Neuer Superkonzern Wie es mit Porsche und VW weitergeht
Hamburg - VW schluckt Porsche, der Machtkampf ist entschieden. Dennoch spricht in Zuffenhausen niemand von Kapitulation. Management und Belegschaft des Sportwagenbauers beteuern ihre Eigenständigkeit - und zelebrieren einen emotionalen Abschied von Konzernchef Wiedeking.
An der Verschmelzung der Unternehmen führt aber kein Weg vorbei - und die Fusion wirft viele Fragen auf. Wie sind die Besitzverhältnisse im neuen Superkonzern? Beschädigt die Fusion die Marke Porsche? Und was wird aus dem geschassten Manager Wendelin Wiedeking?
SPIEGEL ONLINE hat Experten zu den offenen Punkten der Fusion befragt - und gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Warum ist Porsche VW restlos ausgeliefert?
Die Porsche-Übernahme durch Volkswagen gilt als sicher. Nach Informationen des SPIEGEL will VW nach dem Kauf von zunächst knapp 50 Prozent der Porsche-Aktien in einem zweiten Schritt auch die restlichen Anteile erwerben. Der Sportwagenhersteller wird dann eine von zehn Volkswagen-Marken.
Nach aktuellem Verhandlungsstand wäre noch ein anderes Szenario möglich. Zumindest theoretisch könnte Porsche den Deal noch platzen lassen, da das Unternehmen es offenbar aus eigener Kraft schafft, seine Zehn-Milliarden-Euro-Schulden auf ein vertretbares Maß zu drücken: Der Porsche-Aufsichtsrat hat eine fünf Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung abgesegnet. Finanz- und Unternehmenskreisen zufolge räumt das Scheichtum Katar Porsche zudem einen Kredit in Höhe von 750 Millionen Euro ein, damit die Stuttgarter einen VW-Kredit zurückzahlen können.
Dennoch sagte VW-Chef Martin Winterkorn am Donnerstagnachmittag, der Weg in die Fusion sei frei. Auf einer Betriebsversammlung in Zuffenhausen betonten auch Management und Aufsichtsrat von Porsche, die Verhandlungen fortzuführen. Die Produktion, der Vertrieb und die Finanzen blieben dabei eigenständig. Das hätten die Familien Porsche und Piëch schriftlich zugesichert.
Tatsächlich hat Porsche trotz Lösung des Schuldenproblems kaum eine Wahl: "Die Verhandlungen jetzt platzen zu lassen, würde einen schweren Imageschaden bedeuten", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW). Finanzexperten warnen zudem, ein Ausstieg könnte die angepeilte Kapitalerhöhung von Porsche erheblich sabotieren.
Wie sind die Besitzverhältnisse im neuen Superkonzern?
Nach derzeitigem Stand der Verhandlungen werden die Besitzverhältnisse während der Fusion offenbar mehrmals umverteilt. Porsche ist derzeit Mehrheitsaktionär der Wolfsburger Volkswagen AG, vor dem Land Niedersachsen mit rund einem Fünftel der Anteile, das aufgrund des VW-Gesetzes ein Vetorecht im Aufsichtsrat hat.
Nun soll das Emirat Katar neuer Großaktionär bei Volkswagen werden. Nach Angaben des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) wird das Scheichtum im ersten Schritt 17 Prozent an Volkswagen übernehmen. 2011, unmittelbar vor der Verschmelzung, soll das Emirat Finanz- und Unternehmenskreisen zufolge noch einmal bis zu zehn Prozent an der Porsche Holding übernehmen - und käme dann auf 19 Prozent am Gesamtkonzern. Demnach wären die Besitzverhältnisse im neuen Konzern wie folgt:
- Die Familien Porsche und Piëch kämen auf unter 50 Prozent ,
- das Land Niedersachsen auf etwas mehr als 20 Prozent,
- Katar auf 19 Prozent.
- Der Rest entfällt auf Streubesitz
Allerdings gibt es auch Meldungen, wonach die Porsche-Eigentümerfamilien selbst tief in die eigene Tasche greifen müssen. Das Emirat Katar werde sich im Rahmen der Kapitalmaßnahmen nur mit einem kleinen Anteil von rund fünf Prozent an der Porsche SE beteiligen, sagten mehrere mit der Situation vertraute Personen am Donnerstag.
Zwei Konzerne im Vergleich
Wie groß ist Porsches Machtverlust wirklich?
Trotz aller Beteuerungen von Politik und Konzernspitze: Für Porsche dürfte die Integration mit VW einen erheblichen Machtverlust bedeuten. Statt, wie ursprünglich geplant, die eigene Einflusssphäre im Automarkt deutlich auszuweiten, verlieren die Stuttgarter an Macht - auch gemessen am Status Quo.
Zwar sagt etwa der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, dass Porsche "selbstverständlich autonom" bleibt, dass die Porsche-Standorte nun "sicherer als zuvor" sind. Und Porsches Betriebsratschef Uwe Hück wird nicht müde, auf eine schriftliche Vereinbarung zu verweisen, die die Eigenständigkeit der Stuttgarter in puncto "Produktion, Vertrieb und Finanzen" garantiert.
Indirekt verliert Porsche durch die Fusion aber sehr wohl an Eigenständigkeit - und zwar deutlich. "Die Stuttgarter werden im neuen Superkonzern viel mehr Kompromisse eingehen müssen, als sie es bislang gewohnt sind", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW). "Und zwar in allen Bereichen."
Laut Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft gebietet allein schon das Gebot der Kosteneffizienz, dass Porsche einen Teil der eigenen Freiheit aufgibt. "Angesichts der Strukturkrise im Automobilsektor muss der Konzern so viele Synergien wie möglich nutzen", sagt er. Das aber beeinträchtigt Porsche bei Produktplanung, Einkauf und Produktion. "In einem integrierten Konzern müssen sie nun bei jeder Leuchtdiode darum ringen, wo diese produziert wird."
Inwieweit Porsche seine Eigenständigkeit im neuen Superkonzern verteidigen kann, hängt laut Meinig vor allem vom Erfolg der Marke ab: "Je stärker die Stuttgarter zur notleidenden Marke verkommen, desto schwächer ist ihre Verhandlungsposition im Konzern."
Beschädigt die Fusion die Marke Porsche?
Glaubt man Uwe Hück, ist durch die Fusion der Anfang vom Ende für Porsche eingeläutet: "Mit Polo-Teilen können Sie keinen Porsche bauen", hat der Porsche-Vize-Aufsichtsratschef einmal gesagt. Die Marke sei in Gefahr.
Auch Experten der Autobranche sehen riesige Probleme auf Porsche zurollen, sollte VW den Sportwagenbauer übernehmen. "Die Marke Porsche wird deutlichen Schaden nehmen", sagt etwa Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Denn kaum eine andere Marke in Deutschland habe sich in der Vergangenheit so stark durch ihre Eigenständigkeit ausgezeichnet wie die des Zuffenhausener Autobauers. Jetzt solle Porsche in das "Korsett von Volkswagen" gezwängt werden.
Wolfgang Meinig von der Forschungsstelle Automobilwirtschaft in Bamberg glaubt, die Marke Porsche könne dadurch erheblichen Schaden nehmen. "Porsches Exklusivität ist mit dem Begriff 'Volk' einfach nicht zu vereinbaren", warnt er. Vor allem in der Produktion drohten Gefahren. "Synergieeffekte, die aus Konzernsicht sinnvoll sind, könnten für die Marke Porsche verhängnisvoll sein", sagt er. Sie seien immer dann gefährlich, wenn man im Fahrzeug sehe, dass einzelne Autoteile nicht exklusiv von Porsche gefertigt worden sind.
Auch Marc-René Tonn, Analyst beim Bankhaus M. M. Warburg, sieht diese Gefahr. Ein Beispiel dafür sei die ehemalige Allianz von Ford und Jaguar. "Es gab eine Zeit, da sah ein Jaguar von innen aus wie ein Ford-Mondeo", sagt Tonn. "Das war fatal für die Luxusmarke." Diesen Fehler müsse man bei Porsche unbedingt vermeiden. Sonst wende sich der typische Porsche-Fahrer rasch ab.
Wie gefährlich ist die Übernahme für VW?
Dem Branchenkenner Stefan Bratzel vom Center of Automotive der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) zufolge ist die Fusion durchaus auch für VW riskant. "Durch die Porsche-Übernahme verliert Volkswagen deutlich an Liquidität", sagt er.
Gegenwärtig verfüge VW über Barreserven von zehn bis elf Milliarden Euro, diese würden durch einen Komplettkauf von Porsche um vier bis fünf Milliarden Euro sinken. Gleichzeitig befänden sich die Autoabsätze 2009 weltweit auf einem Rekordtief, auch für das kommende Jahr seien die Aussichten miserabel. Entsprechend niedrig dürften die Gewinne ausfallen.
"Die Kombination aus Krise und Porsche-Kauf könnte die Liquiditätsreserven von Volkswagen bedrohlich abschmelzen", sagt Bratzel. Vor diesem Hintergrund sei es nicht ausgeschlossen, dass auch VW in nicht allzu ferner Zeit eine Kapitalerhöhung durchführen müsse.
Wird der neue Superkonzern zum neuen Schlachtfeld der Porsche- und Piëch-Clans?
Für diese Annahme gibt es in der Tat genug Gründe. Im Fall Porsche hat jede Seite der anderen bereits so viele Wunden geschlagen, dass an einen rationalen Austausch von Argumenten kaum noch zu denken ist (siehe Titel-Geschichte im aktuellen SPIEGEL).
Die Porsches bezeichnen die Piëchs gelegentlich als "Gegenfamilie". Dabei tragen sie die unterschiedlichen Namen nur, weil der Stammvater der Sippe, Ferdinand Porsche, einst einen Sohn, Ferry, und eine Tochter, Louise, hatte. Die Kinder von Ferry haben deshalb einen Mythos als Nachnamen, sie heißen Porsche. Die Kinder von Louise aber sind nach deren Ehemann benannt und heißen Piëch. Wenn Wolfgang Porsche seinen Vetter ärgern möchte, bezeichnet er ihn als "Nicht-Namensträger".
Die Fehde der Familien reicht Jahrzehnte zurück. Clan-Patriarch Ferdinand Piëch etwa spöttelte einmal über das Familienunternehmen, dass es mitunter schon "einen Karriereknick gibt, wenn man jemanden aus der Familie zum Frühstück nur knapp grüßt".
Dabei sorgte er selbst schon oft für Knatsch. 1972 spannte er ausgerechnet seinem Cousin Gerd Porsche dessen Ehefrau Marlene aus - was der Porsche-Clan dem Piëch-Spross enorm übel nahm. Und in den vergangenen Jahren forcierte vor allem Piëch den Machtkampf zwischen VW und Porsche.
Zunächst enthielt er sich bei einer Abstimmung des Wolfsburger Aufsichtsrats - und sorgte so dafür, dass ein Ausschuss von VW künftig alle Geschäfte mit Porsche genehmigt. Später zog er politisch die Strippen. Er sorgte für den Erhalt der Sperrminorität des Landes Niedersachsen - und damit dafür, dass Porsche keinen Beherrschungsvertrag bei VW durchsetzen kann.
Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft attestiert den Familien dagegen den Pragmatismus, Wirtschafts- vor Familieninteressen zu stellen. "Letztlich geht es beiden Unternehmen und beiden Familien darum, ihr Vermögen zu erhalten und zu mehren", sagt er. "Das wird sie auch wieder zusammenschweißen, wenn es jetzt darum geht, aus Volkswagen in der Automobilindustrie die Nummer eins in der Welt zu machen."
Doch auch wenn sich die beiden Familien jetzt erst mal einig sind über die Zukunft eines vereinten Konzerns - ruhige Zeiten stehen dem VW-Porsche-Konzern und seinen Beschäftigten gewiss nicht bevor.
Wo gehen die meisten Jobs verloren?
Dass bei der Fusion Jobs verlorengehen, ist so gut wie sicher. "Gemeinsames Entwickeln kann Milliarden sparen", sagt etwa Marc-René Tonn, Analyst beim Bankhaus M. M. Warburg. Der Austausch von Teilen, Plattformen und Ingenieursleistungen würde unter einem Dach noch effizienter. Das bedeute aber zugleich den Abbau von Personal.
Dieser aber dürfte vor allem Porsche treffen, denn im neuen Superkonzern ist der bislang noch autonome Autobauer nur noch eine von zehn Marken. Vertriebsstrukturen und Teile der Entwicklung dürften vor allem auf Porsche-Seite zunehmend überflüssig werden - was einen Abbau von Jobs nach sich zu ziehen droht.
Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren bei Porsche bis zu 20 Prozent der Stellen verlorengehen, vor allem im Vertrieb und in der Entwicklung.
Droht der Kurs der VW-Aktie durch die Fusion abzustürzen?
Dass die VW-Aktie maßlos überbewertet ist, ist unter Finanzexperten Konsens. Sie taxieren ihren wahren Wert auf 60 bis 80 Euro. Im Moment ist er mehr als dreimal so hoch, was vor allem daran liegt, dass sich nur sehr wenige Papiere in Streubesitz befinden.
Das Land Niedersachsen hält gut 20 Prozent der Papiere, Porsche besitzt mehr als die Hälfte - und soll sich mindestens weitere 20 Prozent über Optionsgeschäfte mit Banken gesichert haben. Am freien Aktienmarkt sind VW-Papiere dadurch ein rares Gut.
Nachdem sich Porsche bei der Übernahme verhoben hatte, lagen die Aktienoptionen lange Zeit brach. Porsche hatte zu hohe Schulden, um sie einzulösen. Börsianer befürchteten daher, dass die Banken die Papiere in den freien Markt zurückgeben - was einen Kurs-Crash nach sich gezogen hätte.
Nun kauft das Emirat Katar nach Angaben des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff 17 Prozent dieser Optionen. Die unmittelbare Gefahr eines Kurs-Crashs ist damit abgewendet. "Der VW-Aktienkurs hängt nun vor allem davon ab, ob der Finanzmarkt die Fusion als erfolgversprechend betrachtet oder nicht", sagt Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft.
Was wird aus Wendelin Wiedeking?
Das Schicksal von Wendelin Wiedeking bei Porsche ist besiegelt. Am Donnerstagmittag erwiesen ihm Betriebs- und Aufsichtsrat sowie ein Teil der Belegschaft bei einer emotional aufgeladenen Versammlung noch einmal die Ehre.
Geldsorgen muss sich Wiedeking nicht machen. Sein letztes Jahresgehalt belief sich auf 80 Millionen Euro, von seiner 50-Millionen-Abfindung behält er die Hälfte selbst, den Rest spendet er.
Dennoch glauben die wenigsten, dass Wiedeking ab sofort nur noch seinen Hobbys nachgeht, dass er mit seinem 45 Jahre alten feuerroten Porsche-Traktor, Modell Junior, mit gelben Rädern ab sofort täglich sein Grundstück im schwäbischen Bietigheim pflügt, um Kartoffeln anzubauen. Auch seine Kneipe in Beckum, der "Pulverschoppen", dürfte den Manager kaum ausfüllen.
Die Chancen, dass Wiedeking noch einmal Chef wird, stehen ohnehin nicht schlecht. Dass der Manager für alle Zeit verbrannt ist, glauben Branchenexperten nicht. "Wiedeking hat Porsche Anfang der neunziger Jahre von Grund auf saniert", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW). "Er hat sein Talent tausendfach bewiesen, und die Branche weiß, was in ihm steckt."
Wolfgang Meinig von der Forschungsstelle Automobilwirtschaft in Bamberg hält es sogar für möglich, dass der Porsche-Posten noch nicht der Karrierezenit des Westfalen war."Eine Führungs- und Sanierkraft wie Wiedeking hat gerade in Krisenzeiten beste Job-Chancen", sagt er, "und zwar international und branchenübergreifend."