Nur noch ein Torso - DER SPIEGEL
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Nur noch ein Torso

• aus DER SPIEGEL 18/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Udo Wagner, 53, ist ein Steher. Bis zum bitteren Ende erfüllt der glücklose Vorstandsvorsitzende beim Bremer Vulkan seine Pflicht. Er will nichts unversucht lassen, um den maroden Schiffbaukonzern in letzter Minute doch noch zu retten. »Vielleicht«, so sagt er, »geschieht ja noch ein Wunder.«

Es müßte sehr schnell geschehen. Noch in dieser Woche ist mit dem Konkurs des Werftenkonzerns zu rechnen.

Zwar muß Vergleichsverwalter Jobst Wellensiek die Unterlagen zur Eröffnung eines Vergleichsverfahrens erst am 10. Mai beim Amtsgericht in Bremen abgeben. Doch selbst in der Konzernspitze rechnet niemand damit, daß es so lange dauern wird.

Am Dienstag läuft die Frist ab, die Wagner und Wellensiek mit dem Vergleich eingeräumt wurde: Drei Monate gibt es für die Arbeiter Konkursausfallgeld - und die sind dann um. Danach müßten Löhne und Gehälter in Millionenhöhe wieder aus der Konzernkasse gezahlt werden - doch die ist leer.

Mit dem Konkurs ist der Traum vom maritimen Technologiekonzern, den Ex-Chef Friedrich Hennemann bauen wollte, endgültig begraben, überleben wird nur ein Torso.

Die Ostwerften wurden nach langem Ringen bereits aus dem Verbund ausgeklinkt, beim Rest beginnt nun der große Ausverkauf. Für die High-Tech-Firma STN Atlas Elektronik, den Maschinenbauer Dörries Scharmann und zahlreiche kleinere Unternehmen werden Käufer gesucht. »Nur mit neuen Besitzern haben solche Betriebe eine echte Zukunft«, glaubt Wagner.

Völlig offen ist dagegen, was mit den westdeutschen Werften passiert. Der von Wagner präsentierte Sanierungsplan, der drastische Rationalisierungen und Personaleinsparungen vorsah, wurde bisher nicht einmal ernsthaft diskutiert. In solchen Krisensituationen, so hat der Manager erfahren müssen, werden Menschen zu reinen Egoisten. Jeder sei nur darauf bedacht, für seinen eigenen Standort möglichst viele Vorteile herauszuholen.

Die Macht, einen Sanierungsplan auch gegen Widerstände von Betriebsräten und Werften-Chefs durchzusetzen, hat Wagner nie besessen. Nur drei Wochen nach seinem Amtsantritt beim Bremer Vulkan Verbund am 1. Februar mußte der als Sanierer eingekaufte Manager die Zahlungsunfähigkeit des Konzerns erklären. Die Finanzlücken, die sein Vorgänger Hennemann hinterlassen hatte, waren nicht mehr zu stopfen.

Mit der Einleitung des Vergleichsverfahrens war Wagner jedoch nicht mehr Herr im eigenen Haus. Die Entscheidungen traf nun Vergleichsverwalter Wellensiek.

Doch der Manager warf, zur Überraschung seiner Branchenkollegen, den Job nicht hin. Verbissen kämpfte er um jede Chance, Teile des Konzerns doch noch zu retten. »Fast hätte es sogar geklappt«, sagt er heute.

Wenn das Konkursverfahren eingeleitet ist, will Wagner seinen Schreibtisch in Bremen jedoch endgültig räumen, dann wird er sich einen neuen Job in der deutschen Industrie suchen. Gerüchte, er gehe mit einer Abfindung in Höhe von zehn Millionen Mark, dementiert er, sein künftiges Gehalt werde mit seinen Forderungen aus dem Vulkan-Vertrag verrechnet. »Sobald ich eine andere Beschäftigung gefunden habe, werde ich nicht abkassieren.«

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