MANAGER Neuer Typ
Daß Dieter Vogel, 44, das Rentenalter im Frankenthal erreichen würde, war schwer vorstellbar. Der schlaksige Ingenieur, der binnen weniger Jahre in der Pfalz-Stadt die konkursreife Fußboden-Firma Pegulan zu einem stattlichen Konzern ausbaute, schien der »FAZ« »weiträumiger angelegt«.
Von April nächsten Jahres an hat Vogel mehr Raum. In Düsseldorf wird er Chef der Thyssen Handelsunion, einer der größten Handelsfirmen der Bundesrepublik, und zugleich Vorstandsmitglied in der Thyssen-Dachgesellschaft.
Der zukünftige Thyssen-Mann verkörpert auf besondere Weise einen neueren Manager-Typus: Einerseits ein ehrgeiziger Technokrat, der die Bilanzzahlen fest im Blick hat, setzt er andererseits auf Zusammenarbeit mit Betriebsräten und pflegt ein partnerschaftliches Verhältnis zu den Gewerkschaften. »Wohlstandsattribute aus der Fabrikherrenzeit«, gemeint sind damit Zugaben wie Direktionskasinos, Privatchauffeure oder Flüge erster Klasse, findet Vogel überflüssig. Bei seinen Kollegen erweckte der gebürtige Sudetendeutsche Mißtrauen durch seine Ansichten zur Arbeitszeit-Verkürzung. Schon lange bevor die IG Metall in ihren großen Streik zog, konnte sich Vogel vorstellen, daß es 1990 die 35-Stunden-Woche gibt.
Bei Pegulan in Frankenthal gleiten ältere Arbeitnehmer inzwischen mit weniger Wochenstunden und kaum verringertem Gehalt in den Ruhestand. Manche Pegulan-Beschäftigte dürfen sich, wenn es der Job erlaubt, ihre Arbeitszeit einteilen und auch mal zu Hause arbeiten. Einer Gruppe von Nebenerwerbs-Winzern erlaubte Vogel, viermal die Woche zehn Stunden zu arbeiten, um die verbleibenden Tage nach den Weinstöcken sehen zu können.
Unter Vogels Ägide richtete Pegulan die »Frankenthaler Gespräche« ein. Weil »ein Unternehmen eine gesellschaftliche Veranstaltung« ist, durften Linke wie Rechte über die persische Revolution, Raketen und Rentner diskutieren. Die letzte Veranstaltung drehte sich um Menschenrechte und sparte dabei auch die Sinti und Roma in der Bundesrepublik nicht aus.
Konservative Kritiker aus dem Unternehmerlager prallen an dem überaus selbstbewußten Manager ab: Mit der Sanierung von Pegulan gelang Vogel ein unternehmerischer Coup erster Güte.
Die Erblast des Frankenthaler Patriarchen Fritz Ries, der sich 1977 vor einem Spiegel erschoß, verwandelte Vogel in eine prosperierende Firma. Neben dem Fußboden-Geschäft stützt sich Pegulan inzwischen auf ein zweites Bein: Peguform beliefert die Autoindustrie als führender deutscher Hersteller mit Kunststoffteilen. Stoßstangen, Türfüllungen und Armaturenteile vieler deutscher Autos kommen aus Vogels Firma.
Bis zum Ende dieses Jahres will Vogel in Frankreich und Spanien noch zwei Fabriken für die Plastik-Teile hinzukaufen. Der Pegulan-Umsatz von dann nahezu zwei Milliarden Mark wird fast zur Hälfte aus dem Autogeschäft kommen.
Angesichts des Erfolgs war es nicht verwunderlich, daß Vogels Arbeitgeber größere Pläne mit dem jugendlich wirkenden Manager hatte. Der britische Tabak-Konzern BAT, dessen Deutschland-Ableger Batig inzwischen fast alle Pegulan-Anteile besitzt, wollte Vogel in die Hansestadt verpflichten. Dort sollte er im nächsten Jahr die Nachfolge des für die Zigaretten ("HB«, »Krone«, »Kim") zuständigen Vorstandsmitglieds Dieter von Specht antreten.
Außerdem hatten die Briten die Idee, daß Vogel auch gleich an die Spitze ihrer deutschen Tochter rücken sollte. Dort sitzt bislang der blasse Jurist Harald Erichsen, der seit Jahren zwar viele Papiere produziert, aber mit der unternehmerischen Fortentwicklung der Zigarettenfirma nicht vorankommt. Unruhige Köpfe irritieren Erichsen. Jüngst erst ergriff Bernd Hebbering, der Chef des ebenfalls zur Batig gehörenden Kaufhauses Horten, vor ihm die Flucht und wechselte zum Konkurrenten Karstadt.
Dieter Vogel dachte noch über das BAT-Angebot nach, als Thyssen-Chef Dieter Spethmann bei ihm anrief und die Stellung in Düsseldorf anbot. Nachdem Vogel zur Vorstellung ins Rheinland gereist war und Kapitaleigner wie Arbeitnehmer
von Thyssen keine Einwände hatten, schlug er ein. Thyssen-Chef Spethmann hat mit Vogel nicht nur einen tüchtigen Manager gewonnen, sondern gleich eine alte Rechnung beglichen.
Vor gut anderthalb Jahren hatte die Deutsche Bank bei Thyssen eine Palast-Revolution angezettelt und Spethmann, als es Thyssen nicht gutging, ihr Vertrauen entzogen. Zu den Spethmann-Gegnern im Innern des Konzerns gehörte der Handelsunion-Chef Fritz Wälter.
Spethmann aber schaffte bei Thyssen die Wende: Dem Konzern geht es besser als seit vielen Jahren. Dem Thyssen-Chef - ein rarer Fall in der deutschen Industrie-Geschichte - gelang es, die Deutsche Bank abzuwehren. Statt dessen bleibt Wälter auf der Strecke, und Vogel kann seine Karriere fortsetzen.