Neuer Markt Hungerkur für Börsenlieblinge
Hamburg - Die einstigen Börsenlieblinge haben keinen Boden mehr unter den Füßen. MobilCom verloren gut 12 Prozent und EM.TV rund 14 Prozent. Auch die Adva-Aktie, eines der Schwergewichte im Nemax 50, fiel um fast 30 Prozent und war damit das Schlusslicht im Index. Der Nemax-50 ging um fast 7 Prozent in die Knie.
Der Büdelsdorfer Telefonkonzern MobilCom hatte die Gemeinde der Aktienbesitzer am Dienstag mit schlechten Geschäftszahlen aufgeschreckt. Je Kunden schreibe MobilCom einen Verlust von 280 Mark, hieß es. Im Mobilfunk- und Internetsegment fahre das Unternehmen nur rote Zahlen ein, einzig im Festnetzgeschäft sei ein kleines Plus zu erkennen, bemängelte Knut Hochwald, Analyst bei der Hamburger Sparkasse, die Bilanz von MobilCom. Das größte Problem sei allerdings die unsichere UMTS-Zukunft. "Niemand weiß, was die Kunden von dem neuen Mobilfunknetz erwarten. Die Unternehmen müssen erst Erfahrungen sammeln, die viel Geld kosten." Deshalb sei die Stimmung am Markt mittlerweile in "weg damit" umgeschlagen, sagte Hochwald.
Adva enttäuschte ebenfalls mit schlechten Zahlen. Der Herstellers optischer Netzwerksysteme hatte am Morgen lediglich vorläufige Umsatzzahlen veröffentlicht, sich über die genauen Ergebniszahlen aber ausgeschwiegen. Die fehlende Ertragsangabe öffnete Spekulationen Tür und Tor, ob Adva das anvisierte Geschäftsziel 2000 halten könne. Merill Lynch stufte daraufhin die Aktie auf "Halten" zurück. Der Markt reagierte mit panikartigen Verkäufen.
EM.TV schockiert nach Hochwalds Auffassung die Anleger dagegen mit fatalen Aussagen zur Finanzsituationen des Unternehmens. Offenbar ist man sich in dem Münchener Medienunternehmen nicht klar darüber, wie die am Freitag fällige Zinszahlung von 16 Millionen Mark aufgebracht werden soll. EM.TV sei zuversichtlich, dass man den Verpflichtungen nachkommen könne, sagte ein Unternehmenssprecher. "Ich kann nicht sagen, ob wir das Geld haben, aber wir haben ein gutes Verhältnis zu unseren Banken." Die Anleger quittierten solche Aussagen mit Verkäufen, erklärte der Analyst.
Hochwald glaubt trotz der nun fast einjährigen Talfahrt an die Zukunft des Neuen Markts. Immerhin sei es das erfolgreichste Börsensegment Europas, versucht der Analyst aufzumuntern. Damit das Elend ein Ende findet, plädiert er für schärfere Regulaarien für Unternehmen, die in den Neuen Markt aufgenommen werden wollen. Die Struktur müsse grundlegend überarbeitet werden. "Prinzipiell ist genügend Geld in unserer Gesellschaft vorhanden. Und wenn nun noch die Erbengeneration an der Börse aktiv wird, steigt auch die Risikobereitschaft." Letztendlich wird nach Hochwalds Überzeugung auch den Versicherern nichts anderes übrig bleiben, als in den Aktienmarkt einzusteigen. "Ansonsten können sie ihre Zuwachsraten bei den Pensionsfonds von sieben Prozent nicht halten."
Der Analyst vergleicht die Performance des Neuen Marktes mit der Entwicklung der Nasdaq in den USA. Als die vor 30 Jahren ins Leben gerufen worden sei, habe es zunächst einen Run gegeben, dann seien die Kurse über lange Zeit gefallen. "Doch nun haben sich die Werte der Nasdaq verzigfacht. In ein paar Jahren wird das bei uns nicht anders sein. Man darf nur nicht weinen, wenn ein paar Große sterben."