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Mit einer neuen Software wollten die Gründer von Web.de die Kommunikation im Internet revolutionieren. Nun werden Millionen von Euro verbrannt.
Von Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 33/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Greve könnte sich ganz entspannt zurücklehnen, auf den Bahamas surfen und seinen Reichtum genießen. Schließlich hat der Mann aus Karlsruhe erreicht, wovon viele Möchtegern-Unternehmer der New-Economy-Ära immer nur geträumt haben: mit einer flotten Idee viel Geld zu machen - sehr viel Geld.

Zusammen mit seinem Bruder Matthias hatte er 1995 das Internet-Portal Web.de gegründet und es zehn Jahre später an den Wettbewerber United Internet verkauft - für mehrere hundert Millionen Euro in bar und ein dickes Aktienpaket an dem aufstrebenden Konkurrenten.

Doch Greve, 43, wollte sich damit nicht zufriedengeben. Der technikverliebte Schwabe, der einst sein Studium der Elektrotechnik nach dem Vordiplom abbrach, ist ein echter Tüftler und wollte unbedingt noch eine weitere »Erfolgsstory« produzieren. So etwas wie Ebay oder Google schwebte ihm vor.

Deshalb begann er im Herbst 2005, aus dem nicht verkauften Unternehmensteil der Web.de die Combots AG zu formen. Deren Ziel: mit einer »neuen, revolutionären Software« die digitale Kommunikation via Internet drastisch zu vereinfachen und zur »erfolgreichsten Firma der Welt für Web-Kommunikation« zu werden.

Die Realität sieht allerdings anders aus: Seit fast zwei Jahren fällt die Firma allenfalls durch Bilanzen auf, wie sie Börsianer selbst in den Blütezeiten des Neuen Markts nur selten zu sehen bekamen. Von Quartal zu Quartal verzeichnet der Geschäftsbericht beim Umsatz mit deprimierender Regelmäßigkeit nur die Zahl 0. In Worten: null komma null Euro Umsatz.

Das ist dann doch ein bisschen wenig für eine Firma, die im vergangenen Jahr einen Verlust von gut 33 Millionen Euro anhäufte. Dieses Jahr werden die Ausgaben kaum geringer ausfallen, was nicht weiter wundert: Die Firma beschäftigt immerhin rund 130 Mitarbeiter, darunter fünf Vorstandsmitglieder, und betreibt in Karlsruhe ein riesiges Rechenzentrum.

Selten hat sich ein gestandener Unternehmer so gewaltig verkalkuliert - und hält gleichzeitig so verbissen an seinen Plänen fest. Greve zeige »keine solide Marktanalyse«, sondern setze nur auf eine »Neue-Markt-Rhetorik von gestern«, schimpft Combots-Aktionär Christian Strenger.

Dabei ist Combots nicht Greves erster Versuch, die Wirtschaftswelt ein zweites Mal zu erobern. Schon vor einigen Jahren wollte er - noch als Technikchef von Web.de - mit dem Dienst Comwin »ein neues Zeitalter in der Internet-Kommunikation einläuten«. Der Service, mit dem Web.de-Nutzer per Internet telefonieren konnten, funktionierte zwar, hatte aber gegen die aufkommende Konkurrenz der Firma Skype keine Chance. Gleich nach der Übernahme durch United Internet wurde Comwin komplett eingestellt.

Umso gespannter hatten die Greve-Gläubigen auf das neue Produkt gewartet. Combots sollte E-Mail-Verkehr, SMS-Kommunikation, Datenversand und Telefonieren in nur einer kinderleichten Software vereinen. Im Juli 2006 war es so weit.

Mit einer gigantischen Lasershow, wie sie sonst nur der charismatische Apple-Gründer Steve Jobs zu inszenieren wagt, präsentierte Greve in Karlsruhe seine angeblich revolutionäre Kommunikationsplattform. »Drei Jahre haben wir im Keller gewerkelt«, rief Firmengründer Greve durch die Trockeneisnebel ins Publikum, »jetzt gehen wir in die Welt hinaus, um sie zu erobern.«

Seit September steht die Basisversion der Software, deren Entwicklung mehr als 50 Millionen Euro verschlungen hat, für jedermann kostenlos zur Verfügung. Wie ein Virus, so hoffte Greve, werde sich die spaßige Software verbreiten. Seither geschah - nichts. Die Web-Gemeinde ließ sich nicht infizieren. Selbst große Präsen-

tationen in den USA, in Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien brachten kaum Erfolg.

Gerade mal 20 000 Nutzer hatten sich nach einem halben Jahr bei Combots gemeldet. Inzwischen sind es zwar gut 30 000 - aber damit liegt die Firma immer noch Lichtjahre hinter den eigenen Planzahlen. Greve nennt das selbst »sehr unbefriedigend«. Für Experten ist der Grund klar: Jugendliche wollen nicht nur mit Freunden kommunizieren, sondern auf Web-2.0-Plattformen wie StudiVZ oder MySpace mit der gesamten Internet-Gemeinde. Geschäftskunden dagegen ist die Software zu verspielt.

»Die angekündigte Killerapplikation hat sich als Schlafmittel entpuppt«, urteilt Combots-Aktionär Strenger. Die einzig vernünftige Konsequenz, meint der einstige Chef des mächtigen DWS-Investmentfonds, sei die »Auflösung der Gesellschaft« und die Ausschüttung des Firmenkapitals an die Anleger. Zurzeit sei »alles Geld, das im Unternehmen verbleibt, akuter Verbrennung ausgesetzt«.

Doch davon will Greve vorerst nichts wissen. Tapfer hält er an seinen Plänen fest. Eines jedenfalls droht dem Unternehmen zurzeit nicht: eine Pleite. Denn Combots ist durch das Geld aus dem Web.de-Deal finanziell bestens gepolstert.

Beim jetzigen Stand könnte Greve mit null Euro Umsatz sogar noch etwa 20 Jahre durchhalten, bis das ganze Kapital verpufft ist. Und Sorgen über aufmüpfige Aktionäre wie Strenger muss er sich auch nicht unbedingt machen: Die Mehrheit des Aktienkapitals liegt in der Hand der Familie. KLAUS-PETER KERBUSK

* Bei der Präsentation der neuen Software am 13. Juli 2006 inKarlsruhe.

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