Medien Null Sinn
Notfalls bis in die Abendstunden, so hatten es die Herren von der »IG Top-Set« verabredet, wollte man über das Fernsehen der Zukunft verhandeln. Doch dann, am vergangenen Mittwoch, ging alles ganz schnell. Bereits am Nachmittag konnten die Abgesandten fast aller führenden deutschen TV-Veranstalter vom Treffen im Frankfurter Sheraton-Hotel in ihre Sende- und Konzernzentralen zurückkehren und dort frohe Kunde verbreiten: »Wir sind ein gutes Stück vorwärtsgekommen.«
Das Ziel: ARD und ZDF, der Privatsender RTL und dessen Muttergesellschaft Compagnie Luxembourgeoise de Telediffusion, die Konzerne Bertelsmann, Canal Plus und Telekom wollen gemeinsam eine Multimedia-Firma gründen, die das Fernsehen mit Milliarden-Investitionen revolutionieren soll.
Auf bald 200 Kanälen soll der Zuschauer dann endlos zappen, jederzeit zwischen Hochkultur und drittklassigen Filmen wählen, am Bildschirm einkaufen (Teleshopping) können und vieles mehr. Denn wenn im Frühjahr 1996 für das Massenpublikum die neue, digitale Übertragungsnorm eingeführt wird, können Kabel und Satelliten ein Vielfaches jener Datenmengen transportieren, auf die sie heute noch begrenzt sind.
Doch zuvor gilt es eine technische Hürde zu überspringen - mit der Top-Set-Box, einem multifunktionalen elektronischen Wunderkästchen. Ohne dieses Gerät (Preis: 600 bis 1000 Mark), das auch Integrated Receiver Decoder (IRD) oder schlicht Decoder genannt wird, kann kein Zuschauer etwas mit der neuen Programmflut anfangen.
Denn die komprimierten digitalen Signale, die künftig beim Zuschauer ankommen, müssen decodiert werden, damit sie auf dem Bildschirm sichtbar werden. Und das Top-Set kann noch mehr, beispielsweise verschlüsselt ausgestrahlte Abonnementprogramme wie Premiere oder, demnächst, MTV, freigeben und abrechnen. Auf Pay-TV als Einnahmequelle setzen nahezu alle Fernsehunternehmen von Kirch bis hin zum ZDF-Intendanten Dieter Stolte.
Die Goldgräberstimmung unter Medienmanagern wird freilich getrübt durch die Furcht vor einer Fehlentwicklung. Was wäre, wenn der Decoder in verschiedenen Varianten auf den Markt käme, wie es einst beim Videorecorder mit VHS, Betamax und Video 2000 der Fall war? Dann müßte der Zuschauer, je nachdem, wessen TV-Angebot er konsumieren will, unterschiedliche Boxen an sein Fernsehgerät anschließen.
»Ein Systemkrieg macht null Sinn«, verlautet es aus jener Runde, in der Medienmanager, Techniker und Juristen wie Ewald Walgenbach (Bertelsmann), Albrecht Ziemer (ZDF) und Hermann Kresse (RTL) gemeinsame Multimedia-Standards vorbereiten.
Dieser Verbund tritt an die Stelle der Media Service GmbH, einer gescheiterten Mega-Allianz aus Bertelsmann, Telekom und Leo Kirch. Das Trio, das den Markt allein beherrschen wollte, verboten die EU-Wettbewerbshüter Ende 1994.
Nun plant der Münchner Film- und Fernsehgrossist Kirch einen Alleingang. Seine Firma Beta-Technik präsentierte jüngst ein ausgereiftes IRD-Konzept, das dem Nutzer über das Fernsehen hinaus eine technische Traumwelt eröffnet: Eingebaute Modems und Anschlüsse für PC und CD-Rom-Laufwerke erlauben den Abruf von allerlei Onlinediensten ebenso wie das Telestudium oder den Austausch von Privatpost (E-mail).
Ob nun Kirchs Zauberbox schneller auf dem Markt ist oder die von Bertelsmann & Co. - welches System sich durchsetzt, wird wohl mehr von der Attraktivität der angebotenen Programme als von der Technik entschieden. Pläne für Spartenkanäle aller Art, vom Reisebis hin zu neuem Kino-TV, gibt es bei Kirch ebenso wie bei den Teilhabern der geplanten Multimedia-Firma.
Gegen das deutsche Bündnis setzt Kirch auf internationale Beziehungen. Er verhandelt mit den Firmen Time Warner und Viacom über neue Programmpakete für neue Kanäle.
Die erste Schlacht wird Kirch bei einem Sender schlagen müssen, den es schon gibt: der Pay-TV-Station Premiere. Dort sind er mit 25 Prozent und die Rivalen von Bertelsmann und Canal plus zu je 37,5 Prozent beteiligt. Y
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Neue digitale Ausstrahlungsnorm. Empfang über Satellit oder Kabel
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