LANDWIRTSCHAFT Null Einfluß
Immer, wenn im Bund oder in einem Land Wahlen anstehen, versprechen die Ministerpräsidenten und Agrarpolitiker der Union verbitterten Bauern eine rosige Zukunft.
Aus Weizen, Kartoffeln und Rüben die niemand kaufen mag, könnten die Landwirte mit Unterstützung aus Bonn schon bald Bio-Sprit filtern. Stroh, Raps Wolfsmilch und vielleicht sogar exotisches Elefantengras sollen, zu Industriefetten oder einfach zu Briketts verarbeitet, dem Nährstand reiche Erträge bringen. »Nachwachsende Rohstoffe« heißt das Zauberwort.
Von solcher Zukunft schwärmte vor der Niedersachsen-Wahl im Juni vergangenen Jahres Wahlkämpfer Ernst Albrecht. Dafür begeisterten sich die Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und Bernhard Vogel, als sie vor ihren Provinz-Wahlen das Landvolk mit »Jahrhundertverträgen« zu ködern versuchten.
In den nächsten Wochen wird Bonns Forschungsminister Heinz Riesenhuber dem Thema wieder mal eine Pressekonferenz widmen. Im September ist schließlich Wahltag im Agrarland Schleswig-Holstein.
Dann wird auch Ministerpräsident Uwe Barschel seine bäuerliche CDU-Klientel mit dem Bio-Sprit locken. Er
kann sich sogar auf die Bonner Koalitionsvereinbarung berufen. Darin haben Union und FDP den Bauern die »Förderung der Produktion nachwachsender Rohstoffe« fest zugesagt.
Einer in der CDU kann das alles überhaupt nicht verstehen: der Ex-Abgeordnete Josef Bugl, in der vergangenen Legislaturperiode Vorsitzender der Enquete-Kommission »Abschätzung und Bewertung von Technik-Folgen«.
Bugl hält es für abwegig, Millionen von Hektar, die für den Anbau von Nahrung nicht mehr gebraucht werden, für die Produktion von Industrierohstoffen zu nutzen. Fern von Bonn, bei einer Fachtagung in der abgehobenen Atmosphäre der Politischen Akademie Tutzing, rühmte der Christdemokrat sich Ende Mai noch, dank seiner Mühen sei das Thema endgültig erledigt.
Bugl ist kein Mitglied der Agrarlobby, er ist Physikochemiker. Im Bundestag kämpfte er für eine bessere Information der Abgeordneten. Das Parlament soll durch wissenschaftliche Beratung in den Stand versetzt werden, erwünschte und negative Folgen parlamentarischer Mehrheitsentscheidungen über den Einsatz neuartiger Techniken besser gegeneinander abwägen zu können.
Um den Nutzen einer solchen Beratung zu demonstrieren, hatte seine Kommission die Braunschweiger Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft beauftragt, die Chancen »nachwachsender Rohstoffe« exemplarisch zu untersuchen. Die Expertise fiel vernichtend aus.
Die Forscher gingen davon aus, daß bis zum Jahr 2000 in der Bundesrepublik etwa vier Millionen Hektar der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche von ungefähr zwölf Millionen Hektar nicht mehr gebraucht werden. Sollten die Bauern auf dieser Fläche Pflanzen zur Rohstoffgewinnung anbauen, käme dafür nur die Produktion irgendeiner Art von Agrartreibstoff in Frage.
Die Technik, aus Rüben oder Kartoffeln Bioethanol zu gewinnen, ist im Prinzip vorhanden. Um das Zeug abzusetzen, könnte die Industrie per Gesetz gezwungen werden, dem herkömmlichen Sprit fünf Prozent Landsprit beizumengen. So könnten etwa 1,8 Millionen Hektar genutzt werden.
Es wäre eine teure und schädliche Landhilfe. Selbst wenn Erdöl, gegen das Ethanol vom Lande konkurrieren müßte, doppelt so teuer wäre wie heute, müßte die Energie vom Acker noch hochgradig subventioniert werden. Überdies würde durch den Anbau von Industriepflanzen, für die ordentlich Gift gespritzt wird, die Umwelt ruiniert.
Sinn machen höchstens einige Spezialpflanzen zur Deckung eines begrenzten Bedarfs an besonderen (Ölen und Fetten; den Bauern ist damit nicht zu helfen, der Anbau bringt zuwenig.
Die Untersuchung aus Braunschweig habe zwar noch viele Mängel, räumte in Tutzing der Systemanalytiker Helmar Krupp vom Karlsruher Fraunhofer-Institut ein. Ein Ergebnis aber könne jetzt nicht mehr angezweifelt werden: Eine massive Förderung von Bioethanol oder einer anderen Energiegewinnung aus Pflanzen sei nichts anderes als »die Fortsetzung der traditionellen Agrarpreispolitik mit anderen Mitteln«.
Dieses vernichtende Fazit hatte Bugl schon im vergangenen Jahr dem Bonner Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle und den Agrarfachleuten seiner Partei vorgetragen. Stolz wertete er später die Untersuchung als Beweis für den Nutzen der von ihm verlangten Beratung des Parlaments, wie sie in den USA seit Jahren erfolgreich praktiziert wird.
Es kam dem Naturwissenschaftler überhaupt nicht in den Sinn, daß die Parteifreunde in Kenntnis dieser Argumente einfach weiterreden würden wie zuvor. Noch vor drei Wochen in Tutzing glaubte Bugl belegt zu haben, »inwieweit solche Studien politisch relevant sein könnten«.
Doch Bugl irrte. Das Wirken des Ex-Abgeordneten, urteilt ein Christdemokrat, habe »null Einfluß« auf die Wahlkämpfer. Da man den Bauern etwas bieten müsse, Sinnvolles aber niemandem einfalle, blieben die »nachwachsenden Rohstoffe« eben ein Thema.
Da war es denn auch nur logisch, daß der Bundestag in der vorvergangenen Woche ausdrücklich darauf verzichtete, beim Parlament ein ständiges Gremium zur Abschätzung von Technikfolgen einzurichten, wie es Bugls Enquete-Kommission einstimmig vorgeschlagen hatte.
Wozu auch das Geld ausgeben? Wer Argumente ohnehin übergeht, wenn sie ihm nicht passen, fühlt sich ahnungslos eben wohler.