Norwegen Das Heim als Aufbewahrungsanstalt
Zweimal in der Woche holt der Heimbus Gudrun Sand* zu Hause ab. Zusammen mit anderen Tagespatienten bringt er die 86-Jährige die paar Kilometer in ein Pflegeheim in Akershus nahe der norwegischen Hauptstadt Oslo. Am Samstag fährt die alte Frau selbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln - seit ihrer Hüftoperation im vergangenen Jahr fällt ihr das zunehmend schwer. Im Heim bekommt Gudrun Sand Essen, es gibt Programm für die alten Leute - Bücher werden vorgelesen, Filme gezeigt. 500 Kronen zahlt sie dafür, etwa 65 Euro im Monat. Gudruns Mann Olav* lebt seit zweieinhalb Jahren in dem Heim.
Der 84-Jährige ist seit langem schwer dement und Gudrun Sand kann ihn beim besten Willen nicht mehr alleine pflegen. Auch wenn die Unterbringung im Heim kaum finanzierbar ist: 80 Prozent seiner Rente, sagt die alte Dame, zahle sie für den Platz ihres Mannes. Und selbst das reicht noch nicht. Den Rest der Kosten übernehme immerhin der norwegische Staat. Insgesamt bleiben ihr selbst, zusammen mit ihrer eigenen Rente, etwa 1000 Euro im Monat - stellt man die norwegischen Lebenshaltungskosten in Rechnung, ist das nicht viel.
"Ich hatte noch Glück, denn mein Mann hat sofort einen Platz bekommen. Ich habe von anderen alten Menschen gehört, die eigentlich längst nicht mehr alleine leben sollen, aber keinen Platz in einem Heim kriegen." In Norwegen, sagt Gudrun Sand, versuche man die Menschen möglichst lange zu Hause zu behalten.
Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren die Berichte über den Pflegenotstand gehäuft. Es werde zunehmend schwieriger für alte Menschen einen Platz in den fast immer staatlichen Pflegeheimen zu bekommen, berichtete der Rundfunksender NRK kürzlich. Die meisten, die ins Heim kämen, seien schon über neunzig Jahre alt - und viel schwächer und kränker als die Heimplatzbewerber vor zehn Jahren. Die Qualität der Versorgung lasse nach, besonders schlecht sei die Situation im Raum Oslo. Es fehlt vor allem an Personal.
Auch Gudrun Sand macht sich große Sorgen: Ihr Mann habe zwar ein komfortables Einzelzimmer, aber die Betreuer wechselten ständig. Die meisten seien keine Vollzeitkräfte, hätten keine Pflegeausbildung und würden oft nicht einmal die Namen der Patienten kennen. "Zum Glück gibt es die vielen Ausländer, die als Pflegekräfte zu uns kommen, ohne die wüsste ich gar nicht, wie alles funktionieren soll."
Gudrun Sand ist in ständiger Sorge. Sie hat Angst, dass ihr Mann Olav nicht genug zu trinken bekommt - und die Ernährung in dem Heim stimme auch nicht, sagt sie. Nur zweimal in der Woche komme eine Lieferung von einer Großküche, an den anderen Tagen werde das Essen aufgewärmt. "Ich bringe immer frisches Gemüse mit", sagt sie. "Olav wird zwar versorgt, aber nicht besonders gut." Behandlungen bekomme er überhaupt nicht. Das Heim sei eine Aufbewahrungsanstalt.
Das Einzige, was ihrem Mann an Abwechslung noch bleibe, wenn sie ihn nicht besuchen könne, seien die Tierfilme, die im Fernsehen kommen. "Die nimmt er noch wahr und ich sehe, dass er sich drüber freut", sagt die 86-Jährige.
*Namen von der Redaktion geändert