Walther, Chef derMettmanner Gold-Zack AG, in vier Jahren 28 Börsengänge. Nurein Viertel dieser Firmen notiert heute über demAusgabekurs. Besonders trübe sieht es beimSeniorenheim-Unternehmen Refugium aus Königswinter aus: DasUnternehmen schreibt tiefrote Zahlen, die BonnerStaatsanwaltschaft ermittelt gegen die 1999 geschasstenAlt-Vorstände wegen Bilanzfälschung, und nun droht auch derjüngste Sanierungsplan zu scheitern.So stoppte der für das Handelsregister in Königswinterzuständige Richter vor wenigen Tagen eine dringendbenötigte Kapitalerhöhung über 180 Millionen Mark, weilzwei Aktionäre wegen "erheblicher formeller und materiellerEinwände" beim Bonner Landgericht klagen. DerRegisterrichter will jetzt erst das Urteil dieser Instanzabwarten ­ doch das kann Monate dauern. Inzwischen räumtWalther selbstkritisch ein, dass "wir ein paar Unternehmenheute wohl nicht mehr an die Börse bringen würden."Für die meisten Kleinanleger, die ihr Vermögen verlorenhaben, kommen solche Einsichten zu spät. Viele Neuaktionärehatten nämlich nicht nur den flotten Botschaften derGründer vertraut, sondern auch den vollmundigen Sprüchen,mit denen die Deutsche Börse einst für ihr Wachstumssegmentwarb. "Der Neue Markt", versicherte Börsenchef WernerSeifert immer wieder, "ist der am schärfsten regulierteMarkt in Europa."Tatsächlich wurden etliche Regeln erst nachgeschoben, alses schon zu spät war. Bis Ende Februar durften dieVorstände und Aufsichtsräte der Neue-Markt-Firmen etwa nachBelieben eigene Aktienpakete verkaufen, ohne dieÖffentlichkeit darüber zu informieren. Nun sollen dieVerkäufe immerhin gemeldet werden ­ wenn auch erst dreiTage im Nachhinein. In den USA dagegen müssen diebetroffenen Manager solche Transaktionen schon vorabpublizieren.Recht freigiebig verfährt die Deutsche Börse offenbar auchbei einer weiteren Regel: So müssen die Firmen spätestensnach drei Monaten ihren Bericht für das letzte Quartaleinreichen. Doch zum jüngsten Stichtag kamen gleich 29Unternehmen dieser Pflicht nicht nach.Börsenexperten wie der Frankfurter Bankrechtler TheodorBaums halten das Regelwerk des Neuen Markts deshalbweiterhin für stark verbesserungswürdig. "Was nützen diewunderbarsten Regeln, wenn keine echten Sanktionendrohen?", fragt Baums. Er rät: Die Börse sollte dieUnternehmen, die gegen das Regelwerk verstoßen, mitsaftigen Vertragsstrafen belegen oder "beherzterrausschmeißen" ­ ähnlich, wie dies die Nasdaq macht.Gleichzeitig will Baums sich in der Regierungskommissionzum Unternehmensrecht, die er derzeit im Auftrag desKanzlers leitet, für eine weitere Regel stark machen, wiesie sich in ähnlicher Form bereits in den USA bewährt hat:Dort können düpierte Aktionäre mit einer Sammelklage gegenzwielichtige Unternehmen und Vorstände vorgehen; inDeutschland muss jeder einzeln klagen. "Wir müssenverhindern", fordert Baums, "dass es an der Börse drunterund drüber geht. Nur wenn die Regeln stimmen, gewinnt derNeue Markt wieder das Vertrauen der Anleger."Den heutigen Akteuren ist das offenbar völlig schnuppe. Siehaben sich einen lockeren Umgang mit dem Anlegergeldangewöhnt, nur zu gern gönnen sie sich einen SchussGrößenwahn. "Große Summen inspirieren mich", tönteSunburst-Chef Benjamin Gawlik, 28. Noch wenige Wochen vordem jetzt beantragten Insolvenzverfahren, der Aktienkursbefand sich bereits im freien Fall, hatte er für dieAnleger nur Hohn und Spott übrig: "Letztendlich ist esalles nur ein großes Spiel." BEAT BALZLI, ALEXANDER JUNG, ULRICH SCHÄFER