Notfalls liquidieren - DER SPIEGEL
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Manager Notfalls liquidieren

Bundesbahn-Chef Gohlke soll die Volkseigenen Betriebe der DDR privatisieren.
• aus DER SPIEGEL 28/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den ersten Kandidaten brachte die FDP ins Spiel. Ihr ehemaliger Wirtschaftsminister Hans Friderichs war erst kürzlich als co-op-Sanierer zurückgetreten, jetzt sucht er einen neuen Job.

Der zweite machte selbst auf sich aufmerksam. Der abgewählte Ministerpräsident von Niedersachsen, Ernst Albrecht, fühlt sich ebenfalls nicht richtig ausgelastet. Der wichtige Wirtschaftsposten in Berlin wäre für den ehemaligen Bahlsen-Manager genau das Richtige gewesen.

Doch Kanzler Helmut Kohl, der die Personalie zur Chefsache erklärt hatte, wollte keinen von beiden. Vor drei Wochen bot er den Posten einem Sozialdemokraten an: Der Vorstandsvorsitzende der Hoesch AG, Detlev Karsten Rohwedder, 57, sollte Chefmanager der Ost-Berliner Treuhandanstalt werden.

Der einstige Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium und erfolgreiche Sanierer des Dortmunder Stahlkonzerns lehnte die Offerte ab; er mochte seinen Hoesch-Posten nicht aufgeben.

Schließlich einigten sich der Kanzler und sein Kandidat auf einen Kompromiß. Der Stahlmanager übernimmt den Vorsitz im Verwaltungsrat der Treuhandgesellschaft, einer Art Aufsichtsrat. Für den Chefposten, so Kohl zu Rohwedder, solle er selbst einen geeigneten Mann suchen.

Den hat der Aufseher der Treuhandanstalt inzwischen gefunden: Rohwedder entschied sich für Reiner Maria Gohlke, 55, Vorstandsvorsitzender der Bundesbahn.

Auf das Gespann wartet die wohl schwerste Aufgabe, die derzeit in Deutschland zu vergeben ist: die Privatisierung der Volkseigenen Betriebe. Sie ist für den Ökonomen Horst Siebert »der Knackpunkt des Übergangs von der Planwirtschaft in ein marktwirtschaftliches System« (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 72).

Die Ost-Berliner Anstalt ist der größte Konzern der Welt: Sie beherrscht, als Holding, die rund 8000 Volkseigenen Betriebe und Kombinate. Die Superfirma beschäftigt über sechs Millionen Arbeitnehmer.

Das Firmenvermögen, das die Treuhandanstalt verwaltet, wurde vor kurzem auf 650 Milliarden Ost-Mark geschätzt. Was es in D-Mark noch wert ist, weiß niemand zu sagen. Jetzt soll alles versilbert werden.

Die Kombinate und VEB werden in GmbH oder Aktiengesellschaften umgewandelt. In jedem Einzelfall muß die Anstalt entscheiden, wie die Überlebenschancen der Betriebe einzuschätzen sind und mit wem sie kooperieren könnten. »Es wird höchste Zeit«, sagt Rohwedder, »die Kombinate zu privatisieren, zu sanieren und notfalls zu liquidieren.«

In seiner konstituierenden Sitzung am Freitag dieser Woche wird der Verwaltungsrat in Berlin die Arbeit aufnehmen. Für das Kontrollgremium verpflichteten Rohwedder, das Kanzleramt in Bonn und DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere 16 Ratsmitglieder, davon die Hälfte aus der Wirtschaft des Westens.

Möglichst viele Branchen sollten im Kontrollrat vertreten sein. So rückten beispielsweise die Manager Hans-Olaf Henkel (IBM Deutschland), Klaus Piltz (Veba) und Andre Leysen (Agfa-Gevaert, Antwerpen) in das Aufsichtsgremium ein.

Die Kandidatenkür für den Verwaltungsrat lief für Rohwedder äußerst glatt. Mehr Probleme bereitet ihm die Besetzung des Vorstands. Zwei Mitglieder stellt die DDR, auf deren Auswahl hat Rohwedder keinen Einfluß. Die beiden Wessis neben Gohlke kann er selbst bestellen.

Einer hat schon zugesagt: Manfred Schüler, einst Staatssekretär unter Kanzler Helmut Schmidt, heute Vorstandsmitglied der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Außerdem wollte Rohwedder Johann Wieland aus dem Direktorium der Deutschen Bank gewinnen. Doch der sagte am vergangenen Freitag aus persönlichen Gründen ab, Rohwedder muß weitersuchen.

Vorstandschef Gohlke soll möglichst schnell im früheren Haus der Elektroindustrie am Alexanderplatz die Arbeit aufnehmen. Sie wird mit einem Jahresgehalt belohnt, das in der Nähe von einer Million Mark liegt.

Gohlke fällt der Abschied aus dem Bahn-Job nicht allzu schwer. Der frühere IBM-Manager hatte ständig Probleme mit Verkehrsminister Friedrich Zimmermann und dessen Beamten, die hatten für den forschen Umbau des Schienenunternehmens in ein modernes Verkehrssystem nicht viel Verständnis.

Während sich Gohlke bei der Bahn, wie zuvor schon bei IBM, überwiegend um Marketing und neue Kunden kümmern mußte, hat er nun ein völlig anderes Aufgabengebiet. Sein Erfolg hängt wesentlich davon ab, ob es ihm gelingen wird, möglichst viele DDR-Firmen vor dem Konkurs zu bewahren.

Zunächst muß Gohlke im neuen Amt aufräumen. Die Treuhandanstalt war im März noch unter dem damaligen DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow geschaffen worden, mit ganz anderer Zielsetzung. Die Behörde sollte einen Rest von Sozialismus über die Wirren der Zeit retten. Für westdeutsche Investoren galten sehr restriktive Gesetze, die DDR-Betriebe sollten mehrheitlich im Volkseigentum bleiben.

Die Auswahl der Führungsmannschaft entsprach diesen Zielen. Verdiente Vertreter der alten SED-Garde fanden hier eine neue Aufgabe. Das Wort Privatisieren zählte nicht zu ihrem Sprachschatz. Nach der Wahl in der DDR blieben die Verwalter des Volksvermögens ihren alten Idealen treu: Sie behinderten die marktwirtschaftliche Erneuerung, so gut sie konnten.

Nach monatelanger Arbeit hat die Treuhandanstalt bisher nur ein knappes Viertel der Betriebe in Aktiengesellschaften oder GmbH umgewandelt. Westdeutsche Investoren, die sich beteiligen wollten, kamen nicht weiter.

Nicht minder schwer ist eine andere Altlast, die Rohwedders Mannschaft erwartet. Die Vorgänger hatten ihre Stellung zur Pfründenwirtschaft genutzt und ihre Parteigenossen mit Posten in den neuen Betrieben versorgt.

Doch Vorstand und Verwaltungsrat werden nicht nur mit der alten Mannschaft Probleme haben. Auch einige aus der neuen Besetzung werden argwöhnisch betrachtet, zumindest in der DDR.

Veba-Chef Piltz beispielsweise könnte als Verwaltungsrat in Interessenkonflikte geraten. Die Veba-Tochterfirma Stinnes will sich mit Zustimmung der Anstalt die besten Standorte für Baumärkte und den Baustoffhandel in der DDR einverleiben. Mit ihrer Tochterfirma Preussen-Elektra strebt die Veba im Zusammenspiel mit RWE und Bayernwerk in der DDR ein Stromkartell an. Piltz wirbt derzeit landauf, landab für dieses Vorhaben.

Fraglich ist auch, ob Horst Pastuszek vom Kaffeekonzern Tchibo im Verwaltungsrat die Interessen der Anstalt von seinen eigenen sauber zu trennen vermag. Tchibo hat inzwischen 2200 Kaffeedepots über die DDR verstreut.

Die Nachfrage nach Kaffee aus dem Westen ist so stark, daß die Produktion der DDR-Röstereien auf die Hälfte abgesackt ist. Im Verwaltungsrat wird Pastuszek womöglich schon bald mit seinen Kollegen über eine Reihe von Röstereikonkursen beraten müssen.

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