Nokias Pseudo-Entschuldigung Sorry, Bochum - und bye-bye
Espoo - Die Sicht reicht kaum hundert Meter weit, so dicht ist das Schneetreiben im südfinnischen Espoo, dem Hauptsitz von Nokia. Die moderne Glas-Stahl-Konstruktion liegt etwas abgelegen an einem zugefrorenen See. Hier präsentiert sich die Führung des Handyherstellers nun doch der Öffentlichkeit.
Erst sollte die Pressekonferenz zum vierten Quartal 2007 gar nicht stattfinden. Doch Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo hat aus dem Desaster in Bochum gelernt: Für eine gute Kommunikation braucht es mehr als nur schicke Telefone. Er gab die Schützenstellung gegenüber der deutschen Presse auf und zeigte Reue. Doch reicht das aus, um das Bild des Konzerns wieder ins Lot zu rücken?
Eine finnische Wirtschaftsjournalistin vermutet hinter der Geste des Bedauerns eher das Einknicken vor einem großen Absatzmarkt. Kallasvuo selbst windet sich: "Wir hätten es besser machen sollen, aber wir wissen nicht genau, was wir wie hätten besser machen können." Und später: "Jeder bei Nokia hat sein Bestes gegeben." Naja, immerhin hat er es versucht.
Bevor der solariumgebräunte Mann vertraulich wird, bevor er vor den zahlreichen deutschen Journalisten seine Brille abnimmt und die Stimme senkt, um über Bochum zu sprechen, will er die Erfolgsmeldungen zum vierten Quartal loswerden. Und die können sich sehen lassen: Ein Marktanteil von schätzungsweise 40 Prozent wurde erreicht. Der operative Gewinn stieg 2007 auf 7,985 Milliarden Euro von zuvor 5,488 Milliarden Euro, die operative Marge auf 15,6 von zuvor 13,3 Prozent. "Das erlaubt uns, weiter in Innovation für Wachstum zu investieren", lautet die Schlussfolgerung Kallasvuos.
Dann kommen die Erklärungen. Erklärungen, warum sich Bochum einfach nicht mehr rechnet, dass die "Dynamik der Branche" sich geändert habe, dass man diese Entscheidung nicht leichten Herzens getroffen habe. "Der Anteil der Lohnkosten in Bochum an den gesamten Lohnkosten des Nokia-Konzerns beträgt 23 Prozent", sagt er und fährt fort: "Währenddessen ist der Anteil des Produktionsvolumens nur rund sechs Prozent." Tortenschnitten-Diagramme leuchten an der Wand auf und zeigen, was Kallasvuo meint.
Weitere Zahlen folgen: "Während der Handelspreis der Handys seit 2003 von durchschnittlich 160 Euro auf 103 Euro gesunken ist, sind die durchschnittlichen Löhne in Bochum kontinuierlich gestiegen." Deutlich sichtbar kreuzen sich zwei Linien im Jahr 2007. "Nokia ist ein verantwortungsvolles Unternehmen, ein verantwortungsvolles Mitglied der Gesellschaft", sagt Kallasvuo und blickt ernst in die Runde. "Wir wollen aus dieser Situation herauskommen, als das verantwortungsvolle Unternehmen, das wir sind."
Gesucht sind "innovative Lösungen"
In der kommenden Woche will er sich nun mit Politkern aus Nordrhein-Westfalen und den Arbeitnehmern treffen und über "innovative Lösungen" sprechen. Konkreter wird er auch auf Nachfragen nicht. Angesprochen auf das Zusammentreffen mit einer Bochumer Mitarbeiterin, 18 Jahre lang bei Nokia beschäftigt und jetzt den Tränen nahe, verliert er kurz die Fassung. Er stottert ein wenig. Doch er fängt sich wieder und freut sich erneut "über diese Gelegenheit, mich zu entschuldigen". Auf die Frage, warum Nokia die Mitarbeiter so lange im Unklaren über die Pläne ließ, antwortet er: "Das stimmt so nicht. Es gab jahrelange Diskussionen mit den Mitarbeitern darüber, wie wir die Leistung des Werks verbessern können." Daran hätten wohl die Mitarbeiter das nahende Aus erkennen sollen.
Auch in der finnischen Presse wird Bochum immer mehr zum Thema. Während die Tageszeitung "Kauppalehti" den finnischen Unternehmen ein allgemeines Transparenzproblem attestiert, regt sich der Kommentator der "Helsingin Sanomat" über die Deutschen auf. Bei deren Selbstmitleid werde völlig übersehen, dass das deutsch-japanische Unternehmen Fujitsu-Siemens im Jahr 2000 ein Werk mit 400 Angestellten in Espoo geschlossen habe, um es nach Augsburg zu verlegen. Diese Zahl sei im Verhältnis von 82 Millionen Deutschen zu nur 5,3 Millionen Finnen zu sehen.
Aber eigentlich seien die Finnen froh über die Globalisierung, obwohl sie für Entlassungen und Verlagerungen auch aus Finnland sorge, sagt eine finnische Wirtschaftsjournalistin. "Vielleicht ist das auch eine Mentalitätsfrage." Im nordfinnischen Kemijärvi sei es viel schlimmer. Dort würde eine Papierproduktion von Stora Enso geschlossen und mehr als ein Drittel der Bevölkerung dort sei nun ohne Job. "Da oben gibt es keine Alternativen, nichts. Das ist nicht so wie in Bochum, im Herzen Europas."