New York Der große Terror-Schlussverkauf
New York - Bob Garfield kann sich in diesen Tagen nur noch aufregen. "Pervers" seien Werbekampagnen wie "Ford Drives America" oder "Keep America Rolling" von General Motors. "Ein Produkt zu kaufen ist kein patriotischer Akt", sagt der Kolumnist der Werbe-Fachzeitschrift "Advertising Age".
Doch die Werbekampagnen vieler großer US-Firmen suggerieren genau das. Shoppen sei die Pflicht jedes Amerikaners, jeder ausgegebene Dollar helfe dem Land. Die Dachorganisation der Modedesigner wirbt mit dem Slogan "Fashion for America. Shop to show your support". Die Fitnessclub-Kette New York Sports Club verbindet neue Beitrittsangebote mit der Aufforderung "Keep America Strong". Die Kreditkartenfirma Discover lockt ihre Kunden mit dem Angebot: "Jedes Mal, wenn Sie Ihre Discover Card benutzen, geben wir eine Spende an Amerikas Aufräumhelfer."
Für manche grenzt solche Werbung schon an Psychoterror. Garfield spricht angewidert vom "großen Terrorschlussverkauf". In seinen Augen hat die Profitgier mal wieder über den Anstand gesiegt. Doch wer will es den Werbern verdenken? Die Vorlage kam von ganz oben. Die Häuptlinge der Nation, US-Präsident George W. Bush und New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani, haben es den Leuten täglich eingehämmert: Gehen Sie einkaufen, um es den Terroristen zu zeigen. In San Francisco hat Bürgermeister Willi Brown Tausende von Plakaten an Geschäftsinhaber verteilt. Darauf zu sehen: eine amerikanische Flagge mit den Griffen einer Einkaufstasche. Ex-Präsident Bill Clinton war wenige Tage nach dem Desaster im NBA-Shop auf der Fifth Avenue - und zückte vor laufender Kamera sein Portemonnaie.
Aber fallen die Amerikaner wirklich auf die Patrioten-Masche herein? Anscheinend ja. In einer Umfrage der Firma Deloitte Research antworteten 73 Prozent, sie sähen Shoppen "als ihre Patriotenpflicht". Tausende sind bereits nach New York gereist, um Dollars in die verwundete Stadt zu pumpen.
Die größte Unterstützergruppe bisher kam aus dem US-Bundesstaat Oregon. Ein Geschäftsmann organisierte Anfang Oktober eine Luftbrücke der Solidarität unter dem Namen "Flight for Freedom" - mit riesigem Erfolg. 950 Bewohner von Oregon gingen in New York essen, shoppen und ins Theater, genau wie es sich Giuliani im Fernsehen gewünscht hatte. "Wir haben diesen Trip gemacht, weil der Bürgermeister von New York uns darum gebeten hat", sagt Vera Katz, die Bürgermeisterin der Stadt Portland. Eine noch größere Geste plant eine Gruppe aus Irvine im US-Bundesstaat Kalifornien. 10.000 sollen nach New York fliegen und ihren "ökonomischen Patriotismus" zeigen.
Das Tourismusbüro von New York unterstützt die Solidaritätsbewegung nach Kräften. In den nächsten Tagen wird eine Kampagne mit dem Motto "Paint the Town Red, White and Blue" starten. Die Botschaft: New York geht alle Amerikaner etwas an.
Lesen Sie im zweiten Teil, was die New Yorker beim Kauf bewegt - von wegen Patriotismus.
Die New Yorker selbst scheinen diese neue Form des Fähnchenwedelns noch nicht verinnerlicht zu haben. Einkaufen dem Vaterland zuliebe? Larry Khare kann mit dem Konzept nichts anfangen. "Letztes Wochenende habe ich 150 Dollar ausgegeben. War das gut für mein Land? Vielleicht. Aber vor allem war es gut für mich. Geldausgeben hat eine heilende Wirkung", sagt der Verkäufer aus Brooklyn.
Auch der 55-jährige John Martin singt nicht innerlich die Nationalhymne, während er vor den Regalen im Elektronik-Kaufhaus J&R steht. Der "Ground Zero" ist in Sichtweite. Doch Martins Gedanken sind woanders. "Meine Frau will einen Videorecorder. Deshalb bin ich hier."
Dass Patriotismus nicht der Ausschlag gebende Kaufimpuls ist, zeigt auch die Erfahrung der US-Autohersteller. Seit dem Start der neuen Werbekampagnen haben die Autoverkäufe der "Großen Drei" merklich angezogen - laut Aussagen der Händler aber vor allem wegen der starken Discounts. Alle Hersteller bieten zinsfreie Ratenzahlung für neue Autos. Ein 20.000-Dollar-Auto wird nach Händlerangaben dadurch rund ein Viertel billiger.
"Die Preise gehen überall runter wie verrückt", sagt Raymond Mathis, Analyst bei Standard and Poor's. "Das ist das einzige Mittel, um Kunden zu bekommen." Luxus-Anbieter wie der Juwelier Tiffanys, die sich aus Imagegründen nicht auf Sonderangebote einlassen, würden daher am härtesten getroffen.
Das Patrioten-Shopping werde keine große Wirkung hinterlassen, meint Mathis. Auf keinen Fall werde es den Negativtrend im Einzelhandel umkehren. Die sinkenden Verkaufszahlen zeigten deutlich: Viele Amerikaner haben einfach keine Lust auf Shoppen - oder kein Geld. "Es wird das schlimmste Weihnachten seit Menschengedenken", prognostiziert Carl Steidtmann, Chef-Volkswirt von Deloitte Research. Wie schlimm, ist noch nicht abzusehen.
Lesen Sie im dritten Teil, was für Weihnachten erwartet wird: Stars and Stripes bis zum Abwinken
Eines ist sicher: Weihnachten wird rot-weiß-blau. Vom Tannenbaum bis zum Weihnachtsmann wird kein Dekorationsobjekt verschont bleiben. Die Mill Corporation, die zwölf Shopping-Malls im ganzen Land betreibt, setzt ebenso auf "patriotische Themen" wie der weltgrößte Einzelhändler Wal-Mart. Das New Yorker Kaufhaus Macy's wird die traditionelle Thanksgiving-Day-Parade noch amerikanischer als gewöhnlich gestalten. Und in den Schaufenstern an der Fifth Avenue dominieren schon jetzt die Nationalfarben.
Aber werden diese Farben nicht irgendwann langweilig? Und Patriotismus als Werbebotschaft irgendwann unwirksam? Durchaus, sagt David Lubars, Chef der Werbeagentur Fallon. "Die Leute sind die Mitleidsanzeigen leid. Sie wollen nach vorne blicken", sagte er der "Chicago Tribune". Doch Mathis sieht noch kein Ende der rot-weiß-blauen Flut. "Patriotische Werbung könnte noch Jahre überdauern."