Neuer Wind - DER SPIEGEL
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Die Bayer AG, Deutschlands drittgrößter Chemie-Multi, fiel gegenüber ihren Konkurrenten zurück. Jetzt wird der Konzern umorganisiert. *
• aus DER SPIEGEL 48/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herbert Grünewald war voll des Eigenlobes. Der Vorstand könne eine »solide Bilanzstruktur« vorlegen, verkündete der Chef des Chemie-Konzerns Bayer auf der letzten Hauptversammlung seinen Aktionären; die Ertragslage, so Grünewald weiter, habe sich »spürbar verbessert«. Das verdanke die Firma auch der »Leistungsbereitschaft« ihrer Mitarbeiter.

Intern, vor rund 500 Managern des Leverkusener Chemie-Konzerns, waren von Grünewald wenig später andere Töne zu hören. Die Lage des Unternehmens mache es dringend notwendig, die gesamte Organisation zu ändern. Wer die Pläne boykottiere, werde gekündigt.

Die beiden Auftritte des obersten Bayer-Mannes spiegeln die Lage wider, in der sich der Chemie-Multi befindet. Die Geschäfte des Konzerns liefen in den letzten Monaten zwar erheblich besser als im Rezessionsjahr 82. Aber auch die besseren Zahlen können nicht kaschieren, daß die Leverkusener Unternehmensgruppe mit etlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Den nach der BASF und Hoechst drittgrößten deutschen Chemie-Trust (Bayer-Umsatz: 35 Milliarden Mark) drücken in vielen Bereichen des weltweit verschachtelten Firmenbesitzes Absatzsorgen und Führungsprobleme. Und daran trägt nach Meinung von Kritikern im Konzern die Chefetage ein gerütteltes Maß an Mitschuld.

Der 62jährige Vorstandsvorsitzende Grünewald hat, so die Vorwürfe, Schwachstellen zu spät erkannt und die überfällige Neuordnung verschleppt.

Im letzten Jahr seiner zehnjährigen Amtsperiode will Grünewald nun den Konzern unter Zeitdruck umkrempeln. Wenn er 1984 den Chefsessel für seinen Vorstandskollegen Hermann-Josef Strenger, 55, räumt und er selber an die Spitze des Aufsichtsrates überwechselt, soll die Firma auf dem neuen Kurs schon sicher eingefahren sein.

Den neuen Wind bei Bayer wird vor allem das Management zu spüren bekommen. Die heute rund 2500 Mann

starke Führungstruppe ist in den letzten Jahren kräftig aufgebläht worden. Je mehr sich aber die Leitenden um Kompetenzen rangelten, desto stärker sackte Bayer gegenüber seinen Rivalen ab.

Ein gutes Jahrzehnt lang lag der Konzern, der sich mit Bayer Leverkusen und Bayer Uerdingen zwei Fußball-Bundesligavereine hält, im Umsatz immer dicht auf zur BASF und zu Hoechst. Alarmstimmung kam in Leverkusen auf, als nach dem letzten Geschäftsjahr Bayer in fast allen wichtigen Rechnungspositionen den Anschluß verloren hatte.

Ob beim Vergleich der Rentabilitätsberechnung, der Investitions- und der Selbstfinanzierungsquote oder der Umsatzrendite - in allen Positionen schnitt Grünewalds Firma nach Bilanzanalysen der Banken um etliche Prozentpunkte schlechter ab.

Der Vorstand veranlaßte zunächst das Nötigste. Weltweit baute der Konzern beispielsweise überflüssige Lagerbestände ab; dadurch wurden 750 Millionen Mark frei. Die Tochtergesellschaft Agfa mußte sich sogar von Silbervorräten für die Filmherstellung im Wert von 62 Millionen Mark trennen.

»Die Sparmaßnahmen«, berichtet Grünewald jetzt, »haben ganz erheblich zur Verbesserung der Bayer-Ergebnisse beigetragen.«

Es wäre noch viel mehr zu sparen. Seit neun Jahren schon quälen sich Grünewald und seine Kollegen mit der Sanierung der Kautschuk-Tochter Metzeler herum. Aber auch für 1983 haben die Manager einen zweistelligen Millionenverlust eingerechnet.

Die größten Sorgen bereitet die Photo-Tochter Agfa. Die deutschen Kamera- und Filmfabriken machten 1982 einen Verlust von rund 200 Millionen Mark. Obwohl Bayer in zwei Agfa-Fabriken die Produktion stillegte, 2700 Beschäftigten kündigte und weitere Entlassungen plant, kommt die Firma aus den roten Zahlen nicht raus. Die deutschen Agfa-Manager, die den Anschluß an neue Trends und die moderne Kameraelektronik verpaßt haben, fahren auch im laufenden Geschäftsjahr wiederum 200 Millionen Mark Verlust ein.

Der Fall Agfa hat an der Spitze der Muttergesellschaft mit zu der Erkenntnis beigetragen, daß eine Neuorganisation des Konzerns überfällig ist. Es fehle vor allem, so erkannte das Top-Management, der nötige Druck von oben.

Während die Leverkusener bei Produkten wie Kunststoffen oder Pharmazeutika zum Teil kräftig zulegten, herrscht bei anderen umsatzstarken Bereichen wie Pflanzenschutz oder organische Chemie beinah Stillstand. Dies liegt, so wissen Insider, nicht nur an der schwachen Nachfrage, sondern auch an internen Schwierigkeiten. Bei vielen gleichgelagerten Produkten machen sich beispielsweise verschiedene Bayer-Vertriebsorganisationen selbst Konkurrenz.

Grünewalds Bayer-Reform soll derartige Konstruktionsfehler ausmerzen. Statt neun wird es künftig nur noch sechs Sparten geben. Jeder Bereich erhält einen Personal-Manager mit Spezialauftrag. Diese Sparkommissare sollen die Sparten auf überflüssiges Personal durchprüfen.

Der Vorstand hat sich bei der Rationalisierung nicht ausgenommen. 14 Herren umfaßt bislang das oberste Führungsgremium des Chemie-Konzerns. Nur wenige Unternehmen, so etwa der Elektro-Multi Siemens oder der Konkurrent Hoechst, leisten sich eine ähnlich große Spitzenmannschaft.

Laut Grünewalds Sparplan soll die Zahl der Vorstandsposten halbiert werden. Härtefälle, allerdings, wird es nicht geben. Die Ressorts werden nach und nach abgeschafft - wenn einer der älteren Vorstandsmitglieder in Pension geht.

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