HANDEL Nur Phantome
In den Klubräumen der Frankfurter co op-Zentrale bewirtet Vorstandschef Bernd Otto, 48, seine Gäste nach anstrengenden Verhandlungen gern mit Sherry und Brandy aus der konzerneigenen Bodega Garvey. Am Donnerstag vergangener Woche mußte Otto bis nach Mitternacht warten, ehe er die Gläser zu einem Abschiedsschluck auf die Bartheke stellen konnte.
Vorausgegangen war eine ungewöhnliche Sitzung. Unter den Porträts der co op-Gründerväter mußten Otto und seine Vorstandskollegen Werner Casper und Dieter Hoffmann mehr als vier Stunden lang dem Präsidium des co op-Aufsichtsrats Rede und Antwort stehen. Erstmals stellten die Aufsichtsräte einige kritische Fragen zu dem wirr verschachtelten und hochverschuldeten Handelsriesen.
Am Schluß hatte es Otto wieder geschafft, seine Aufsichtsräte zu überrumpeln. Otto hat seine dubiosen Geschäfte, mit denen die Firma ausgehöhlt wird, nicht erklärt, entscheidende Zahlen wurden nicht vorgelegt.
Schließlich ließ sich der innere Zirkel des Aufsichtsrats sogar von Otto mit ins Boot ziehen. Die Herrenrunde »bestätigte« ausdrücklich »die Geschäftspolitik des Unternehmens«. Alle Spekulationen, daß es personelle Veränderungen
gebe, daß etwa Ottos Bilanzgenie Klaus-Peter Schröder-Reinke zum ersten Opfer der Affäre gemacht werden sollte, wurden zurückgewiesen.
Eines immerhin haben die Aufsichtsräte dem Vorstand abgerungen. Einige dunkle Bereiche des Konzerns sollen unter Kontrolle kommen. So soll die in aller Stille am Aufsichtsrat vorbei aufgebaute Auslandsholding Garvey AG (1,5 Milliarden Mark Umsatz) »in den co op-Konzern integriert« werden, wie eine co op-Pressemitteilung trocken verkündet. »Zur weiteren Entwicklung von Transparenz und Kontrolle« soll auch der deutsche co op-Ableger, die Handels-Investitions GmbH (HIG), näher an den Konzern gebunden werden.
In diese Firma hat Otto einen Großteil des ehemaligen Genossenschaftsvermögens verschoben. Die HIG soll nun von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse durchleuchtet werden.
Otto hat damit Zeit gewonnen. Eine Chance für einen neuen Anfang ist es noch nicht. Der Schweizerische Bankverein, der die Handelsfirma vor einem Jahr an die Börse führte, macht deshalb nun Druck und will den Vorsitz im Aufsichtsrat übernehmen.
In der Sitzung, die unter anderem auf Druck des stellvertretenden Aufsichtsratschefs Günter Döding (Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten) zustande gekommen war, hat Otto nämlich erneut keine der wichtigen Fragen beantwortet: Wem gehört denn die Garvey-Holding? Wo sind die Gewinne hingeflossen? Wer versteckt sich hinter Treuhändern und Briefkastenfirmen?
Nach wie vor ist auch nicht belegt, wer die Eigentümer der co op sind. In der Erklärung, die Pressesprecher Armin Peter nach der Nachtsitzung am Freitag abgeben durfte, ist dieser entscheidende Punkt überhaupt nicht erwähnt.
Aus gutem Grund: Die co op, das mochte auch Otto nicht mehr bestreiten, gehört praktisch sich selbst. Es wurde, so ein Präsidiumsmitglied, »eine rechtliche Konstruktion gewählt, die keinen Verstoß gegen das Aktienrecht bedeutet. Wirtschaftlich gesehen läuft das aber auf das gleiche raus«.
Der Trick bestand einfach darin, ein Gestrüpp Hunderter von Firmen heranzuziehen und die co op-Anteile immer weiterzuschieben. Zugleich hat Otto der Öffentlichkeit immer wieder vorgegaukelt, der Aktionärskreis sei im wesentlichen gleichgeblieben.
Es ist bemerkenswert, wie lange ein solches Gespinst halten kann. Zunächst war immer von vier sogenannten Altaktionären die Rede. Als dann der SPIEGEL nachwies, daß diese Altaktionäre nur Phantome sind, kam eine neue Legende zur Welt. Danach, so las es sich vergangene Woche in der »Süddeutschen Zeitung«, sollte sich »die Mehrheit an co op bei vier großen Banken« befinden, so bei der Commerzbank, der niederländischen Amro-Bank und der Genossenschaftlichen Zentralbank (GZB) in Basel.
Alles Unfug: Die Commerzbank, aber auch die Amro-Bank, die vor zwei Jahren einmal 7,3 Prozent der co op-Aktien hielt, bestreiten energisch, irgendwelche co op-Anteile zu halten; ebensowenig seien ihnen Aktien als Sicherheiten für Kredite verpfändet worden.
Die GZB in Basel dagegen hält in der Tat 38 Prozent der co op-Anteile. Doch sie ist dabei nur als Treuhänder tätig. Für wen? Natürlich Bankgeheimnis.
Nach der Präsidiumssitzung vom Donnerstag will der Vorstand nun auf die Suche nach möglichen Käufern für die eigenen Aktien gehen. Das wird nicht einfach sein. Bei den Banken, bei den Kleinaktionären und in der co op-Belegschaft wächst die Unruhe. Immer häufiger ziehen co op-Angestellte Vergleiche zum Fall Neue Heimat. In den Aktionärsbüros, in denen die Anteilsscheine der Kleinaktionäre vermittelt werden, stapeln sich die Verkaufsaufträge.
Auch die Banken stützen nur noch zögernd ein Management, das auf bestem Wege ist, den Konzern in eine Existenzkrise zu führen. Schon Ende vorvergangener Woche kam der neue Kredit, mit dem die co op den Kauf der vor einem Jahr übernommenen Werhahn-Läden (Bolle, Safeway, Schade + Füllgrabe, Schätzlein) finanzieren will, nur mit Mühe zustande.
Ursprünglich wollte das Bankenkonsortium einen Kredit über 500 Millionen Mark bewilligen. Doch schließlich wurden es nur 425 Millionen.
Es war ein klares Mißtrauensvotum: Die Dresdner und die Commerzbank, die jeweils 50 Millionen zum Kredit beisteuern sollten, beschränkten ihr Engagement auf 20 Millionen. Die Bayerische Landesbank und die DSL Bank blieben dem Konsortium völlig fern.
Die Zurückhaltung ist verständlich. Schließlich schiebt der Handelsriese nicht nur einen gigantischen Schuldenberg, der nur teilweise in der Bilanz erfaßt ist, vor sich her. Auch im laufenden Geschäft steht es nicht zum besten. Allein in der Handels AG, die den größten Teil der co op-Umsätze erwirtschaftet, liegen die Umsätze in allen Regionen zwischen fünf und 15 Prozent unter den ohnehin sehr vorsichtig angesetzten Planzahlen.
Die Ertragsfähigkeit des Unternehmens sei nicht gefährdet, behauptet der Vorstand. Doch Branchenkenner stellen eine simple Rechnung auf: Bei einer durchschnittlichen Rendite - wie sie im Lebensmittelhandel üblich ist - von einem Prozent kann die co op bei zwölf Milliarden Umsatz allenfalls 120 Millionen Mark Gewinn erwarten. Demgegenüber stehen die Zinsen, die für die drei bis vier Milliarden Mark Schulden aufzubringen sind. Bei vorsichtig geschätztem Zinssatz von fünf Prozent sind das mindestens 150 Millionen Mark im Jahr.
Wie es mit dem angeschlagenen Handelsriesen weitergehen soll, wird spätestens auf der nächsten Aufsichtsratssitzung am 24. November abermals debattiert. Daß er selbst irgend etwas falsch gemacht hat, wird Otto kaum zugeben. Es war alles nur zum Wohle der Firma, an Rücktritt sei nicht zu denken.
Das ginge ja auch gar nicht. Wie soll der ehemalige Gewerkschaftsfunktionär dann die Häuser finanzieren, die er sich in aller Welt zugelegt hat? Wie soll er seine Jagdreisen nach Südafrika, die Ausflüge nach Brasilien und Kanada bezahlen? Wer versorgt seinen Hausverwalter und den Hund, die das Haus im spanischen Süden bewachen?
Es geht einfach nicht anders: Der Aufsichtsrat wird Ottos Vertrag, der im November verlängert werden müßte, wohl auf seiner nächsten Sitzung noch einmal unterzeichnen müssen.