Handel Nur mit Auto
Manchmal ist Rainer Leubner, Geschäftsführer des Horten-Kaufhauses in Frankfurt an der Oder, richtig neidisch. »Mit denen da draußen«, sagt er und zeigt nach Norden, »können wir uns nicht messen.«
Vor den Toren der Stadt erhebt sich eine mächtige Pyramide aus Glas, 26 Meter hoch, drum herum erstreckt sich auf 50 000 Quadratmetern ein Einkaufsparadies vom Feinsten: das Spitzkrug-Multi-Center, 200 Millionen Mark teuer, entworfen von einem Architekten aus Österreich.
Das Horten-Haus mitten in Frankfurt versprüht hingegen noch den Charme der späten DDR: Zwei vollgestopfte Verkaufshallen, gerade mal 5000 Quadratmeter groß, thronen auf einem unförmigen Betonklotz, dazwischen eine zugige Passage. Der Kunde, bekennt Leubner ratlos, kaufe eben heutzutage dort ein, »wo es ihm besser gefällt«.
Im vergangenen Jahr gaben die Frankfurter nur knapp 25 Millionen Mark bei Horten aus, kurz nach der Währungsunion waren es mal fast doppelt soviel. Erst bei rund 40 Millionen Mark Umsatz rechnet sich das Kaufhaus.
Für die Kölner Zentrale ist die Sache daher klar: »Sollte sich nicht in letzter Stunde noch eine Lösung abzeichnen«, so die offizielle Erklärung, werden sie den trostlosen Konsumtempel am 30. Juni dieses Jahres schließen.
So geht das nun schon seit Monaten: Die Kaufhausketten ziehen sich aus den ostdeutschen Innenstädten zurück. Sie kapitulieren vor den Märkten auf der grünen Wiese.
Die Warenhäuser, einst die Magneten der Innenstädte, haben kaum noch Anziehungskraft. Ihr Ende läßt die Stadtzentren weiter veröden, und den Einzelhändlern nebenan droht die Pleite.
Im Osten setzten die Kaufhäuser 1995 rund eine halbe Milliarde Mark weniger um als 1992. Die Krise im Handel, ausgelöst von einer spürbaren Zurückhaltung beim Konsum, trifft sie ohnehin schon hart. Bundesweit geht der Umsatz der Branche seit vier Jahren zurück. 1995 nochmals um vier Prozent. Noch stärker als im Westen aber sind die Warenhäuser in den neuen Bundesländern in der Kundengunst gesunken.
»Die Kaufhäuser müssen jede Mark dreimal umdrehen«, sagt Hubertus Tessar, Geschäftsführer im Hauptverband des Deutschen Einzelhandels: »Irgendwann fällt dann die Entscheidung, sich von absehbaren Verlustbringern zu trennen.«
So schloß Horten in den letzten Monaten bereits seine Häuser in Dessau, Gotha und Weimar. »Wir überprüfen derzeit alle Standorte«, heißt es in der Zentrale, in der seit zwei Jahren die Kölner Kaufhof AG das Sagen hat. Neben Frankfurt sind auch die Häuser in Stralsund, Halle und Jena von der Schließung bedroht.
Der große Rivale von Kaufhof, die Karstadt AG aus Essen, gab bereits in Brandenburg und Leipzig-Lindenau auf, bleibt aber in den fünf neuen Ländern noch an acht Standorten präsent. Schwerer erwischte es die Karstadt-Tochter Hertie. Seit Februar ist Berlin-Hellersdorf dicht; die provisorische Halle mit 10 000 Quadratmetern wird demontiert. Wenn Ende Juni auch noch das Warenhaus im brandenburgischen Schwedt schließt, existiert der Name Hertie nur noch in Erfurt und Dresden.
Plötzlich entpuppt sich als Fehlschlag, was nach dem Mauerfall eine sichere Erfolgsgeschichte schien. Damals waren Karstadt, Kaufhof und Co. die ersten, die für blühende Konsum-Landschaften im Osten sorgten.
Ruck, zuck belieferten sie die noch volkseigenen DDR-Häuser mit Ware und schlossen Kooperationsverträge ab. Jens Odewald, damaliger Kaufhof-Chef, schwärmte, in manchen Städten entstünden Spitzenlagen »eins a wie an der Frankfurter Zeil oder am Münchner Marienplatz«.
Als 1991 die DDR-Konsumpaläste zum Verkauf anstanden, steigerten alle mit. Horten sicherte sich sämtliche 13 Konsument-Warenhäuser. Gleich drei Bieter teilten sich die 14 Centrum-Filialen: Karstadt bekam sechs Häuser für 290 Millionen Mark, Kaufhof fünf für 260 Millionen Mark; die übrigen drei schnappte sich Hertie für 186 Millionen Mark.
Ohne langwieriges Bauen landeten die Handelsherren damit genau dort, wo ein klassisches Warenhaus in ihren Augen seinen Platz hat: mitten in der City. Doch ernüchtert müssen sie nun erkennen, daß die wahren Eins-a-Lagen draußen vor der Stadt liegen. Die alten Ost-Häuser sind gründlich aus der Mode gekommen.
In Frankfurt an der Oder etwa ging es mit dem Horten-Geschäft sofort bergab, als das Spitzkrug-Multi-Center seine Pforten öffnete. »Im Westen trafen die neuen Märkte auf funktionierende Innenstädte«, klagt Kaufhausdirektor Leubner. Doch mit den angestaubten Konsumtempeln der Honecker-Zeit war offenbar kaum eine Verkaufsschlacht zu gewinnen.
Die Gigantomanie der neuen Betreiber draußen vor der Stadt kennt keine Grenzen, mit dem Chemnitz-Center (70 000 Quadratmeter), dem Leipziger Paunsdorf-Center (70 000 Quadratmeter) oder dem Saalepark (97 000 Quadratmeter) unweit von Halle entstanden Shopping-Destrikte US-amerikanischer Dimension. In den neuen Ländern ballt sich über 50 Prozent der gesamten Verkaufsfläche auf der grünen Wiese, im Westen sind es nur 20 Prozent.
Die Einkaufscenter bieten den erlebnishungrigen Kunden all das, was den Kaufhäusern in der Innenstadt fehlt: helle Verkaufsräume, großzügige und dennoch trockene Plätze zum Flanieren, Straßencafes, Volksfeste - und vor allem kostenlose Parkplätze. »Das ist das A und O«, glaubt Rolf Spannagel von der Berliner Forschungsstelle für den Handel, »die Menschen in den neuen Ländern kaufen immer noch am liebsten mit dem Auto ein.«
Derweil klagen die Warenhäuser in der City über verstopfte Straßen und staubige Baustellen. »Wen zieht es denn in diese marode Innenstadt ohne ausreichenden Parkraum?« fragt Wilfried Gatschke, Horten-Chef in Stralsund, wo Abraham Wertheim 1875 die Kaufhaus-Dynastie begründete.
Ständig kämen neue Geschäfte hinzu, klagt er: »In keiner anderen Kleinstadt Deutschlands stehen drei Quadratmeter Verkaufsfläche je Einwohner zur Verfügung.«
Da ist es kein Wunder, daß den Warenhäusern die Laufkundschaft wegbleibt: An einem normalen Samstagmittag schlendern pro Stunde etwa 13 000 Menschen über die Hamburger Mönckebergstraße oder 23 000 über die Berliner Tauentzienstraße. In den Einkaufsstraßen von Schwerin oder Erfurt ziehen gerade 2000 vorbei. Selbst in Leipzig oder Dresden flanieren samstags kaum mehr als 8000 Shopper pro Stunde.
Die Kommunalpolitiker stehen dem »Wildwuchs auf der Wiese« hilflos gegenüber. »Was sollten wir machen? Die Bürger haben das gefordert«, sagt Peter Schauer, Bürgermeister in Schwedt, einer 50 000-Einwohner-Stadt an der Oder, »und die Investoren aus dem Westen sind hier wie die Fliegen eingefallen.«
In Schwedt bekam Versandhandelskönig Werner Otto, 86, der im nahen Prenzlau einst zur Schule ging, den Zuschlag. Otto ließ 1994 das Oder-Center aus dem Boden stampfen und durfte sich dafür im Goldenen Buch der Stadt verewigen - wie einst Walter Ulbricht. Y