INTERNET Neustart im Netz
Lachen ist ein besonderes Talent von Jeff Bezos. Der Gründer des weltgrößten Online-Versenders Amazon lacht gern schallend laut und ausdauernd. Vor allem wenn die Themen unangenehm werden. Dann holt er tief Luft und prustet so richtig los. Auf diese Weise nimmt Bezos jeder kritischen Frage die Schärfe, denn sein Lachen steckt alle an.
Vor gut einem Jahr nutzte ihm auch dieser Trick nichts mehr. Analysten schien es nur noch eine Frage von Wochen, bis Amazon den letzten Dollar verbrannt haben würde. Amazon.com, das klang durch und durch nach Internet, nach Hype und Börsenblase eben - also bloß die Finger weg. Die Ikone der New Economy, so spotteten sie, sollte sich besser umbenennen: in »Amazon.bomb«.
Die Bombe ist vorerst entschärft. Bezos hat die Kosten um ein Drittel gedrückt und trotzdem den Umsatz gesteigert, für ein Quartal konnte Amazon sogar einen Gewinn melden. Jetzt fragt niemand mehr nach der »Burn-rate«, alle staunen nur über den Börsenerfolg: in einem Jahr plus 120 Prozent. Keine Firma schlägt sich derzeit besser unter den Großen an der Technologiebörse Nasdaq. Die Nachrufe seien verfrüht gewesen, »ich fühle mich sehr lebendig«, scherzt Bezos, und heute klingt sein Lachen echt.
Verkehrte Wirtschaftswelt: Während die Kurse ehrwürdiger Wall-Street-Titanen wie Hewlett-Packard oder Ford abstürzen, gewinnen ausgerechnet Online-Firmen wieder das Vertrauen der Investoren. Die Internet-Wirtschaft, erst maßlos überschätzt, dann gnadenlos verhöhnt, feiert ein unerwartetes Comeback - allerdings in arg geschrumpftem Format.
Zu Tausenden sind die Träume von Jungunternehmern geplatzt, die getrieben von Wagniskapitalisten Unternehmen im Weltmaßstab aufziehen wollten: Kosten erschienen drittrangig, Wachstum war alles, was zählte. Gewinne sollte es erst in ferner Zukunft geben.
Heute wickeln Insolvenzverwalter die Reste der Gründerfirmen ab. Nur wenige sind dem Kahlschlag entronnen - genau sie aber stehen jetzt vergleichsweise gut da. Die Überlebenden der neuen Wirtschaft legen zum Teil zweistellig zu, wichtiger noch: Sie schreiben schwarze Zahlen.
Das Internet-Portal Yahoo hat im vergangenen Quartal 28,9 Millionen Dollar Gewinn gemacht, »trotz eines schwierigen äußeren Umfelds«, wie Yahoo-Chef Terry Semel hervorhebt. Die Einnahmen aus Werbung stiegen gar um 22 Prozent - mitten in der tiefen Werbekrise.
Auch Lastminute.com stemmt sich erfolgreich gegen den Branchentrend. Denn während das Reisegewerbe unter Terrorangst und Konsumflaute leidet, ist das Geschäft des Reise- und Lifestyle-Portals in einem Quartal um 80 Prozent gewachsen, erstmals erwirtschaftet Martha Lane Fox mit ihrem Unternehmen einen Profit.
Und der Internet-Flohmarkt Ebay, wo 55 Millionen Menschen Uhren, Autos, sogar Häuser kaufen und verkaufen, arbeitet längst verlustfrei. Im dritten Quartal hat Ebay-Chefin Meg Whitman den Gewinn auf 61 Millionen Dollar verdreifacht.
Endlich ist der Nachweis dafür erbracht, was so lange bezweifelt wurde: Das elektronische Geschäft rechnet sich durchaus. Ob Händler wie Poster.de oder Provider wie Freenet - auch in Deutschland schaffen immer mehr Unternehmen den Durchbruch in die Gewinnzone. Ralph Dommermuth zum Beispiel, der Chef von United Internet, hat einen Schuldenberg von 86 Millionen Euro abgebaut und konzentriert sich wieder auf das Geschäft mit dem Netzzugang: »Wir verdienen gutes Geld.«
Es hat auch lange genug gedauert. Sieben Jahre ist es her, dass das Internet kommerziell wurde. Damals überschlugen sich förmlich die Phantasien. »Die Verkaufsmöglichkeiten im Internet sind unendlich«, schwärmte der ehemalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff. In Kürze, so hörte man allerorten, würden die Menschen so ziemlich alles mit ein paar Mausklicks bestellen: Bücher und Kleidung, Flugtickets und CDs, Möbel und sogar Autos.
Vielleicht wäre es ja so gekommen, wenn das Netz nicht so oft überlastet, der Bestellvorgang so langsam und das Bezahlen so unsicher gewesen wäre. Vor allem aber hatte man völlig unterschätzt, wie lange es dauert, bis sich die Menschen an das neue Medium gewöhnen. Während die Dot.com-Szene in einer Parallelwelt lebte, in der sich alles um das Netz drehte, kämpfte die Masse noch mit der Feinmotorik für den Doppelklick.
Erst jetzt ist das Internet Alltag geworden, ein wirkliches Massenmedium. Die Online-Revolution hat sich verspätet, und sie kommt ziemlich unspektakulär daher.
Mehr als 30 Millionen Menschen in Deutschland sind im Netz, sie nutzen mit großer Selbstverständlichkeit den Zugang zur digitalen Welt, zu Hause oder bei der Arbeit, die meisten täglich, sie sind erfahren im Umgang mit Modem und Maus und vertraut mit E-Mail und Warenkorb. Sie gucken nicht nur, sondern sie kommunizieren auch, und sie kaufen sogar.
Schon fast jeder zweite Erwachsene in Deutschland besorgt sich Waren im Internet, vor zwei Jahren waren es gerade mal 17 Prozent. Die Zahl der Stammkunden wächst, entsprechend weniger müssen die Firmen für Werbung ausgeben. Jeder neue Kunde kostete sie vor zwei Jahren noch 29 Dollar, ein Jahr später waren es noch 14 Dollar.
Das sind bittere Zahlen für Gründer, die gescheitert sind. Sie sind einfach zu früh gestartet, die Zeit war noch nicht reif.
Eine Firma namens Evenbetter zum Beispiel hatte die Idee, das Internet mittels so genannter Agenten nach den niedrigsten Preisen zu durchsuchen. Doch nur ein Bruchteil der Händler war angeschlossen, der Überblick blieb unvollständig. Am Ende übernahm Bertelsmann die Firma.
Ein ähnliches Schicksal ereilte Webmiles, einst das Vorzeige-Start-up aus München. Die drei Gründer tüftelten ein Bonuspunkte-System für den Internet-Handel aus. Doch auch hier hinkte die Wirklichkeit des E-Commerce der Geschäftsidee hinterher.
Oder das Businessmodell der Berliner Online-Firma Yoolia: Kunden verraten ihre Vorlieben und bekommen dafür maßgeschneiderte Angebote. Das Konzept wurde prämiert - und ist doch gefloppt: Zu wenige waren bereit, ihre Daten preiszugeben. »Wir waren zu früh mit unserer Technologie«, meinte später Yoolia-Vorstand Alexander Plümacher.
Damals waren alle versessen darauf, bloß nicht den »First-Mover-Advantage« zu verpassen, den vermeintlichen Vorteil also, als Erster mit der Geschäftsidee im Netz zu sein und als Pionier den Markt aufzurollen.
»Der frühe Vogel fängt den Wurm«, lautete damals ein beliebter Spruch - der inzwischen längst widerlegt ist: Karstadt startete bereits 1996 das Online-Kaufhaus My-World und zahlte dafür gehörig Lehrgeld. Der Auftritt war überladen, die Besucher zeigten sich genervt, die Seite verschwand aus dem Netz und wurde später durch eine Light-Version ersetzt.
Manchmal sei es eben besser, Verfolger zu sein, statt an der Spitze zu stehen, meint der US-Zukunftsforscher Paul Saffo: »Es ist die zweite Maus, die den Käse bekommt.«
Da kann Andreas Prüfer von Glück reden, dass er und sein Kompagnon Rainer Binder erst Anfang 2000 begonnen haben, im Internet Reifen zu verkaufen. Auf Wagniskapital verzichteten die beiden ehemaligen Continental-Manager zunächst. »Das Geschäft sollte sich von selbst tragen«, sagt Prüfer.
Das tut es auch. Rund 320 000 Euro Gewinn haben sie im vergangenen Jahr mit ihrer Firma Delticom gemacht, bei 21,7 Millionen Euro Umsatz.
Kürzlich, als der erste Frost kam, hätten sie erstmals mehr als 3000 Reifen an einem Tag verkauft, berichtet Prüfer, montiert werden die Pneus von 1700 Servicepartnern. Damit seien sie Marktführer in Europa.
In jeder Nische - ob Bücher, Reisen, Kunstdrucke oder eben Reifen - gibt es im Internet nur Platz für jeweils eine Hand voll Anbieter. Hinter Ebay folgt lange Zeit nichts. Und seit Bertelsmann seine Internet-Buchhandlung BOL abwickelt, hat auch Amazon keine ernsthaften globalen Wettbewerber mehr. Dass das Netz Raum für unzählige Firmen biete, hat sich als Trugschluss erwiesen - wie so manches, was vor kurzem noch Gewissheit schien:
* Das Internet verkürze den Kontakt zwischen Hersteller und Kunde so dramatisch, dass es keiner Zwischenstation eines Händlers mehr bedarf, dachte man. Tatsächlich aber können es sich die Hersteller nach wie vor nicht leisten, ihren wichtigsten Partner zu verprellen.
* Im Internet könnten die Händler ganz genau die Vorlieben ihrer Kunden kennen lernen, wenn sie nur die Datenspuren auswerten, hieß es. Das jedoch erweist sich als überaus aufwendig; zudem muss der Kunde für ein halbwegs exaktes Profil oft und regelmäßig einkaufen.
* Die Gewinner der Internet-Wirtschaft, wurde behauptet, seien vor allem die Software-Hersteller, weil sie gleichsam die Schaufeln für die neue Ökonomie lieferten. Weit gefehlt: Der Online-Shop des Versandhändlers Otto (Umsatz 2001/2002: rund 1,7 Milliarden Euro) läuft auf einem System von Intershop, einem Unternehmen, das im vergangenen Jahr knapp 69 Millionen Euro Umsatz erzielte - und dabei 132 Millionen Verlust machte.
Erfolg im Netz hat also nicht unbedingt die Avantgarde, die immer das Neueste und Coolste bietet. Erfolgreich sind vielmehr jene Firmen, die sich der besonderen Vorteile des Internet - Tempo, Reichweite, geringe Kosten - bedienen, um die Kardinalfrage allen Wirtschaftens zu beantworten: Was will der Kunde überhaupt?
Der will es vor allem einfach. Er bevorzugt schlichte Anwendungen, die kinderleicht zu handhaben sind und deren Nutzen sich sofort erschließt. Die Suchmaschine Google ist mit täglich mehr als 150 Millionen Anfragen deshalb so erfolgreich, weil sie auf simpelste Art Schneisen in das Dickicht des Netzes schlägt.
Und E-Mails haben sich deshalb so rasant ausgebreitet, weil sie blitzschnell zu versenden sind, weil sie praktisch jeden Ort der Erde erreichen können und konkurrenzlos billig sind. Wenn der ADAC die »Plus«-Mitgliedschaft bewirbt, kostet die E-Mail-Kampagne den Verkehrsclub nur halb so viel wie die Serienbriefaktion - bei gleicher Erfolgsquote. »Hier findet eine Revolution statt, die schon so selbstverständlich ist, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen«, sagt der Berliner Ökonom Axel Zerdick.
Mittlerweile sind die ökonomischen Folgen dieses Umbruchs weithin zu spüren, vor allem in der Reisebranche. Jeden Tag verlieren die Reisebüros Marktanteile ans Netz, vor allem die neuen Billigflieger setzen massiv auf den Online-Vertrieb. In den USA waren Reisen im vergangenen Jahr mit 14 Milliarden Dollar der größte Umsatzträger im Internet-Handel.
In Deutschland ist Bahn.de das bei weitem beliebteste Reiseportal, mit fast drei Millionen Besuchern im Monat. Der Vorteil für den Reisenden liegt auf der Hand: Statt die Auskunft anzurufen oder am Bahnhof nachzufragen, schauen sie sich den Fahrplan online an, drucken die gewünschte Verbindung aus und kaufen das Ticket online: Damit erzielte die Bahn 2001 bereits 220 Millionen Euro Umsatz.
Noch dramatischer wird sich der digitale Strukturwandel im Zeitungsgewerbe bemerkbar machen. Dass die »Frankfurter Allgemeine«, die »Süddeutsche Zeitung« oder die »Frankfurter Rundschau« in die Krise geraten sind, hat zwar vor allem konjunkturelle Gründe. Aber auch wenn die Wirtschaft wieder anzieht, werden die Probleme bleiben: Bislang stammen bis zu 50 Prozent der Werbeerlöse aus Stellenangeboten, Gebrauchtwagen-, Immobilien- oder Kontaktanzeigen. Die aber driften ab ins Netz, und zwar massenhaft und unwiderruflich.
Unternehmen verlassen sich immer seltener darauf, dass sich zufällig ein passender Bewerber auf eine Zeitungsannonce meldet. Sie gehen jetzt lieber zielgerichteter vor: Sie suchen sich aus einem riesigen digitalen Pool von Lebensläufen die idealen Kandidaten aus, bei Jobpilot zum Beispiel stehen derzeit mehr als 157 000 Bewerber zur Auswahl.
Auch den Gebrauchtwagenmarkt hat das Internet bereits völlig verändert. Händler und Privatleute stellen ihre Fahrzeuge oft schon mit Foto in Online-Börsen ein und erreichen damit nicht Tausende Leser, sondern Millionen Surfer. Schätzungsweise zwei Millionen Kaufverträge werden dieses Jahr im Netz angebahnt, mit Mobile.de und Autoscout24 haben sich zwei Autobörsen etabliert, die schwarze Zahlen schreiben.
Bislang verlangen sie nur von Autohändlern Geld für Inserate, die Anzeigen von Privatleuten sind gratis. Das allerdings, so erwartet Autoscout24-Chef Nicolas Carbonari, könnte sich ändern: »Der Nutzer wird sich daran gewöhnen, etwas zu bezahlen, wenn der Mehrwert gut ist.«
Werbung allein jedenfalls reicht zur Finanzierung nur selten aus. Die Internet-Firmen suchen nach neuen Einnahmequellen. Yahoo zum Beispiel bot im Sommer Zusammenfassungen von Fußball-WM-Spielen an, knapp 100 000 Abonnenten zahlten dafür 22 Euro.
Auch die Stiftung Warentest lässt sich bereits seit gut einem Jahr Auskünfte im Netz bezahlen: 52 000 Euro kassierten die Berliner allein im September durch das Runterladen von Warentests, Artikeln und Dokumenten.
Und die Kontaktbörse Friendscout bietet ihren gut eine Million Mitgliedern seit drei Monaten einen besonderen Service: Sie können ihre Traumpartner sogar nach Kriterien wie Augenfarbe oder Lieblingsessen suchen - sofern sie 49,90 Euro für das Jahresabonnement zahlen. Schon 90 000 sind dazu bereit.
Online-Firmen, die Gewinne machen, Nutzer, die für Dienstleistungen zahlen, Branchen, die der Strukturwandel durchwirbelt - es hat sich einiges getan im Netz. Inzwischen steht fest: Die Internet-Wirtschaft wurde vorschnell verdammt, erst jetzt entfaltet das Medium die ökonomischen Effekte, die vor Jahren erwartet wurden.
»Wir erleben gerade erst Tag eins im Internet«, sagt Amazon-Chef Bezos, der sein Unternehmen vor sieben Jahren startete. »In den kommenden sieben Jahren«, so erwartet Bezos, »werden wir noch viel mehr Neues sehen.« ALEXANDER JUNG