Noch perfider - DER SPIEGEL
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AUTO-INDUSTRIE Noch perfider

Innenminister Zimmermann setzt die Autoindustrie unter Druck: Sie soll, wie beschlossen, bis 1986 Neuwagen mit entgifteten Abgasen anbieten. *
• aus DER SPIEGEL 38/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Triumphierend ging VW-Chef Carl Hahn auf den Bonner Regierungssprecher Peter Boenisch zu: Das leidige Thema der Katalysatoren, so Hahn am Mittwoch vergangener Woche auf der Frankfurter Automobilausstellung, sei nun wohl vom Tisch.

Doch sein Gesprächspartner riet ihm, sich nicht zu früh zu freuen. Auch wenn der Einbau von Katalysatoren zur Entgiftung der Autoabgase nicht zwingend vorgeschrieben werde, bleibe das Ziel: Bis zum 1. Januar 1986 müßten alle

Neuwagen - wie auch immer - die niedrigen Schadstoffwerte der Auspuffgase erreichen, die der Katalysator schaffen könnte.

Da hatten Hahn und Kollegen einiges mißverstanden. In der Tat hatte die Bundesregierung in der vergangenen Woche erkennen lassen, daß sie nicht unbedingt auf Einführung der Katalysatoren bestehen werde. Doch das war kaum mehr als ein Achtungserfolg für Automanager, die von Anfang an gegen die Bonner Pläne Front machten.

Innenminister Friedrich Zimmermann nämlich hat keineswegs vor den lamentierenden Automanagern kapituliert. Die hätten, so der Innenminister in der Kabinettsrunde der vergangenen Woche, ihm zwar versichert, daß sie auch ohne die Katalysatoren die Abgase weitgehend entgiften könnten; sie bräuchten nur mehr Zeit - das aber habe er ihnen abgeschminkt.

Auf eine bestimmte Technik zur Abgasreinigung, sagt Zimmermann, käme es ihm gar nicht an, er wolle ja nicht den Erfindungsreichtum der Konstrukteure einschränken. Die Werte jedoch, die mit bleifreiem Benzin und Katalysatoren erreichbar seien, müßte die Autoindustrie schaffen - und zwar bis 1986. »Der geht mit der Autoindustrie genauso um wie mit den Türken«, kommentierte bewundernd ein Kanzlerberater.

Der Innenminister steht mit seiner harten Haltung längst nicht mehr allein. Selbst Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff setzte sich in Frankfurt für »klare Grenzwerte« ein, die nach der bereits entwickelten Technologie ein »Höchstmaß an Umweltschutz« brächten. Nur über den Weg zu diesem Ziel könne man reden.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth lobte den Minister. Die Kabinettsentscheidung für die Abgasentgiftung sei ein »Signal der Entschlossenheit, mit dem Umweltschutz auch im Verkehrsbereich Ernst zu machen«. Auf der Frankfurter Automobilausstellung forderte Späth die Hersteller auf, schon im nächsten Jahr Fahrzeuge mit Katalysatoren anzubieten. Wer ein solches Auto kaufe, sollte von der Kraftfahrzeugsteuer befreit werden.

Machbar wäre das schon. Denn bereits heute stattet die deutsche Autoindustrie einen Teil ihrer Wagen mit Katalysatoren aus - für den Export in die USA und nach Japan. Diese Fahrzeuge geben bis zu 90 Prozent weniger an giftigem Kohlenmonoxid, Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen ab.

Doch bislang haben sich die deutschen Produzenten nicht auf eine Linie einigen können. Massenhersteller wie VW, Ford und Opel behaupten, die technischen Probleme der Abgasentgiftung seien bis 1986 nicht lösbar; sie fürchten auch, daß der Katalysator die Autos unnötig verteuere.

Daimler-Benz dagegen hält Katalysatoren für zwingend erforderlich, wenn

die Abgasbelastung rasch und drastisch gesenkt werden soll. »Es war die Automobilindustrie selbst«, erinnerte Daimler-Chef Gerhard Prinz die Kollegen, »die den Hinweis gab, daß der Weg über die Katalysator-Technik beschritten werden müsse.«

Mehrfach versuchte Verbandspräsident Horst Backsmann, die Automanager auf einen Kurs zu bringen. Doch vergangene Woche wurde alles nur noch schlimmer.

BMW-Chef Eberhard von Kuenheim hatte schon in der Vergangenheit die Kollegen mit zustimmenden Bemerkungen über die Katalysator-Technik verärgert. In einem scharfen Brief war er deshalb kurz vor der Autoausstellung von Verbandspräsident Backsmann zur Solidarität mit den anderen Herstellern aufgefordert worden.

Von Kuenheim schien einzulenken. »Ich bin dagegen«, so der BMW-Chef vergangene Woche in einem SPIEGEL-Gespräch, »daß die Bundesregierung so konkrete technische Lösungen vorschreibt.« Die Bonner müßten auch ihren Zeitplan ändern, sonst werde es »für einige Jahre ganz gravierende Auswirkungen« bei den Firmen geben.

Einen Tag vor dem Beginn des Frankfurter Autospektakels jedoch klang alles wieder ganz anders. Seine Firma, so der BMW-Chef, könne zwar bis 1986 eine »reduzierte Modellpalette« umweltfreundlicher Wagen anbieten. »Wir unterstützen aber nachdrücklich die Argumentation der Hersteller, die dabei noch größere Probleme haben als wir.«

Der Schlag saß. »Das ist noch perfider«, ärgerte sich VW-Vorstandsmitglied Horst Münzner. »Einer muß den Mann stoppen.« So könne das nicht weitergehen, fand auch Ford-Chef Daniel Goeudevert: »Wir machen uns ja lächerlich.« Die Gefahr ist in der Tat groß. Bislang nämlich konnte keines der Argumente gegen eine rasche Abgasentgiftung so recht überzeugen.

So behaupten Gegner des Katalysators, die Montage dieses Gerätes würde einen Personenwagen um rund 1000, womöglich sogar um 2000 Mark verteuern. Stimmt nicht, stellt eine Studie des Umweltbundesamtes fest, die Innenminister Zimmermann noch unter Verschluß hält: Die Mehrkosten lägen »etwa bei 350 bis 600 Mark pro Fahrzeug«.

Im übrigen würde auch das bleifreie Benzin den Verbraucher nicht unnötig belasten. Wird es erst einmal an einer Vielzahl von Tankstellen vertrieben, so wird der Liter Normal nach den Berechnungen, die Zimmermann vorliegen, allenfalls um zwei Pfennig teurer.

Inzwischen allerdings haben die Gegner der Zimmermann-Pläne ein neues Argument parat, um den Start des umweltfreundlichen Automobils zu verzögern. Vor allem VW und Ford arbeiten an Magerkonzept-Motoren, die ein benzinarmes Gemisch verbrauchen. Sie sollen ähnlich gute Abgaswerte bringen, wie sie ein Katalysator schafft.

Die erstaunlichen Motoren haben leider einen Fehler - sie sind noch nicht fertig. Bestenfalls 1988 könnten die ersten Wagen in Serie gehen. _(Hessens Ministerpräsident Holger Börner, ) _(Bundespräsident Karl Carstens und ) _(Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff ) _(vor dem Modell eines Abgas-Katalysators ) _(auf der Frankfurter Automobilmesse. )

Hessens Ministerpräsident Holger Börner, Bundespräsident KarlCarstens und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff vor dem Modelleines Abgas-Katalysators auf der Frankfurter Automobilmesse.

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