Null und eins - DER SPIEGEL
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KONSUM-ELEKTRONIK Null und eins

Die Schallplattenindustrie bereitet die größte Umstellung seit 30 Jahren vor. Durch Einsatz von Computern sollen die Platten noch besser werden.
• aus DER SPIEGEL 8/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Erfolgsmeldung vom Sieg der Europäer über die Japaner kam aus Fernost.

Ende vergangenen Jahres hatten in Tokio Vertreter von 52 Elektronikkonzernen und Schallplattenfirmen darüber abzustimmen, nach welchen technischen Normen künftig Schallplatten produziert werden sollen. Alle 16 japanischen Vorschläge fielen durch, die Europäer lagen vorn.

»Das Schallplattensystem der Zukunft«, frohlockte Telefunken-Manager Rolf W. Schiering, »kommt aus Europa.«

Den Beifall der Hi-Fi-Experten fanden zwei Entwicklungen, die in den Elektroniklabors der AEG-Tochter Telefunken in Hannover sowie bei Philips im niederländischen Eindhoven ausgetüftelt worden waren.

Mit ihrer Tokioter Entscheidung beschleunigten die Konferenzteilnehmer das Ende der heutigen Stereo-Langspielplatten. Schon bald, verheißt Telefunken-Manager Schiering der Hi-Fi-Gemeinde, kann »der Konsument neue Schallplatten von unvorstellbarer Qualität zu annähernd gleichen Preisen wie heute kaufen«.

Die künftigen Schallplatten, tönt Claus Harder von Philips, »unterscheiden sich von den herkömmlichen Scheiben wie die Stereo-LP von Edisons Phonograph«.

Noch existieren die Wunderscheiben nur als gut gehütete Labormuster in Hannover und Eindhoven. Zur Berliner Funkausstellung im Herbst dieses Jahres will die Elektronikindustrie damit die Besucher auf ihre Stände locken.

Und dann, ab Mitte nächsten Jahres, so hofft die Branche, kann das große Geschäft beginnen. Denn der Weg zum ungetrübten Musikgenuß hat für die Industrie einen schätzenswerten Vorteil: Die Hi-Fi-Konsumenten müssen für rund 800 Mark neue Abspielgeräte erstehen -- die neuen Superplatten passen nicht auf die herkömmlichen Plattenspieler.

Nur ein Hindernis steht noch vor dem Milliardengeschäft: Ähnlich wie bei den verschiedenen Systemen der Videorecorder sind die Telefunken-Entwicklung und das Philips-System untereinander nicht austauschbar. Platten des einen Systems passen nicht auf das Abspielgerät des anderen. Für die Zukunftsmusik muß sich daher die Branche noch auf eine Norm einigen.

Selbst wenn es dabei noch Verzögerungen gibt -- aufzuhalten ist die Entwicklung nicht mehr. In 20 Jahren, so schätzen Experten, werden die heutigen Langspielplatten ganz vom Markt verschwunden sein.

Längst nicht so eilig wie die Gerätehersteller haben es mit der Umstellung die Schallplattenproduzenten. Denn ihnen bringen die besseren Klangkonserven nicht unbedingt zusätzlichen Umsatz.

Dennoch ist auch bei den Musikkonzernen unumstritten, daß ihr Produkt das schwächste Glied in der Kette von der Originalaufnahme zum heimischen Lautsprecher ist. Plattenspieler, Tonabnehmer und Verstärker wurden dank ausgeklügelter Mikroelektronik immer perfekter.

Die Platten hingegen, mit ihrem empfindlichen, aus dem Erdölprodukt PVC stammenden Rohmaterial, werden immer dünner und empfindlicher. Rauschen und Knistern, Knacken und Jaulen stört häufig den Musikgenuß.

Abgesehen davon, daß die Plattenpresser ihre Produkte oft recht sorglos herstellen, leiden die herkömmlichen Musikscheiben unter System-Mängeln.

So ist etwa bei Orchesterwerken der Bereich zwischen der leisesten und der lautesten musikalischen Passage bis zu zwanzigmal größer als er von den heutigen Schallplatten wiedergegeben werden kann. Um die enorme Dynamik etwa einer Brahms-Sinfonie verarbeiten zu können, komprimieren die Aufnahme-Ingenieure in den Schallplattenstudios den Originalklang. Sie lassen die lautesten Passagen leiser und die leisesten Stellen lauter erscheinen.

Deshalb klingen Schallplatten immer um eine Nuance verwaschener und sanfter als eine Live-Darbietung. Zudem stört bei leisen Passagen ein nicht zu eliminierendes Rauschen den Hörgenuß.

Schon vor etwa 30 Jahren, als die Schallplattenindustrie sich gerade von der Schellackplatte auf die moderne LP umstellte, entdeckten Forscher in Amerika, daß die Computertechnik auch für die Tonaufzeichnung nutzbar gemacht werden könnte. Doch erst zwanzig Jahre später wurde der Computer zu einer ernsthaften Konkurrenz für das vor mehr als hundert Jahren von Thomas Alva Edison entwickelte Verfahren der Tonaufzeichnung.

Bei diesem im Prinzip immer noch gültigen Verfahren werden die Schallschwingungen der Musik von einem Mikrophon in elektrische Impulse umgewandelt. Die dem Schalldruck analogen elektromagnetischen Signale des Mikrophons werden von den Magnetteilchen des Tonbands und schließlich von den Rillen der Schallplatte konserviert. Bei der Wiedergabe mittels Tonabnehmer, Verstärker und Lautsprecher läuft die Wandlung umgekehrt.

Bei den von Philips und Telefunken verwendeten Verfahren wird der Schall nicht mehr analog aufgezeichnet, sondern in digitaler, also zahlenmäßig verschlüsselter Form festgehalten. Dabei jagen die Techniker die vom Mikrophon eingefangenen Schallwellen durch einen Computer, der die Schallwellen verschlüsselt.

Bis zu 50 000mal in der Sekunde tastet ein daumennagelgroßes Elektronengehirn S.110 die Schwingungen ab. Der Chip speichert die Meßwerte in einer 14- bis 16stelligen Kombination der Zahlenwerte »Null« und »Eins« auf Tonband und Platte. Dieser digitale Computercode (nach englisch »digit« für Ziffer) muß schließlich über einen weiteren Chip im Plattenspieler (Digital-Analog-Wandler) wieder entschlüsselt und in hörbare Schallschwingungen verwandelt werden.

Mit Hilfe des Computers ist es den Tontechnikern möglich, auch die kompliziertesten Schwingungskurven ohne den geringsten Fehler zu speichern und wiederzugeben.

Schon jetzt lassen alle großen Schallplattenkonzerne bei vielen Musikproduktionen, vor allem bei klassischen Werken, den Computer mitlaufen. Nur: Was die Industrie gegenwärtig unter dem Etikett »Digital« auf den Plattenteller bringt, ist noch ein Zwitter, der bisweilen schlechter klingt als konventionell geschnittene Langspielplatten.

Denn die bei Hi-Fi-Freaks so begehrten »Digitals« nutzen nur bei der Aufnahme im Studio die Computertechnik -- bei der Überspielung, Vervielfältigung und Wiedergabe wird wie gehabt analog verfahren.

Erst wenn die Superaufnahmen auch digital vervielfältigt werden, bringen sie in Verbindung mit den neuen Digital-Plattenspielern den totalen Musikgenuß.

Für den Plattenkäufer dürfte es dabei gleichgültig sein, ob er dereinst Digital-Platten nach dem Philips- oder nach dem Telefunken-Verfahren hört. Die beiden Systeme -- bei Telefunken wird eine 13,5 Zentimeter große »Mini-Disc« von einer Nadel abgetastet, Philips benutzt als Tonabnehmer für seine »Compact Disc« einen haarfeinen Laserstrahl -- sind technisch ziemlich gleichwertig.

Für die Hersteller fällt mit dem System-Entscheid jedoch gleichzeitig die Entscheidung über ein gewichtiges Zukunftsgeschäft. Um bei dem deutschholländischen Duell zu obsiegen, versucht derzeit jeder der beiden Konkurrenten, möglichst viele Schallplattenhersteller auf seine Seite zu ziehen. Denn wenn sich die Musikindustrie auf eine Norm geeinigt hat, müssen alle Gerätehersteller beim Systementwickler um Lizenzen nachsuchen.

Noch ist das Rennen nicht entschieden. Dennoch sind bereits wichtige Vorentscheidungen gefallen und haben mittlerweile die Chancen des AEG-Telefunken-Konzerns, nach dem Pal-Fernsehstandard eine weitere Weltnorm durchzusetzen, gegen Null gedrückt.

Philips erhielt nämlich inzwischen Verstärkung von den beiden größten japanischen Elektronikkonzernen, von Matsushita und von Sony: Beide wollen Plattenspieler nach dem Philips-Patent bauen. S.111

Bei dem Wettrennen haben Japaner und Holländer den zusätzlichen Vorteil, große Plattenfirmen in ihrem jeweiligen Konzern-Verbund zu besitzen.

Matsushita und seine Tochterfirma JVC unterhalten eigene Plattenpressen, und Sony ist so eng mit dem japanischen Tochter-Unternehmen des US-Mediengiganten CBS liiert, daß sich wahrscheinlich auch die Konzernmanager in New York für die »Compact Disc« der Niederländer entscheiden.

Die Holländer gebieten zusammen mit dem deutschen Elektrokonzern Siemens über einen der größten Schallplattenhersteller der Welt -- die Polygram-Gruppe.

Diesem Konglomerat von Elektronik- und Medienkonzernen hat AEG-Telefunken wenig entgegenzusetzen. Denn außer der AEG-Tochter Teldec hat sich noch kein Plattenproduzent für die »Mini-Disc« ausgesprochen.

Noch geben sich die Hannoveraner Digital-Entwickler optimistisch. Denn große Firmen wie Ariola, eine Tochter des Bertelsmann-Konzerns, die amerikanische RCA und die englische Thorn-EMI haben sich noch nicht festgelegt.

Für EMI trifft die Entscheidung womöglich nicht allein das Management, sondern einer ihrer Super-Stars: Pultstar und EMI-Vertragspartner Herbert von Karajan, ein guter Freund des Sony-Chefs Akio Morita, will bei den Osterfestspielen in Salzburg höchstpersönlich die Vorzüge der Philips-Sony-Entwicklung vor geladenen Gästen demonstrieren.

S.109Digital-Plattenspieler und »Compact Disc«; zum Vergleich:Stereo-LP.*

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