Nokia: Das Spielzeug, das aus der Kälte kam - DER SPIEGEL
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Nokia Das Spielzeug, das aus der Kälte kam

Kaum eine Firma hat sich in den letzten zehn Jahren eine so starke Marktstellung erarbeitet wie der Mobilfunkkonzern Nokia. Mit ihren nordischen Tugenden sind die Finnen gegen fast jeden Angriff gefeit. Gefahr droht nur aus Asien.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Nokia-Chef Jorma Ollila einmal gefragt wurde, was die größte Gefahr für sein Unternehmen sei, antwortete er mit einem Wort: "Selbstgefälligkeit". Mit einem Lächeln bemerkt er jedoch kurz darauf, dass dies sehr unfinnisch wäre. "Finnen leben in einem kalten Klima, wir müssen anpassungsfähig sein, um zu überleben."

Längst geht es für den Mobilfunkgiganten nicht mehr um die Frage des Überlebens. Die Frage ist nun, ob die Finnen mit der dünnen Luft an der Spitze zurechtkommen werden. In rund einem Jahrzehnt hat Nokia   bei den drei großen M's die Konkurrenz weit hinter sich gelassen: Marke, Marge und Marktanteil.

Auch für die Zukunft wird den Finnen viel zugetraut. Wie die meisten anderen Analysten rät Merck-Finck-Analyst Theo Kitz zum Kauf der Nokia-Aktie: "Das Unternehmen hat den Wachstumsmarkt Mobilfunk früh erkannt. Vor allem in der Distribution der Handys wurde sehr schnell ein starkes Netzwerk aufgebaut. Hier ist Nokia absolut führend", sagt er. Seiner Ansicht nach ist Nokia für die Zukunft gut gerüstet. "Nokia ist der einzige große Player, der auf dem Handymarkt Gewinne macht. Und wenn der Konzern in so einem schlechten Jahr wie 2001 noch eine zweistellige Marge hat, wird er das in einem guten Jahr noch steigern können."

Jean-Marc Göttert, der das Buch: "Das Nokia-System" veröffentlicht hat, zweifelt nicht an der Stärke des Marktführers. Er glaubt, dass die Finnen längst zukunftsweisende Modelle und Technologien in der Schublade haben: "Von den Entwicklungszeiten her müssen die Designer und Ingenieure in Helsinki den Trends etwa zwei Jahre voraus sein - und bisher hat Nokia uns nicht enttäuscht."

Doch der Eiswind wird dem finnischen Spitzenreiter in Zukunft von allen Seiten um die Ohren pfeifen. Der Übergang von der Sprachtelefonie zur mobilen Datenkommunikation ruft neue, gefährliche Konkurrenten auf den Plan, das weiß auch Ollila. "Das ist eine große Veränderung der Vorzeichen", sagt er, "wir stehen vor der Herausforderung, in sehr viel unsicherem Gewässer zu segeln".

Die Software- und Computergiganten aus den USA haben den Handyherstellern das Feld der mobilen Kommunikation bisher weitgehend kampflos überlassen, das wird sich aber ändern. Intel und Microsoft, so erwartet man im Silicon Valley, werden sich auch bei den Handys bald der zentralen Komponenten wie Chips und Software bemächtigen. An deren übermächtiger Marktposition sind schon viele Einzelkämpfer gescheitert. "Ich sehe Nokia dem Pfad von Apple folgen", sagt Roel Pieper, ehemaliger Top-Manager von Philips, der "Business Week". Seiner Ansicht nach läuft Nokia Gefahr, zu einem Kultobjekt zu werden, das ständig an Einfluss verliert.

Lesen Sie im zweiten Teil, was Nokia unternimmt, um gegen die wachsende Konkurrenz aus den USA und Asien anzukommen.

Analyst Theo Kitz hält solche Befürchtungen allerdings für unbegründet: "Apple war nie Marktführer, Nokia dagegen dominiert den Handymarkt uneingeschränkt". Auch in Helsinki will man die Parallelen zum PC-Markt nicht gelten lassen. "Wer Personal Computer und Handys vergleicht, hat unsere Industrie nicht verstanden", sagt Vizepräsident Anssi Vanjoki, "wir verkaufen einen ständigen Begleiter, keine große Kiste".

In diesen trotzigen Worten wird auch eine zentrale Strategie von Nokia deutlich. Für die Finnen ist nahezu allein entscheidend, was die Handynutzer wollen. Ollila und sein Führungsteam haben hier vor allem die Jugend im Visier, denn die 14- bis 24-Jährigen wechseln ihr Handy am schnellsten. Laut eigenen Daten erwartet Nokia, dass rund die Hälfte binnen einem Jahr ein neues Gerät kaufen, rund 70 Prozent innerhalb von 18 Monaten. Deshalb setzt Nokia alles daran, bei dieser Zielgruppe zu landen. Monatelang wurde beispielsweise darüber nachgedacht, welche Bedienelemente Kunden brauchen, die nebenbei Skateboard fahren.

Aber auch im Business-Segment wird die Festung Nokia selbst für die Großen der Computerbranche schwer einzunehmen sein. Rund 13.000 Entwickler arbeiten in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen an Modellen und Software für die nächsten Mobilfunkgenerationen. Die Führungsspitzen haben außerdem begonnen, Allianzen zu schmieden. Im Bereich Software beispielsweise werden AOL, Sony und Nokia gegen die Vorherrschaft von Microsoft antreten. Bei der Vorstellung des neuesten Handy-Modells 7650 Ende November kündigte Ollila außerdem an, die eigene Software für Multimedia-Nachrichten auch an die Konkurrenz zu lizenzieren.

Dass die Nokia-Strategie aufgeht, zeigte sich auch im Markt für Personal Digital Assistants (PDA). Längere Zeit dominierten Palm und Compaq den Markt, aber als Nokia mit seinem neuen Communicator 9210 herauskam, war es damit vorbei: Im dritten Quartal 2001 zogen die Finnen auf dem europäischen Markt mit 152.000 verkauften Organizern an Palm (108.000) und Compaq (67.000) vorbei, so die Zahlen canalys.com.

Schließlich ist da noch die Konkurrenz aus Asien. Sony, Panasonic und Samsung sammeln in Japan derzeit wichtige Erfahrungen mit i-mode und können seit Walkman und Handycam auf eine Erfolgsgeschichte mit portablen Geräten zurückblicken. Hie wird der richtige Kampf erst beginnen, wenn sich die dritte Mobilfunkgeneration (UMTS) durchsetzt.

In Helsinki vertraut man aber darauf, weiterhin Trendsetter im Mobilfunk zu bleiben. Selbst die Japaner wären nicht so von ihrem Handy begeistert wie die Finnen, meint beispielsweise Janne Vanio, Vorstand des finnischen Telekommunikationskonzerns Sonera: "Für Finnen ist es leichter, mit einem Handy zu telefonieren, als direkt miteinander zu reden."