Nordkorea: Gezerre um das Holland-Dorf - DER SPIEGEL
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Nordkorea Gezerre um das Holland-Dorf

Mit der Hilfe eines schwerreichen chinesischen Orchideenhändlers wollte Nordkoreas Führer Kim Jong-Il sein eigenes Hongkong erbauen. Doch er hat seine Rechnung ohne den mächtigen Nachbarn China gemacht.
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Nach außen hin beschwören die beiden Länder immer wieder ihre "profunde traditionelle Freundschaft" - so wie gestern beim Besuch von hochrangigen nordkoreanischen Politikern in Peking. Doch intern knirscht es im Verhältnis zwischen China und dem abgeschotteten Reich des "Lieben Führers und Generalissimus" Kim Jong-Il.

So sind die Chinesen nicht mit dem Reformtempo der Nordkoreaner zufrieden: Wenn die Nachbarn ihre Wirtschaft nicht sehr bald nach Pekinger Vorbild umkrempeln, so fürchten sie, droht das Land zusammenzubrechen. Das könnte die gesamte Region destabilisieren.

In den letzten Wochen, so berichten Kenner, gab es sogar richtigen Krach - und der Anlass ist eine Groteske, wie es sie in der internationalen Politik nur selten gibt.

Der Ort: Der Nordosten Chinas an der Grenze zu Nordkorea. Auf der einen Seite des Yalu-Flusses liegt die Stadt Dandong, deren Brücke während des Koreakrieges von amerikanischen Bomben zerstört wurde. Damals kämpften China und Nordkorea gemeinsam gegen die USA.

Auf der anderen Seite der Demarkationslinie liegt Sinuiju. Neugierige können von der Brücke hinüber spähen oder sich sogar mit Booten bis an das andere Ufer heranfahren lassen. Viel sehen sie allerdings nicht: der Ort liegt verborgen hinter Bäumen.

Niemand weiß deshalb so recht, was dort vor sich geht. Doch in den letzten Wochen drang aufregende Kunde über den Fluss - und wie so häufig bei Nachrichten aus dem sektenähnlichen Staat fühlten sich viele nach Absurdistan versetzt: Die 200 000-Einwohner-Stadt Sinuiju, bislang ein trauriger Flecken auf der Landkarte der bankrotten Planwirtschaft Nordkoreas, werde sich auf wundersame Weise in eine blühende Landschaft verwandeln, hieß es.

Pjöngjang plant nämlich eine Sonderwirtschaftsregion nach dem Vorbild von Hongkong oder Macau, in der ausländische Unternehmen fröhlichen Kapitalismus betreiben dürfen.

Verblüfft rieben sich die Chinesen die Augen, als der designierte Gouverneur Sinuijus vor die Kameras trat: Kein grauer nordkoreanischer Funktionär war das, sondern ein schillernder chinesischer Kaufmann mit niederländischem und nordkoreanischem Pass und Wohnsitz in China - der schwerreiche Orchideenhändler Yang Bing, dessen "Euro-Asia Agriculture Holding" an der Hongkonger Börse notiert ist.

Wie der 39-jährige Multimillionär zu der Gouverneursehre kam, liegt im Dunkeln. Seit mehreren Jahren hat Yang, der in der Nähe der nordostchinesischen Stadt Shenyang ein 34 Hektar großes "Holland-Dorf" mit Grachtenhäusern, einer Kopie des Amsterdamer Bahnhofs und Windmühle errichtete, viel Geld in Nordkorea investiert. Zudem soll er sich beim "Lieben Führer" mit einem Geschenk in Höhe von 20 Millionen Dollar beliebt gemacht haben, munkeln südkoreanische Geheimdienstler.

Doch die Karriere Yangs zum Herrscher über ein kapitalistischen Fürstentum am Yalu-Fluss endete, noch bevor sie begonnen hatte. Chinas Behörden setzten in seinem Haus fest, wo er sich bis heute aufhält. Er hatte es offenbar versäumt, mindestens 1,2 Millionen Yuan (150.000 Euro) Steuern sowie Kreditschulden von einigen hundert Millionen Yuan zu zahlen.

Finanzprobleme sind nicht der einzige Grund für den jähen Sturz: Vor allem waren die Pekinger sauer, dass Pjöngjang ihnen nichts über die ehrgeizigen Pläne an der Grenze berichtet hatte. Sie fürchten nicht nur Konkurrenz für das aufstrebende Dandong. Es passt ihnen auch nicht, dass sich womöglich amerikanische Firmen in dem militärisch sensiblen Grenzgebiet ansiedeln könnten.

So dürfte in diesen Tagen hinter den Kulissen Klartext geredet werden. Chinesische und nordkoreanische Diplomaten eilten bereits hektisch hin und her, um die Lage zu sondieren. Schon in den nächsten Wochen soll der "Liebe Führer" Kim Jong-Il nach Peking kommen, um sich anzuhören, was der mächtige Nachbar zu sagen hat.

Nach außen hin jedenfalls scheint er weiter fest entschlossen, Sinuiju zum Wirtschaftsdorado seines armen Reiches zu formen. Er ließ letzte Woche sogar eine Verfassung für die Sonderwirtschaftszone veröffentlichen: Sinuiju soll nach dem von Deng Xiaoping geprägten Motto "Ein Land - zwei Systeme" auf die nächsten 50 Jahre eine weitgehend autonome Regierung erhalten - mit Wahlen und einem gesetzgebenden Rat. Auch eine Fahne darf nicht fehlen: mit Pfingstrose auf blauem Grund.