Nummernkonto 18010 - DER SPIEGEL
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KORRUPTION Nummernkonto 18010

Schwarze Kassen bei ABB: Mit über 300 Millionen Mark, geparkt bei Schweizer Banken, wurden offenbar auch Kunden in Deutschland geschmiert.
Von Dietmar Hawranek und Georg Mascolo
• aus DER SPIEGEL 6/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Milchglasscheiben öffnen sich automatisch, mit leisem Summen. Drinnen werden Besucher von einem Herrn in dunkelblauem Zweireiher freundlich begrüßt und in die oberen Etagen begleitet. Fast ebenso freundlich weist der Empfangsherr Touristen zurück, die im Bankhaus Julius Bär in der Züricher Bahnhofstrasse mal eben Geld wechseln wollen: »Das geht leider nicht. Wir sind eine Privatbank.«

Julius Bär legt Wert auf Diskretion und einen erlesenen Kundenstamm. Und beide Grundsätze haben dem Bankhaus in vielen Jahren einen hervorragenden Ruf eingebracht.

Von der Verschwiegenheit der Privatbanker fühlen sich nach Einschätzung deutscher Strafverfolger aber auch Unternehmen angezogen, die über ein Nummernkonto Geschäfte am Rande oder jenseits der Legalität abwickeln wollen: Provisions- oder Schmiergeldzahlungen. Eines dieser Unternehmen gehört zu den ersten Adressen der deutschen Industrie, die deutsche Tochter des schweizerisch-schwedischen Technologiekonzerns ABB.

Um an Aufträge in der Autoindustrie und im Anlagenbau zu kommen, so glaubt die Staatsanwaltschaft Mannheim, habe ABB zwischen 1993 und 1997 insgesamt mehr als 300 Millionen Mark auf Nummernkonten bei elf Schweizer Banken überwiesen und mit dem Geld ein System schwarzer Kassen eingerichtet. Aus diesen seien die Schmiermittel in die unterschiedlichsten Richtungen verteilt und auch schon mal in die eigene Tasche geleitet worden.

Die Mannheimer Staatsanwälte ermitteln gegen den ehemaligen ABB-Deutschlandchef Michael Pohr und andere. Der Vorwurf: Angestellten-Bestechung.

ABB hat »keine Kenntnis vom Stand der Ermittlungen«, sagt Unternehmenssprecher Martin Büllesbach: »Uns sind auch keine Überweisungen auf Nummernkonten bekannt.«

Die Fahnder dagegen können den Weg des Geldes bis in die Schweiz gut nachvollziehen. Millionen wurden von der ABB Kraftwerke AG über deren Konten bei der Deutschen Bank (017383100), der Commerzbank (431620236000) und der Dresdner Bank (688685100) in Mannheim überwiesen, unter anderem auf die Nummernkonten 18010 und 46391942 bei der Privatbank Julius Bär in Zürich.

Seit ein ABB-Manager den Ermittlern Details zu Protokoll gab, sind sie sich auch sicher, dass von den Schweizer Nummernkonten Schmiergeld für die unterschiedlichsten Aufträge gezahlt wurden. So soll unter anderem für die Aufträge bei den Müllverbrennungsanlagen Böblingen, Pirmasens und Fürstenfeldbruck, beim Heizkraftwerk Bonn und dem Kraftwerk Rostock geschmiert worden sein.

Auf die Spur der 300 Millionen Mark stießen die Fahnder bei Ermittlungen zur Affäre »Netzwerk«. So wird ein angeblicher Schmiergeldring in der Autoindustrie bezeichnet, der von Zulieferern Provisionen kassiert haben soll. Die Ermittlungen löste ABB 1997 selbst aus - mit einer Anzeige gegen den ehemaligen VW-Einkaufsvorstand Ignacio López und andere wegen des »Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung«.

Als die Fahnder den Fährten folgten, entdeckten sie auch Schmiergeldzahlungen, die den Anlagenbau und das Kraftwerksgeschäft von ABB betrafen.

Im Anlagenbau müssen Konzerne für Aufträge in Asien, Afrika oder Lateinamerika oft Schmiergeld zahlen. In vielen Ländern »bekommen Sie keinen Auftrag, wenn Sie sich nicht an diese Gepflogenheiten halten«, sagt etwa Arnold Willemsen vom Bundesverband der Deutschen Industrie.

Solche Zahlungen für Auslandsaufträge, die als »nützliche Aufwendungen« bezeichnet werden, waren nach deutschem Recht bis Anfang vergangenen Jahres legal und konnten steuerlich abgesetzt werden. Unternehmen wickelten sie oft über Nummernkonten in der Schweiz ab, weil die Empfänger, Beamte, Minister oder ausländische Staatschefs, die Herkunft verschleiern wollten.

Die ganz selbstverständliche Korruption bei Auslandsaufträgen regt offenbar die Phantasie der Manager in Deutschland außergewöhnlich an. Ist das Geld erst einmal auf einem Nummernkonto, kann sein weiterer Weg in der Regel kaum verfolgt werden. Besonders, wenn es bar abgehoben und dann diskret in einem Koffer weitergereicht wird.

Warum sollten Manager, die Millionen über schwarze Kassen steuern, nicht auch etwas auf die eigenen Konten fließen lassen? Und warum sollten sie nicht auch Schmiergeld zahlen, um Aufträge in Deutschland zu bekommen? Beides fand nach den Erkenntnissen der Fahnder bei ABB statt.

Für die Ermittler ist ABB dennoch ein Sonderfall. Im Gegensatz zu vielen anderen Konzernen, die solche Fälle gern verschweigen, überführte Manager zum freiwilligen Ausscheiden drängen und ihnen auch noch ein positives Zeugnis ausstellen, drängt ABB auf Aufklärung und fordert von einem ehemaligen Geschäftsführer sogar Schadensersatz.

Bereits aufgeklärt ist der Fall Müllverbrennungsanlage Böblingen. Für einen Auftrag im Wert von rund 60 Millionen Mark soll der Geschäftsführer des Böblinger Müllofens 900 000 Mark Schmiergeld von ABB zugesagt bekommen haben. Als die Sache aufflog, sollen bereits 400 000 Mark ausgezahlt worden sein.

Im Fall der mutmaßlichen Schmiergeldzahlungen in der Autoindustrie werfen die Ermittler dem ehemaligen Chef der ABB Oberflächenanlagen GmbH vor, das System für eigene Zwecke genutzt zu haben. Er soll 16,3 Millionen Mark, die er angeblich als Schmiergeld weitergereicht hat, auf die eigenen Konten gelenkt haben.

ABB zahlte an die Firmen CC-Partner, Boresta und Technacount in Luzern und München Honorare für angebliche Beratungsleistungen bei Aufträgen des VW- und des General-Motors-Konzerns. Vom 7. April 1994 bis zum 18. Mai 1995 flossen nach jüngsten Erkenntnissen der Ermittler dafür insgesamt 19 339 425 Mark auf die Konten der Firmen. Die zahlten dann, nach Abzug von Spesen, den Großteil des Geldes an einen ABB-Manager bar aus. Der reichte es an den Chef der ABB Oberflächenanlagen weiter.

So hat dieser ABB-Manager insgesamt 16,3 Millionen erhalten. Er sagt, er habe das Geld an einen Unbekannten übergeben, der sich als Mittelsmann für die Schmiergeldempfänger ausgegeben habe.

Die Fahnder bezweifeln diese Aussage. Sie stellten fest, dass der ehemalige ABB-Manager, kurz nachdem er Bargeld erhalten hatte, oft Summen von 500 000 bis zu 3 Millionen Mark in bar auf sein Konto bei der DG Bank in Luxemburg eingezahlt hatte. Die Staatsanwälte gehen davon aus, dass er die gesamten 16 Millionen selbst kassiert hat.

Der Anwalt der Beschuldigten sagt, das Geld stamme aus anderen Quellen. ABB hat seinen ehemaligen Geschäftsführer auf Schadensersatz in Höhe von 18 Millionen Mark verklagt.

Bei den Schmiergeldzahlungen im Kraftwerksbau benötigen die Staatsanwälte die Mithilfe der schweizerischen Justiz. Doch die erwies sich bisher als eher störrisch. Ein erstes Rechtshilfeersuchen, Kontoauszüge auszuliefern, um den Verbleib der 300 Millionen Mark nachzuvollziehen, wurde im vergangenen Jahr abgelehnt.

Die Mannheimer Staatsanwälte geben nicht auf. Sie wollen nicht hinnehmen, dass sie bei feinen Privatbanken wie Julius Bär ebenso abgewiesen werden wie ein Tourist, der mal eben Geld wechseln will. Sie haben einen neuen Antrag auf Rechtshilfe gestellt. DIETMAR HAWRANEK, WOLFGANG KRACH, GEORG MASCOLO

Wolfgang Krach
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