No Nokia? - DER SPIEGEL
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No Nokia?

Die eiskalte Unternehmenspolitik des Konzerns hätte einen schmerzhaften Boykott verdient - der aber zugleich absurd ist.
• aus DER SPIEGEL 5/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das deutsche Contact Center des finnischen Mobilfunkkonzerns Nokia verspricht, »immer ein offenes Ohr« für seine Kunden zu haben. Die Callcenter-Agenten dort sind freundlich, einsilbig und völlig überfordert von der Protestwelle, die neuerdings täglich über sie hereinbricht.

Egal übrigens, ob man sie wegen technischer Details kontaktiert oder für ihre Führungsspitze beschimpfen möchte - kostet alles die gleichen Gebühren: »79 Cent pro Minute aus dem Festnetz«. Sie hören sich alles an. Sie sagen, sie hätten auch eine eigene Meinung, aber die dürften sie natürlich nicht verraten. Das Unternehmen lässt sich auch noch die Wut seiner Kunden bezahlen. Diese Wut ist durchaus groß.

Von der SPD-Muräne Peter Struck über CSU-Verbraucherminister Horst Seehofer bis in die Niederungen der Bonner Stadtverwaltung hinein tut sich eine seltene bis seltsame Allianz auf: Verbraucher proben den Aufstand.

Sie alle telefonierten bisher mit Nokia-Handys. Nun ist Schluss. Jetzt soll sich endlich mal gewehrt werden gegen die hässliche Fratze des globalisierten Kapitals! Laut SPIEGEL-Umfrage wollen 49 Prozent der Bundesbürger die Produkte des Konzerns durch Boykott bestrafen. Die Empörung ist verständlich, populistisch und absurd zugleich.

Verständlich, weil Nokia wirklich keinen Fettnapf ausließ, sich als eiskalter Profitmaximierer zu gerieren. Das Bochumer Werk ist hochprofitabel, die Subventionen flossen reichlich. Doch zur gleichen Zeit, da in Bochum Tausende demonstrierten, ließ sich die Konzernspitze von ihren Shareholdern für Rekord-Milliardengewinne feiern.

Die Boykott-Träume sind aber auch populistisch bis absurd, denn was tat die gleiche, nun zeternde deutsche Politik, als BenQ im vorvergangenen Jahr seinen hiesigen Siemens-Ableger dichtmachte?

Am Donnerstag witzelte ARD-Unterhalter Harald Schmidt: »Deutsche, kauft nicht bei Finnen!« Aber bei wem dann? Bei den Japanern und Schweden von Sony Ericsson? Den Amerikanern von Motorola? Den Asiaten von Samsung? Nokia ist der letzte Konzern, der in Deutschland noch Handys herstellt. Andere Produkte sind ohnehin längst verschwunden.

Boykottiert Seehofer etwa die urdeutsche Textilfirma Boss, die ihre Anzüge mittlerweile gern in der billigeren Türkei schneidern lässt? Hat schon irgendjemand sein Blaupunkt-Autoradio weggeschmissen, das heute überwiegend in Billiglohnländern zusammengeschraubt wird?

Carrera-Rennbahnen kommen immer aus China, Steiff-Tiere immer wieder. AEG-Waschmaschinen werden unter schwedischer Ägide von polnischen Arbeitern gebaut. Adidas-Turnschuhe und Puma-Klamotten? Alles global gefertigt und dadurch deutlich günstiger. Seehofer bliebe noch Unterwäsche von Trigema oder ein Schlappen-Ensemble von Birkenstock.

»No Nokia« wird gar nichts ändern. Weder in den Bilanzen der Finnen noch in den Köpfen deutscher Verbraucher. Jeder dieser Boykott-Aufrufe ist letztlich ein irrationaler Angriff auf eine ebenso rationale wie rationalisierte Arbeitswelt.

Wer auch soll so etwas wie das Nichtstun der Verweigerung wahrnehmen? Allenfalls einer: jener Kunde, der nun für ein paar Sekunden den Guerillakrieger in sich spüren darf. Aktiv gerade in seiner Passivität. Es ist eine gefühlte Revolution, eine Protestillusion wie Internet-Seiten der Sorte sag-nokia-deinemeinung.de, die vergangene Woche Zulauf hatten. Im Gegensatz zur Nokia-Hotline kann man seinen Protest dort sogar gratis abladen. So günstig kann ein gutes Gewissen sein. Fast ein bisschen arg billig. THOMAS TUMA

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