Notfalls Striptease - DER SPIEGEL
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Immobilien Notfalls Striptease

Babelsberg soll wieder Filmmetropole werden. Bislang bringen nur Betriebsfeste und Besichtigungen etwas ein.
• aus DER SPIEGEL 34/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Groß war ihm nicht groß genug. »Größenwahnsinnig wollen wir sein«, bekannte Volker Schlöndorff im August 1992 - eben erst war der Filmemacher zum Manager geworden.

Auf jenem 46-Hektar-Areal bei Potsdam, wo einst Adolf Hitler und dann Erich Honecker ihre Filme produzieren ließen, wollte der neue Geschäftsführer der Studio Babelsberg GmbH das deutsche Kino wieder »auf kosmopolitische Füße« stellen. Aus den Trümmern der Filmstadt Babelsberg sah Schlöndorff schon ein »europäisches Hollywood« entstehen.

Der Begeisterung folgte schnell die Ernüchterung. Nach zwei Jahren auf dem Chefsessel ist Schlöndorff, der Mann aus der Traumwelt des Kinos, in der Realität gelandet. An die großen Worte von einst erinnert er sich nur noch ungern. Sie sind als »Lernprozeß« weggebucht.

Heute hascht der Filmemacher jedem noch so kleinen Auftrag hinterher. Die besten Geschäfte macht er mit Autofirmen, Banken und Industriekonzernen, für die er in der Filmstadt Ausstellungen, Betriebsfeiern und Händlertagungen organisiert.

»Wenn es dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern nützt«, sagt Schlöndorff, »mache ich sogar Striptease auf dem Studiodach.«

Den Schwenk vom Schöngeist zum Geschäftsmann haben die trostlosen Bilanzzahlen erzwungen. Die Filmstadt, die der französischen Compagnie Immobiliere Phenix und der britischen Chelsfield Property Group gehört, macht 1994 im operativen Geschäft rund acht Millionen Mark Verlust. Für jede Mark, die in die Kasse kommt, zahlen die Eigentümer gut 20 Pfennig drauf.

Der große Verlustbringer ist das traditionelle Filmgeschäft. Drei große Kinoproduktionen, darunter der Psychothriller »La Machine« mit Gerard Depardieu, holte Schlöndorff für dieses Jahr nach Babelsberg. Und er weiß: »Wir könnten dreimal soviel Aufträge vertragen.«

Bei Dienstantritt hatte der Oscar-gekrönte Filmemacher ("Die Blechtrommel") die Fernsehproduzenten noch wie kulturelle Sittenstrolche behandelt. Deren Serien machte er für den Verfall der Kinokultur verantwortlich.

Von dem Roß ist er inzwischen herunter. Heute ringt Schlöndorff bei den öffentlich-rechtlichen Sendern um jede Seifenoper. »Ich bin zum Klinkenputzer geworden«, bekennt er nicht ohne Fröhlichkeit.

Die Fernsehanstalten jedoch produzieren noch immer lieber in Köln und München, und das bringt den Mann in Babelsberg in Rage. »Die verweigern sich der nationalen Solidarität«, schimpft er, »obwohl wir mit unseren Preisen alle unterbieten.« ARD und ZDF haben 1993 und 1994 keinen direkten Produktionsauftrag nach Babelsberg vergeben.

Rentabel ist in der Filmstadt bisher nur jener Geschäftszweig, der mit den traditionellen Dreh- und Schneidearbeiten wenig zu tun hat. Die Babelsberg Studiotour GmbH, eine 100prozentige Tochter der Studio Babelsberg GmbH, erwartet bei 15 Millionen Mark Umsatz erstmals einen kleinen Gewinn.

Das Unternehmen karrt Touristen durch die einst fürs Publikum verschlossene Filmstadt. Mit der Bimmelbahn geht's vorbei an den Kulissen zum »Kleinen Muck« und weiter zur »Marlene-Dietrich-Halle«. Requisiten erinnern daran, daß hier einst Heinz Rühmanns »Feuerzangenbowle« und Manfred Krugs »Spur der Steine« entstanden.

In einer aufwendigen Schau zeigen sieben Stuntmen und ein Stuntgirl die Tricks ihres Gewerbes; mit Lastwagen, Pkw und Motorrad werden Unfälle inszeniert, bis das Gejohle der Kinder das Krachen der Fahrzeuge übertönt. Die Studiotour lockte bis Mitte August rund 350 000 Besucher, vor allem aus Ostdeutschland.

Das von einst 80 auf heute 160 Mitarbeiter aufgestockte Tochterunternehmen ist vor allem der Industrie- und Bankenwelt zu Diensten. Der Hauch von Filmgeschichte, der das Gelände durchweht, wird jetzt geschickt vermarktet.

Wo einst Fritz Lang sein »Metropolis« drehte, lud der Lebensmittelfilialist Rewe erst kürzlich zum »Happy-Family«-Tag - immerhin 60 000 Kinder kamen. Wo Marlene Dietrich sich als »Blauer Engel« in die Unvergeßlichkeit sang, feierte die Mittelbrandenburgische Sparkasse aus Potsdam ihr Betriebsfest; es tanzte das Sparkassenballett.

Der Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie veranstaltete in der Kinostadt sein Symposium »Fernsehen im Breitbildformat«. Der Zigarettenkonzern Reemtsma ließ hier das Containerdorf »Westylonia« bauen, das, gefüllt mit fühl- und hörbarer Computerkunst, derzeit als Wanderausstellung durch die Großstädte zieht.

In den Hallen des Geländes läßt sich vor allem ungestört feiern - heute Techno-Party, morgen Treuhand-Fete. Bleibenden Eindruck hinterließ ein Händlertreffen des japanischen Autokonzerns Mazda. Der Geschäftsführer der Studiotour, Friedhelm Schatz, erinnert sich: »Da wurde unbeschreiblich viel gesoffen.«

Auch die einstigen Kulissenbauer, vor allem Schreiner, Maler, Elektriker, können über Aufträge nicht klagen. Eben erst haben sie für die Ausstellung »Expo 2000« überlebensgroße DDR-Produkte nachgebaut. Praktika-Kameras, Rotkäppchen-Sekt und ein begehbarer Mikrochip illustrieren die Wirtschaftsgeschichte der untergegangenen DDR.

Andere Firmen aus der Medienbranche sollen helfen, das Gelände neu zu beleben. Schlöndorffs Akquisitionstour durch Sendeanstalten und Produktionsfirmen brachte viele Absagen, doch einige ziehen mit.

Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg hat sein Sendezentrum mittlerweile auf das Areal verlegt. Die Bertelsmann-Tochter Ufa plant einen Neubau, kümmert sich in einem Jointventure mit der Schlöndorff-Firma von Babelsberg aus um Fernseh-Koproduktionen. Auch zahlreiche Mittelständler, vor allem Grafikstudios und freie Produktionsteams, sind in der »Media-City« (Eigenwerbung) zu Untermietern geworden.

Seine Filmpläne hat Schlöndorff nicht aufgegeben - nur abgespeckt. Allen Schwierigkeiten der europäischen Filmbranche zum Trotz will er in den nächsten Jahren zweistellige Millionenbeträge in moderne Aufnahmestudios investieren. Wenn der internationale Kinofilm nicht kommt, sollen hier wenigstens Werbespots und TV-Filme entstehen.

Die französischen und britischen Käufer haben sich gegenüber dem Verkäufer Treuhand verpflichtet, bis zum Jahr 2002 das Filmgeschäft zu betreiben. Erst wenn die roten Zahlen bis dahin nicht verschwunden sind, wird das Projekt »Filmstadt« vom Spielplan abgesetzt. Dann folgt ein schon anderswo uraufgeführtes Drama: der große Immobilienschacher.

Der französische Mit-Geschäftsführer Pierre Couveinhes, der auf derselben Etage wie Schlöndorff residiert und in Babelsberg die Eigentümerinteressen vertritt, spricht ohnehin lieber über Hektarzahlen und Quadratmeterpreise. Seine Hand fährt über die Karte des Filmgeländes wie ein Bulldozer. »Diese Baracken müssen weg. Hier kann Bürofläche hin. Dort wird ein Hotel entstehen.«

Das riesige Filmgelände, heute noch von grünem Wildwuchs durchsetzt, ist in Couveinhes' Planspielen bereits komplett verbaut. Etwa 200 000 Quadratmeter Bürofläche sollen entstehen, Gewerbehöfe mit 88 000 Quadratmetern sind geplant, weitere 70 000 Quadratmeter sind für den Neubau von Wohnungen und Stadtvillen vorgesehen.

Am Rande der »Medienstadt Babelsberg« wird ein Hotel stehen, 120 Zimmer der gehobenen Preisklasse. Dem traditionellen Filmbetrieb bleibt, wenn die Grobplanung Realität wird, noch ein Drittel des Geländes. Eine eigene Entwicklungsgesellschaft, die Euromedien GmbH, treibt die Pläne voran.

Schlöndorff leistet keinen Widerstand. Will er das Studiogelände vor der Total-Vermarktung retten, muß er sich mit Couveinhes arrangieren. Der Immobilienexperte verdient schließlich das Geld, das der Filmemacher in seine Studios investieren darf.

Auch Couveinhes ist auf Schlöndorff angewiesen. Erst der ideenreiche Filmemacher erhebt mit seinen Filmaktivitäten die Immobilie zur internationalen Attraktion. Schlitzohr Schlöndorff: »Die Immobilienvermarktung braucht die Glaubwürdigkeit eines funktionierenden Studiobetriebes.«

Wochenlang residierten die beiden ungleichen Geschäftsführer in einem Büro. Sie umschlichen einander, lernten sich kennen und wurden schließlich zu Duz-Kollegen.

Der Alt-Linke Schlöndorff hat sein Mißtrauen gegen den Immobilienmann mittlerweile abgelegt. In einem Vortrag über den Wandel in Ostdeutschland bekannte er: »Was sich am meisten gewandelt hat, bin ich selbst.« Y

Die beiden ungleichen Geschäftsführer umschlichen einander

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