Noch-Conergy-Chef Rüter "Wir stellen alles auf den Prüfstand"
SPIEGEL ONLINE: Herr Rüter, Sie haben Conergy vor fast zehn Jahren gegründet. Warum jetzt so plötzlich das Aus?
Rüter: Meine Stärke ist es, etwas aufzubauen - als Entscheider und unternehmerischer Kopf. In den letzten Jahren ist Conergy sehr groß geworden. Es geht jetzt darum, ein weltweites Unternehmen mit 2700 Mitarbeitern zu führen. Diese Aufgabe sollen darin erfahrene Top-Manager übernehmen.
SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie im Streit?
Rüter: Überhaupt nicht. Ich bleibe dem Unternehmen als Aktionär eng verbunden. Mein Nachfolger Dieter Ammer kennt Conergy von klein auf. In der Unternehmenspolitik wird es keinen Fadenriss geben.
SPIEGEL ONLINE: Dann hätten Sie auch bleiben können.
Rüter: Strategische Fragen sind etwas anderes als Führungsfragen. Conergy erhält jetzt ein international und konzernerfahrenes Führungsteam.
SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Tagen ist die Conergy-Aktie nach einer Gewinnwarnung um 35 Prozent eingebrochen. Ihr Aufsichtsratschef Ammer fragte daraufhin, ob Conergy alle seine Geschäftsfelder überhaupt noch gleichzeitig beherrschen kann
Rüter: Conergy braucht mehrere Standbeine - sowohl bei den Produkten als auch regional. Wenn sich ein Bereich schwach entwickelt, muss es andere geben, die das ausgleichen.
SPIEGEL ONLINE: Conergy ist weltweit aktiv, neben Solar auch bei Windkraft und Bioenergie. Vielleicht haben Sie sich übernommen?
Rüter: Nein, das ist eine ganz normale Portfolio-Frage. Und natürlich wird die neue Unternehmensführung das Portfolio überprüfen.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Conergy muss abspecken?
Rüter: Alle Bereiche müssen den gewünschten Ertrag liefern. Wir stellen alles auf den Prüfstand.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?
Rüter: Den Bereich Biogas schauen wir genau an.
SPIEGEL ONLINE: Und dann wird sich der Aktienkurs wieder erholen?
Rüter: Davon bin ich fest überzeugt. Conergy ist das größte Solarunternehmen Europas. Wir sind sehr gut aufgestellt.
SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung will die Vergütung für Solarstrom kürzen. Ein Problem für Ihr Unternehmen?
Rüter: Ich glaube nicht. Wir stehen schließlich nicht auf der Rohstoffseite, sondern kaufen und verkaufen Module. Wenn der Markt dreht, können wir preismäßig mitgehen. Nichtsdestotrotz halte ich die Pläne der Regierung für bedenklich: Der geplante Rückgang der Solar-Vergütung ist zu hoch.
SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt Spielraum für sinkende Preise?
Rüter: Der Solarmarkt wächst weltweit um 30 bis 35 Prozent pro Jahr. Gleichzeitig werden die Kapazitäten massiv ausgebaut. Das balanciert den Markt aus - und führt zu sinkenden Preisen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Solarwirtschaft (BSW). Werden Sie dieses Amt jetzt aufgeben?
Rüter: Im November stehen Neuwahlen an. Mehr kann ich noch nicht sagen.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich anderweitig als Unternehmer betätigen?
Rüter: Ich bin 41 Jahre alt, also habe ich noch etwas vor mir. Aber es gibt keine konkreten Pläne. Jetzt werde ich erst einmal Kraft tanken und mich um meine Familie kümmern. Später werde ich sicher etwas anpacken - das liegt in meinem Naturell.
Das Interview führte Anselm Waldermann