USA Notfalls Gewalt
Von General Motors fordern sie den Boykott Südafrikas. Vom Ölkonzern Gulf Oil verlangen sie, auf Geschäfte mit Portugiesisch-Angola zu verzichten (Denn: »Gulf-Geld hilft Portugal, die Angolaner zu morden"). Und gegen den Photo-Konzern Polaroid zogen sie mit aggressiven Parolen wie »Die Jugend ist gegen Krieg und Faschismus« zu Felde: Amerikas Umweltschützer, Verbraucher- Anwälte und Sozialreformer sind angetreten, die Geschäftspolitik der großen Konzerne zu ändern -- notfalls mit Gewalt.
Jahrelang waren die Geschäftsleitungen der US-Konzerne gewohnt, bei Hauptversammlungen Routine-Einwände von Berufsquerulanten abzuwimmeln. Heute müssen sie es sich gefallen lassen, daß die Opponenten an die Geschäftsgrundlagen rühren. Denn die Konzern-Kritiker haben die politische und soziale Mitverantwortung der Großunternehmen im Visier.
Noch im vergangenen Jahr haben die Mitglieder von Protestverbänden sich überwiegend darauf beschränkt, mit Demonstrationen, Transparenten und Sprechchören die Schwächen des Big Business bloßzulegen. Jetzt aber versuchen die Reformer, die Aktionäre der Konzerne für ihre Ziele zu mobilisieren.
Dabei bedient sich die neue Hauptversammlungs-Apo einer Taktik, die der Sozialreformer Saul Alinsky 1967 erstmals erfolgreich angewendet hatte. Damals überzeugte er Tausende von Kodak-Aktionären, bei der Hauptversammlung für die Einstellung schwarzer Arbeitskräfte zu stimmen. Mit den gesammelten Stimmen seiner Sympathisanten zwang Alinsky den Photo-Konzern in Rochester (US-Bundesstaat New York), Hunderte von schwarzen Arbeitskräften einzustellen. In einem Lehrbuch ("Regeln für Radikale") prophezeite Alinsky, der Stimmrechtskampf könne die »Demokratisierung der amerikanischen Gesellschaften« herbeiführen.
Nach Alinsky-Vorbild startete im vergangenen Jahr auch Amerikas Konsumenten -Anwalt Ralph Nader einen Stimmrechtsfeldzug gegen General Motors ("Campaign GM"), den größten Konzern der Welt. Nader und Freunde wollten die Leitung des Detroiter Riesenunternehmens zwingen, Vertreter von Verbraucherverbänden, Umweltschützern und rassischen Minderheiten in die Firmenleitung aufzunehmen --
Zwar unterlagen Nader und seine Anhänger in der Hauptversammlung. Aber der Publizitätserfolg der »Campaign GM« war so groß, daß die Geschäftsleitung inzwischen freiwillig wesentliche Forderungen der Reformer erfüllte: Anfang dieses Jahres wurde Leon H. Sullivan als erster Neger in die Schar der 23 General-Motors-Direktoren aufgenommen (SPIEGEL 19/ 1971). Außerdem bildete GM-Chef James Roche ein Komitee für soziale Fragen und läßt heute regelmäßig einen Teil der Firmengelder über schwarze Banken laufen.
Auch andere Firmen, wie der Getränke-Konzern Coca-Cola, entdeckten ihr soziales Gewissen. »Wir waren ja so entsetzt«, bekannte ein Coca-Cola-Angestellter, »als wir gewahr wurden, wie unsere Saisonarbeiter in Florida leben. Wir haben da gleich für anständige Unterkunft und Bezahlung gesorgt.«
Manche Unternehmen freilich fördern soziale Projekte auch außerhalb des eigenen Betriebs. So gibt der Nahrungsmittel-Konzern Quaker Oats den größten Teil seines 20-Millionen-Dollar-Werbeetats dafür aus, pädagogisch wertvolle Filme in das Programm mehrerer amerikanischer Fernsehanstalten zu lancieren.
Auch Amerikas Investment-Gesellschaften sind inzwischen dahintergekommen, daß sich mit der sozialen Masche Geld verdienen läßt. So gründete Howard Stein, Chef der Dreyfus-Fondsgesellschaft. einen neuen Fonds. Third Century Fund, der nur in Gesellschaften investiert, »die helfen, die Qualität des Lebens in Amerika zu verbessern.
Von der Sozial-Welle überrollt, beginnen inzwischen auch US-Ökonomen, die Firmenziele amerikanischer Unternehmen zu überdenken. Bisher hatten die meisten von ihnen das Firmenziel der US-Bosse nach der klassischen Kapitalisten-Devise definiert -- die Maximierung des Gewinns. Heute ist sogar der liberale Henry Wallich von der Vale University der Auffassung, Unternehmer und Aktionäre müßten auch an anderen Zielen, etwa an einer verbesserten Umwelt, Interesse haben. »Es ist deshalb nicht mehr als legitim«, lehrt Wallich, »wenn ein Teil der Gewinne vom Management für soziale Projekte ausgegeben wird.«
Rodman Rockefeller, Sproß der New Yorker Unternehmer-Dynastie, bestätigt: »Konzern-Management ist eine Form von privater Macht, deren wesentliche Pflicht es ist, wohltätig für alle zu sein, die von ihm abhängen.«
Um solcher Wohlfahrt willen, so verlangt Vale-Professor Robert A. Dahl. müßten Vertreter allgemeiner Interessen in die Firmenleitungen aufgenommen werden. »Es wäre«, meint Dahl, »sehr amerikanisch, das zu tun.«
Wo freilich die Grenzen des richtigen Sozialverhaltens der Unternehmer liegen sollen, ist Theoretikern und Praktikern noch unklar. »Wieviel muß man tun«, fragte etwa Ralph E. Word, Chef der New Yorker Firma Chesebrough Pond's Inc., »und wer bestimmt, wann man genug getan hat?«
Richard J. Barber, einst Antitrust-Berater des Senats: »Wir brauchen neue Gesetze. Wir dürfen es nicht den Firmen überlassen, die Gesellschaft von morgen nach ihrem Bild zu formen.«